Gabriele Weinfurter
"Man soll die Dinge so einfach wie möglich machen,
aber nicht einfacher."
Albert Einstein
Theoretische Erklärung
und
Nachschlagewerk
Die Theorie über die Stimmfunktion stellt die anatomischen, physiologischen, biologischen, neurologischen, akustischen und psychologischen Zusammenhänge der Funktion des menschlichen Instrumentes Stimme nach momentanen wissenschaftlichen Kenntnissen dar. Es handelt sich nicht um eine abgeschlossene Lehrmeinung, sondern um einen Erkenntnisprozess, der jetzt und in Zukunft ständig erneuert und erweitert wird.
Zitat Rabine-Institut
Gesang als Quelle von Freude und Gesundheit, als kulturelle, rituelle und spirituelle menschliche Ausdrucksform ist elementarer Bestandteil der menschlichen Kultur. Singen verlängert das Leben, macht glücklich und obendrein gesünder, indem es das Herz-Kreislaufsystem, das vegetative Nervensystem und die Abwehrkräfte stärkt, wie viele Studien belegen. Vom Ursprung her ist er verwandt mit dem „Jauchzen“, einer Lautäußerung, die Säuglinge schon in den ersten Lebensmonaten als Ausdruck höchsten Vergnügens von sich geben. Bemerkenswert ist, dass sie einatmend jauchzen, aber ausatmend weinen. In der Bedeutung, Glücksgefühle oder Freude zum Ausdruck zu bringen, wird Jauchzen und Singen gern in einem Atemzug genannt. Die Art zu singen, wie wir Menschen es tun, ist etwas, was unsere Spezies, den Homo sapiens sapiens, von allen anderen unterscheidet: Durch unseren speziellen Körperbau sind wir als Einzige in der Lage, diese besondere Lautäußerung hervorzubringen. Singen in dieser Form hat Eugen Rabine als „funktionalen Gesang“ bezeichnet und als komplexesten zusammengesetzten Reflex des Körpers beschrieben. Es ist in allen Menschen von Geburt an angelegt. Jeder kann ihn für das eigene Wohlbefinden nutzen.
Die Aufgabe, singen zu lernen, besteht also nicht darin, etwas gänzlich Neues, dem natürlichen Verhalten Widersprechendes oder Aufgesetztes zu erlernen. Es geht darum, etwas im Körper bereits Angelegtes von unterbewussten Gewohnheiten und Schutzmechanismen zu befreien, um die daran beteiligten Parameter für eine „Luxusfunktion“ zu optimieren. So wird das, was als Anlage schon von Natur aus da ist, durch die Selbstheilungskräfte des Körpers zur Entfaltung aus sich heraus gebracht. Dann kann die emotionale Funktion dieses Verhaltens in vollem Maß erfüllt werden: Singen kann die komplexe Psyche des Menschen durch die Ausschüttung von „Glückshormonen“, etwa Endorphinen, Serotonin und Dopamin, von innen heraus regulieren. Zahlreiche Studien belegen seine euphorisierende Wirkung. Mehr noch: Durch das immer feinere Zusammenspiel der Atmung mit der Erweiterung und Tonisierung des Körpers und die regelmäßigen Vibrationen beim Singen wird Verbundenheit von Körper und Psyche im Augenblick bewusst erfahrbar, wie es in passiverer Form ja auch Ziel jeder Meditationstechnik ist. So wird die Fähigkeit, zu singen, zu einer jederzeit verfügbaren Oase des Wohlgefühls, einem Rückzugsort in die innere Harmonie, unabhängig davon, welche äußeren Umstände und Einflüsse gerade herrschen. Funktionale Stimmarbeit eignet sich für alle Stilrichtungen, und ebenso für Menschen in Sprechberufen. Sie wird auch in den Bereichen der Logopädie, Phoniatrie, Musiktherapie, Psychotherapie und zur Entwicklung neuer therapeutischer Richtungen angewendet.
Beim Saugreflex wird durch die sich vergrößernde Kieferöffnung bei aktivem Lippenring der Rachenraum immer mehr horizontal und vertikal erweitert, der Kehlkopf immer weiter abgesenkt und so der Sog erhöht. Der Vokaltrakt setzt der einströmenden Atemluft geringstmöglichen Widerstand entgegen, so dass die Einatmung optimal schnell und effektiv erfolgen kann. Dadurch wird die die Einatmungsmuskulatur bestmöglich trainiert und fähig, die Muskelspannung auch während der Ausatmung dominant aufrechtzuerhalten.
VORWORT
Diese Seite ist gedacht zur Information für alle, die mit der Stimme arbeiten, ob im Sänger- und Sprecherberuf oder auf pädagogischer Ebene in Schule und Chor. Für alle Menschen, denen ein gesunder, nachhaltiger Umgang mit den Ressourcen und Möglichkeiten des Körpers zu Selbstausdruck und Selbstheilung ein Anliegen ist, soll es als Orientierungshilfe dienen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist für mich auch, zu beleuchten, welche Ansätze unterstützend wirken für das, was von Natur aus im Organismus angelegt ist, und welche dem eher zuwiderlaufen.
Die Fähigkeit, zu singen, ist nach der funktionalen Definition ein reflektorisches Geschehen, und als Anlage angeboren. Die ausdehnende Einatmungsmuskulatur dosiert dabei während der Ausatmung den Atemstrom. Wie alle anderen autonom ablaufenden Körperfunktionen auch dringt das zugrundeliegende Programm nicht ins Tagesbewusstsein. Die Schutzhaltungen, die ihn begleiten, sind daher ebenfalls nicht bewusst erkennbar. Um persönliche Strategien umzuprogrammieren, müssen dem System schützende Alternativen angeboten werden, damit der Organismus bereit ist, selbst installierte Schutzgewohnheiten aufzugeben. Der Körper versucht immer, die bewusst oder unterbewusst an ihn gestellten Anweisungen in die Tat umzusetzen. Darum ist es elementar wichtig, dass sie den im Körper angelegten Funktionen entsprechen. Alles andere führt zu Manipulationen der natürlichen Gegebenheiten und damit langfristig zu gesangstechnischen Problemen.
Die Seite ist aufgebaut als Nachschlagewerk. So kann man sich darin gezielt über bestimmte Themenbereiche informieren. Ich möchte versuchen, einen Überblick über den heutigen Wissensstand zu diesem Thema zu geben. Eugen Rabine hat dazu zusammen mit seinem Team in jahrzehntelanger Forschungsarbeit Herausragendes geleistet. Sein Konzept ist aufgebaut auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen über stimmfunktionale, muskuläre und neurologische Zusammenhänge sowie deren akustische Wechselwirkungen untereinander. Sie wurden von Fachleuten aus den Sparten Gesang, Medizin, Neurologie, Stimmwissenschaft und Akustik gemeinsam erforscht. Die Ergebnisse dieser Forschungen decken sich in bemerkenswerter Weise mit dem italienischen „Belcanto“. Das ist keine festgeschriebene Gesangslehre, sondern die Leitsätze dieser Tradition haben sich über viele Generationen hinweg infolge genauer Beobachtung der körperlichen Vorgänge beim Singen entwickelt und etabliert. Das Wissen darüber wurde über 400 lang Jahre von Lehrer zu Schüler weitergegeben und war die Basis für die außerordentliche Gesangskunst im Italien des 17. bis 19. Jahrhunderts. Es ist bemerkenswert, dass auch die Technik heutiger Profisängerinnen und -sänger auffallend häufig Merkmale sowohl der traditionellen Aussagen des Belcanto als auch der Erkenntnisse der funktionalen Stimmforschung aufweist. Obwohl beide Ansätze zeitlich sehr weit auseinanderliegen und im Falle der funktionalen Gesangslehre noch gar nicht flächendeckend bekannt sind, scheint es ein dem singenden Menschen immanentes Wissen über die effektivste Art der Stimmbehandlung zu geben. Übereinstimmend zeichnen sich die entsprechenden Gesangsstile durch eine den von der Natur vorgegebenen Voraussetzungen folgende Herangehensweise und einen wohltönenden Klang aus.
Das Ziel des funktionalen Gesangstrainings ist der körpergerechte und nachhaltige Umgang mit der Stimme. Er erhöht ihre Differenzierungsmöglichkeit, Tragfähigkeit und Widerstandsfähigkeit und steigert die Lust am Singen erheblich. Stimmliche Alterungsprozesse können dadurch verlangsamt und ihre Auswirkungen minimiert, teilweise sogar rückgängig gemacht werden. Durch funktional gesundes Singen können Sängerinnen und Sänger aller Stilrichtungen ihr Instrument optimal pflegen und lernen, ihr volles stimmliches Potential zu entwickeln und aufrechtzuerhalten bis ins hohe Alter. Obendrein kann die Art, offen, achtsam und positiv mit sich selbst umzugehen, sich nach und nach auch im Alltag manifestieren und ihre physisch wie auch psychisch befreiende, aufrichtende und stabilisierende Wirkung entfalten. Die funktionale Stimm- und Körperarbeit kann deshalb als lebenslanger Entwicklungs- und Heilungsprozess für Körper und Psyche betrachtet werden. Den zahlreichen anderen ganzheitlichen Körpertechniken und Heilmethoden wie Feldenkrais oder Yoga hat sie im Hinblick auf die künstlerische Komponente sogar etwas voraus.
Ich möchte aber betonen, dass man nicht mit Hilfe einer theoretischen Beschreibung Singen lernen kann, genauso, wie das Wissen über neurologische und muskuläre Zusammenhänge keine physiotherapeutische Behandlung ersetzt. Die sängerischen Abläufe isoliert anzusteuern ohne echte Absicht, zu singen, führt zu Verfälschung und Störung der unbewussten reflektorischen Vorgänge. Wissen kann aber die bildliche Vorstellung fördern und so die Wahrnehmungsdifferenzierung und mentale Verknüpfung unterstützen. „Wissen ohne Praxis, das heißt, ohne es zu üben oder anders praktisch anzuwenden, hat wenig Bedeutung.“ sagt Eugen Rabine dazu. (Renate Rabine, „Die theoretischen Werke von Eugen Rabine – vol. 1“, S. 6)
Ein wichtiges Ziel für mich als Gesangspädagogin ist auch, Menschen eine Stimme, ihre Stimme zu geben, damit sie sich bemerkbar machen, kraftvoll ihren Platz einnehmen, offen, aufrecht und aufrichtig ihre persönliche Wahrheit kundtun, kreativ und flexibel auf Veränderungen reagieren und selbst-bewusst konstruktive, harmonische „Vibes“ in die Welt senden können.
FUNKTIONAL SINGEN, WAS IST DAS?
Möglichst einfacher Erklärungsansatz für ein sehr komplexes Geschehen
Haltung, Aufrichtung, Atmung
Um zum Singen ein möglichst effizientes „Instrument“ zur Verfügung zu haben, ist es sehr hilfreich, die bestehenden Zusammenhänge zwischen der Körperaufrichtung, einer speziellen sängerischen Atmung und der besonderen Gesangsfunktion unseres Stimmapparats zu berücksichtigen.
Die Stimmlippen sind evolutionär gesehen das letzte und auch zuletzt entstandene Ventil zum Schutz der Atemwege. Durch seine Fähigkeit zu blitzschneller, vegetativ gesteuerter Schließung bei geringster Irritation schützt es sie vor dem Eindringen von Fremdkörpern. (Man stelle sich nur das berühmte eingeatmete Staubkorn vor, das zu sofortiger Schließung der Stimmlippen mit darauf folgender Hustenattacke führt!) Weil Fremdkörper von außen in uns eindringen, sind die Stimmlippen neuronal mit den Einatmungsmuskeln verknüpft. In jeder Einatmung, besonders natürlich in einer großen, haben sie eine erhöhte Bewegungs- und Schließbereitschaft. Sie sind in der Lage, von selbst zu schließen. Ihr Verschluss fühlt sich präzise an, manchmal kaum fühlbar. Deutlich wird dieser Reflex beim Schluckauf, nach heutigem Kenntnisstand einem vorgeburtlichen Training der Einatmungsmuskeln.
Durch die Schließung der Stimmlippen in der Einatmung und den daraus folgenden Unterdruck in der Lunge wird eine dominante Kraftanwendung zum Körper hin möglich, z. B. ein Klimmzug. Von der Funktion her sind sie also ein Unterdruckventil: Sie schützen die Lunge vor Aufblähung. Auch wenn das Ventil geschlossen ist, bleibt die Flexibilität des Körpers vollständig erhalten, denn es ist dazu entstanden, dass bestimmte differenzierte Bewegungen ausgeführt werden können.
Dem entgegen steht ein weiteres, etwa einen Zentimeter oberhalb der Stimmlippen gelegenes Ventil: Das sind die sogenannten Taschenfalten, Schleimhautlappen, die in die Luftröhre hineinhängen. Sie haben selbst fast keine Muskeln. Während der Ausatmung können sie von Nacken- und Rachenringmuskeln sowie der Zunge geschlossen werden. Sie dienen der Stabilisierung des Rumpfes bei dominanter Kraftanwendung weg vom Körper, wie beim Gebären oder Schieben. Darum sind sie neuronal mit den Ausatmungsmuskeln verschaltet. Für die Ausatmung verengt sich der Rumpf durch die Kontraktion der Bauchmuskeln. In dieser „Überdruckfunktion“ sind differenzierte Bewegungsabläufe nicht möglich. Der davon ausgelöste teilweise Verschluss der Taschenfalten und reflektorisch auch der Stimmfalte fühlt sich eher großflächig an, der Hals geht „zu“. Je mehr Druck wir aufwenden, umso größer wird die Verschlussfläche.
Die Natur hat uns den Luxus in die Wiege gelegt, dieses Organ zum Singen nutzen zu können. Möglicherweise ist das ursprünglich entstanden als natürliche Ressource zur Selbstregulation unserer differenzierten und daher störanfälligen Psyche. Sicher ist, dass Singen in hohem Maße Endorphine, Serotonin und Dopamin ausschüttet, ohne direkten Bezug zu den lebenserhaltenden Körperfunktionen.
Um in den Modus des Gesangsreflexes zu kommen, nutzen wir die Kopplung unserer Stimmlippen mit der Einatmungsmuskulatur, weil das ihre Bewegungsbereitschaft erhöht. Der erste, entscheidende Schritt ist eine große, effektive Einatmung. Ab etwa 50 % Lungenvolumen aktiviert diese sängerischen Einatmung den Regelkreis der reflexgesteuerten Stimmerzeugung. Am Ende rotieren die Schulterblätter leicht nach außen. Zugleich erweitert sich der Brustkorb bis hinauf zur fünften Rippe. Diese Bewegung, verbunden mit einem Gefühl des „Aufatmens“, löst im Idealfall den Gesangsreflex neuronal aus. Vergleichbar ist diese für die funktionale Phonation unerlässliche Vorbereitung mit dem Starten eines Computers: Es ist notwendig für den Zugang zu den Funktionen, hat aber nichts mit der Nutzung der Programme zu tun. Ähnlich verhält es sich mit dem Radfahren: Ohne zuvor aufzusteigen, kann man nicht fahren. Diese komplexe Bewegung erfordert aber einen extra Lernprozess, der unabhängig von der Optimierung der Bewegungsabläufe beim Fahren selbst erfolgt.
Wenn wir singen, was wir ja in der Ausatmung tun, werden die Bewegungsabläufe trotzdem weiter dominant von der Einatmungsmuskulatur geleitet. Dadurch bleiben die Stimmlippen im Aktivitätsmodus. Darum ist die Ausatmung beim Singen sanft, mit wenig Luftdruck unter den Stimmlippen und immer von der Einatmungstendenz balanciert. Der Hals bleibt „offen“. Das nennt Eugen Rabine „Unterdruckfunktion“.
Im Gegensatz zum Singen ist Schreien eine Ausatmungsfunktion. Es entsteht durch die Aktivierung der schrägen Bauchmuskeln und ist aus diesem Grund mit Überdruck gekoppelt. In gefährlichen Situationen ist eine Anspannung der Bauchdecke und eine davon ausgelöste Verengung der oberen Luftwege bei gleichzeitiger Tongebung durchaus sinnvoll. Dadurch sind sowohl Lunge und Herz als auch die Weichteile geschützt. Dass diese Art der Tonerzeugung die Stimmbänder strapaziert, ist in solchen Augenblicken angesichts ihrer Bedrohlichkeit sekundär.
Also ist die Tätigkeit des Singens auf der einen Seite beglückend und befreiend, auf der anderen Seite ist sie nur in einem geschützten Rahmen optimal möglich: Nur wenn der Mensch sich sicher fühlt, kann er sich und damit den Vokaltrakt in der Weise öffnen, dass diese Öffnung zum Gesangsreflex führt.
Die Bauchmuskeln, die Haupt-Ausatmungsmuskeln, sind durch die Erweiterung der Rippen zu Beginn der Klangerzeugung gedehnt. Sie werden während des Singens nach und nach aktiver, je länger die Phrase dauert. Der Bauch darf also nach innen gehen. Das geschieht ganz von selbst, wenn die Einatmungsmuskeln im Bereich der oberen Rippen aktiv bleiben. Dann ist das die antagonistische Reaktion auf die kontrollierte Entspannung und damit die Aufwärtsbewegung des Zwerchfells in der Ausatmung. Bei dieser sängerischen Ausatmung sinkt der obere Brustkorb nicht zusammen. Der Luftverlust führt zu einer allmählichen Verengung im Bereich der freien Rippen unterhalb des Brustbeins, in der Folge auch darunter im Oberbauch. Eine bewusste Kontraktionsbewegung des Bauches während des Singens ist aber kontraproduktiv. Sie würde den Regelkreis der Überdruckfunktion in Gang setzen. Die Taschenfalten würden nach innen gedrückt, und der Resonanzraum dadurch verengt. Der Gesangsreflex würde zusammenbrechen.
Da die Stimmlippen primär ein Schutzorgan für die Atemwege sind, reagieren sie mit Schließtendenz auf jede Irritation im Vokaltrakt. Auch Luftverwirbelungen durch Resonanzstörungen aufgrund von auf akustischen Interferenzen, den sogenannten „Brüchen“, lösen diesen Schließreflex aus. Deshalb ist es unangenehm, auf Höhe des „Bruchs“ bzw. „Übergangs“ Töne zu erzeugen.
Das Zwerchfell ist der einzige reine Einatmungsmuskel. Alle anderen Muskelgruppen sind primär für die Körperaufrichtung zuständig. Erst sobald eine vollständige Aufrichtung gewährleistet ist, werden diese Muskelgruppen sekundär auch für die Einatmungsbewegung aktiv. Ein hoher und flexibler Tonus in der Beinmuskulatur wirkt sich deshalb unterstützend auf ihre Aktivität aus. Denn die Beinmuskeln dienen im Stand ausschließlich der Körperaufrichtung. Nur eine stabile und flexible Kette der Aufrichtungsmuskulatur von den Fußsohlen bis zum Atlas ermöglicht deshalb eine Einatmungsaktivität, die für das Auslösen des Gesangsreflexes ausreicht.
Aus diesem Grund ist funktionales Singen in den allermeisten Fällen bis zum Ende der Pubertät unmöglich. Die kindliche Körperaufrichtung und der nötige Tonus sind noch nicht vollständig entwickelt. Kinder singen daher in einer anderen Funktion als Erwachsene, einer Art Rufen. Deshalb entwickeln sie in den meisten Fällen auch kein Vibrato. Für dessen Entstehung braucht die Muskulatur eine gewisse Reife. Erst beim ausgewachsenen Menschen kann sie die erforderliche Spannung entwickeln.
Die Art der Stimmgebung von Kindern wird heute häufig in den Erwachsenengesang übernommen und vor allem in der Popkultur verwendet. Da nimmt sie inzwischen eine ästhetisch recht beachtliche Stellung ein. Demgegenüber ist das Singen mit Vibrato für viele Ohren ungewohnt, weil es auch in der Kindheit oft nicht gehört wurde. Heute findet man es seltener als früher, das Klangideal hat sich geändert. Weil sich aber zwischen agonistisch und antagonistisch arbeitender Muskulatur bei hoher Muskelspannung und effizienter Balance ein Entlastungszittern einstellt, ist Singen mit Vibrato eigentlich die natürlichste, gesündeste Singweise. Denn diese regelmäßige Schwingung wird zugleich mit der erzeugten Tonfrequenz beim Singen hörbar. Wahrscheinlich hat das Vibrieren auf den Tönen beim Instrumentalspiel, das heute allgemein verbreitet ist, seinen Ursprung in diesem Zusammenhang.
Vokaltraktgestaltung, Klangerzeugung
WIE die Luft durch unseren Mund nach innen kommt, hat auch ganz wesentliche Einflüsse auf die Qualität unserer Atmung und unseres Singens. Generell gilt: Die optimale Mundöffnung beim Singen beträgt etwa drei bis vier Zentimeter, eventuell je nach Körperbau leicht abweichend. Allerdings ist die Dehnungsbereitschaft des großen Kaumuskels, des kräftigsten Muskels im ganzen Körper, oft eingeschränkt durch psychosomatische Erinnerungsmuster. Es kann ein langwieriger Prozess sein, sie durch vorsichtige Dehnungsübungen und Massage wiederherzustellen.
Bei der Mundöffnung zum Sprechen, Essen und Gähnen wird die die Zunge bei der Kieferöffnung aktiv: Sie drückt durch Kontraktion ihrer hinteren Anteile den Kiefer nach unten und zieht gleichzeitig den Kehlkopf hoch. Dadurch wird er aus der für das Singen besonders günstigen tiefen Position gebracht. Die Zungenwurzel drückt dabei gegen den Kehldeckel, und dadurch schließt er den Rachenraum. Evolutionär ist das sogar die primäre Aufgabe des Kehlkopfs. Bei der Mundöffnung werden dadurch die oberen Atemwege vor dem Eindringen von Fremdkörpern geschützt. Dazu wird der Vokaltrakt verengt, im Extremfall fast ganz verschlossen. Passiert etwas Ähnliches beim Singen, hat es eine „gequetschte“, „enge“, „knödelnde“ Klanggebung zur Folge. Diese Schließung des Resonanzraumes verlangt den Stimmlippen eine viel größere Anstrengung für die gleiche Lautstärke ab.
Eine Kieferöffnung ohne Zungendruck erfolgt primär durch zwei sehr schwache Muskeln, die von der Unterseite des Kinns ausgehen. Wenn man „verbissen“ ist, und der übermächtige Schließer Kaumuskel nicht nachgibt, haben sie keine Chance.
Darum ist die Kieferöffnung ohne Zungendruck ein komplexer Bewegungsablauf. Er bezieht sehr viele Muskeln mit ein und kann deshalb nicht willentlich angesteuert werden. Am ehesten ist er mit der Öffnungsbewegung zu vergleichen, die unbewusst ausgeführt wird, bevor man aus einer Flasche einen großen Schluck trinkt. (Wenn man sich dabei beobachtet, merkt man, dass man instinktiv dabei einatmet.)
Für das Singen ist es sehr hilfreich, durch „Schürzen“ der geschlossenen Lippen, wie zum Küssen, den Unterkiefer schlittenartig vorzuziehen und die Mimikmuskulatur dadurch zu dehnen. (Die Bildung einer „Schnute“ ist eine andere Bewegung, die durch schließende Muskulatur zustande kommt.) Sobald es ohne Druck möglich ist, wird der Lippenring zu „u“, dann „o“, bis zu einem dunklen, ovalen „a“ geöffnet. Die Zungenspitze bleibt dabei vorne liegen. In den Lippenringmuskeln und speziell in den Mundwinkeln muss aber eine dauernde Restkontraktion erhalten bleiben. Sonst springen sofort andere Muskelgruppen, vorzugsweise die Zunge, „helfend“ ein, um die verlorengegangene Schutzfunktion des Lippenrings zu kompensieren.
Im Idealfall bleibt die Spannung in den Mundwinkeln erhalten bis zur vollständigen Dehnung der Stimmfalte. Denn Dehnung entspricht Schließbereitschaft, anders gesagt, Rückstellkraft, wie beim Spannen einer Bogensehne. So ist ein optimaler Schutz der Luftröhre gegeben, und gleichzeitig sind die Stimmlippen bereit, bei der folgenden Klangerzeugung die dominante Rolle zu übernehmen.
Die oberen Atemwege sind eine zentrale, lebenserhaltende Schutzzone unseres Körpers. Ein unachtsames Vorgehen wird darum reflektorisch immer eine größere Schließung auslösen. Daher ist Behutsamkeit bei der Mundöffnungsbewegung das A und O! Das Ergebnis ist dann eine mühelose, äußerst schnelle, effektive und lautlose Einatmung.
Die Qualität der Mundöffnung bestimmt die Qualität der Phonation.
Durch sie wird der Vokaltrakt gestaltet, der sich von den Stimmlippen bis nach oben zum weichen Gaumen und nach vorne zur Mundhöhle erstreckt. Eine sängerisch günstige Gestaltung dieses Raumes gewährleistet eine optimale Resonanz und Klangverstärkung. Sie erleichtert dem tongebenden Organ auf diese Weise äußerst effektiv die Arbeit. Der Vokaltrakt kann seine Form extrem verändern. Die Qualität unseres Klanges, übrigens auch beim Sprechen, hängt zu einem sehr großen Teil von der Gestaltung dieses Raumes ab. Die Position des Kehlkopfs ist variabel.
Eine möglichst tiefe Senkung ist für die Klangverstärkung natürlich wünschenswert. Ein großes Instrument klingt voller und reicher als ein kleines! Allerdings darf diese Senkung nicht durch Druck der Zunge nach unten geschehen. Denn das hätte ja wieder eine Verkleinerung des Resonators und eine Dämpfung der entstehenden Klangwellen zur Folge.
Für das Singen nutzt man auch dafür eine vollständige Einatmung. Sie sorgt durch die fasziale Verbindung des Kehlkopfs mit dem Zwerchfell über die Lunge dafür, dass er durch die Zwerchfellkontraktion mit nach unten gezogen wird, und die Stimmfalte sich öffnet. Diese Senkung kann bis zu sieben Zentimeter betragen. Das heißt in der funktionalen Fachsprache „trachealer Zug“.
Eine ganz wesentliche Voraussetzung für eine gute Raumgestaltung ist auch die Bereitschaft der Schluckmuskulatur, nachzugeben, zu öffnen und aktiv zu runden. Das sind komplementäre Bewegungsabläufe zu denen, die bei der Primärfunktion dieser Muskelgruppe aktiviert werden, denn Schlucken bedeutet Schließen. Darum sind sie anfangs sehr ungewohnt und nicht leicht anzusteuern. Einzig bei den Schlundmuskeln, auf Lateinisch Constrictoren, ist in der Funktion des Würgens eine Rundungskomponente auch reflektorisch vorgesehen.
Das alles zu erkennen und zu erlauben ist nicht einfach und kann physisch und psychisch herausfordernd sein. Es braucht Geduld, Achtsamkeit und Zeit. Sonst kann es Stress auslösen, was dann zu größerer Schließung führt.
Neben der reinen Klangverstärkung kann der menschliche Vokaltrakt durch kleine Positionsänderungen in Zunge, Lippen und Rachenrückwand auch die Vokalfarben modifizieren. Im besten Fall ändern diese Artikulationsbewegungen aber nichts an der Form des Resonanzraumes und der Klangqualität. Dann bleibt die direkt am Kehlkopf fühlbare tiefe Frequenz verbunden mit der hohen Frequenz am weichen Gaumen, ohne dass sich die Zunge als dämpfende und verengende Komponente störend dazwischen schiebt. In der sängerischen Fachsprache bezeichnet man das als „Vokalausgleich“.
Das Ergebnis ist dann die sängerische Artikulationsbewegung. Ihr Hauptziel ist eine möglichst ungestörte Klangentwicklung. Deshalb weist sie gravierende Unterschiede zur Artikulationsbewegung beim Sprechen auf, besonders bei den „schließenden“ Vokalen. Das helle „a“ sowie das geschlossene „i“ kommen in der sängerischen Artikulation in der Form gar nicht vor, in der sie beim Sprechen gebraucht werden. Diese Vokale werden für die sängerische Artikulation ganz anders gebildet. Bei der Sprache liegt der Fokus auf Textverständlichkeit und Informationsaustausch, und der Stimmklang wird deshalb im Zweifelsfall sekundär behandelt. Beim Singen ist es naturgemäß genau umgekehrt.
Auch für die Raumgestaltung beim Singen gilt immer die Reihenfolge, zuerst den Körper zu tonisieren, um dann dadurch eine vollständige Atmung zu ermöglichen. Nur wenn die Haltungsmuskeln stabil und zugleich flexibel sind, können die feinen und differenzierten Bewegungen im Atmungsapparat und im Vokaltrakt effizient ausgeführt werden.
EVOLUTION DES SINGENS
Singen in der funktionalen Weise, wie Eugen Rabine es definiert, ist eine Art, den eigenen Körper zur Klangerzeugung zu nutzen, die dem Menschen aufgrund seiner vollständigen Aufrichtung als einzigem Lebewesen zur Verfügung steht. Allein die echte Aufrichtung des Körpers mit seinem Klangraum im Inneren ermöglicht die Entstehung einer stehenden Klangsäule, wie sie für das Singen benötigt wird.
Der Vokaltrakt erstreckt sich von den schwingenden Stimmlippen bis hinauf zum geschlossenen Gaumensegel beim erwachsenen Menschen etwa zwölf bis fünfzehn Zentimeter vertikal nach oben.
Die Klangerzeugung ist ein komplexer, sich selbst regulierender, reflektorischer Ablauf zwischen dem Vocalis und dem Ring-Schildknorpelmuskel. Dabei sorgt ein Grundtremor der antagonistisch arbeitenden Muskulatur von etwa 5-7 Hz für die ausgleichende Entlastung während der kontinuierlichen Muskelarbeit. Die dafür nötige Balance zwischen den Antagonisten Vocalis und Kehlkopfmuskel kann nur hergestellt werden aufgrund der starken Senkung des Kehlkopfs. Sie findet während der Entwicklung von Kind zum Erwachsenen statt und kommt so nur beim Menschen vor. Ohne diese Senkung wären die anatomischen und akustischen Voraussetzungen für eine derart differenzierte Erzeugung von Tönen nicht gegeben. Anders gesagt, die aufgerichtete Körperhaltung ist die Voraussetzung für die Fähigkeit zu singen. Durch diese Aufrichtung haben wir überhaupt die Möglichkeit, unsere Mund- und Mimikmuskulatur so flexibel zu bewegen, dass wir sprechen können. Sie ist also auch die Basis für die Entwicklung der menschlichen Kultur allgemein.
Nach neueren Erkenntnissen hat sich diese aufrechte Haltung, die uns von allen anderen Tieren unterscheidet, in zwei Schritten vollzogen: Als die frühen Vorfahren des Menschen sich auf die Bäume schwangen, um neue sichere und nahrungsreiche Lebensräume zu erschließen, wurde außer dem Überdruckventil, den sogenannten Taschenfalten, das die Ausübung von Druck weg vom eigenen Körper ermöglicht, ein Unterdruckventil nötig, um bei über den Kopf gehobenen Armen eine allzu starke Aufblähung der Lunge zu verhindern. Das waren die Vorläufer der Stimmlippen.
Später, in einem weiteren Entwicklungsschritt, der von Eugen Rabine als „second waterperiod“ bezeichnet wurde, (Eugen Rabine, „Keys to voice“, S. 82), verlegten die Hominiden vermutlich ihren Lebensraum von den Bäumen an die Ufer der Flüsse, Seen und Ozeane, um ihr Nahrungsangebot zu erweitern. Sie lernten, im seichten Wasser Fische zu fangen. Dafür spricht der stromlinienförmige Körperbau, der einzigartig ist unter allen Primaten, und ebenso die Form und Position des menschlichen Beckens vertikal über den Beinen. Die horizontale Nasenöffnung, die das Eindringen von Wasser erschwert, die Fähigkeit, mit Hilfe des weichen Gaumens die Nase von innen zu schließen und die letzten Reste von Schwimmhäuten zwischen den Fingern lassen ebenfalls auf Aktivitäten im oder auch unter Wasser schließen. Unsere angeborene Vorliebe für Wasser und Leben an Gewässern sowie auch Größe und Eiweißbedarf unseres Gehirns, der allein durch das Nahrungsangebot der anderen Primaten niemals gedeckt werden könnte, sind weitere Hinweise dafür.
Allmählich veränderte sich der Körperbau, vom Auftrieb des Wassers unterstützt, bis die vollständige Aufrichtung möglich wurde. Dadurch senkte sich der Kehlkopf in den verlängerten Hals ab und nahm zugleich stark an Beweglichkeit zu. Damit waren die anatomischen Voraussetzungen für Gesang und Sprache geschaffen.
Noch heute entwickelt sich jedes neugeborene Kind auf diese Weise. Funktionaler Gesang mit dem Vibrato als Regulativ ist daher im Normalfall auch erst nach der Pubertät und damit der vollständigen Kehlkopfsenkung möglich. Davor wird in der Regel eine spezielle Form des Rufens zur Klangerzeugung verwendet.
Jeder Mensch kann im Selbstversuch testen, wie es sich anfühlt, tief zu atmen, wenn er senkrecht bis über die Schultern im Wasser steht. In dieser Position wird das Vorhaben, entspannt „in den Bauch“ einzuatmen und den oberen Brustkorb in der Ausatmung locker sinken zu lassen, wie es bei der Ruheatmung geschieht, durch den Auftrieb des Wassers vereitelt. Durch den Druck des Wassers auf den Brustkorb ergibt sich auf natürliche Weise eine ungewöhnliche Atmungsvariante, bei der sich auffallende Entsprechungen zur optimalen sängerischen Atmung beobachten lassen: Im Wasser entfächern sich im Verlauf der Einatmung die Rippen von unten nach oben. Dadurch wird die Bauchdecke erst quer und dann längs gedehnt. Die durch die Einatmung entstandene Erweiterung der oberen Rippen bleibt bei der Ausatmung erhalten, denn die Luft in den Lungen hat ein geringeres spezifisches Gewicht als Wasser. Für die Ausatmung müssen darum die entsprechenden Muskeln aktiv kontrahieren. Dadurch werden die unteren Rippen zusammengezogen, und der Rumpf wird im Bereich der Taille schlank. Die Bauchdecke wird dabei im unteren Bereich sogar noch mehr gedehnt, und das Becken kippt leicht nach vorne.
Ohne den im Wasser vorhandenen Auftrieb ist diese besondere Form der Atmung nur bei stark erhöhtem Körpertonus möglich. Vielleicht ist auch das ein Hinweis darauf, dass die Fähigkeit, zu singen in der Weise, wie nur wir Menschen es tun, ursächlich mit der speziellen Unterstützung der Körperaufrichtung zusammenhängt, die im Wasser vorhanden ist. Der allgemein gebräuchliche Begriff „Stütze“ für eine gute Atemführung beim Singen spricht für sich.
VORBEMERKUNG
Im Folgenden möchte ich versuchen, in alphabetischer Anordnung einen genaueren Einblick zu geben in die funktionalen Gegebenheiten und Vorgänge beim Singen. So kann man sich wie bei einem Lexikon gezielt über die Themen informieren, die gerade von Interesse sind. Manches wiederholt sich dabei in unterschiedlichen Zusammenhängen, da bestimmte Informationen für verschiedene Bereiche relevant sind. Das ist nötig, um die einzelnen Punkte möglichst verständlich darzustellen.
Trotz der großen Komplexität des Themas soll dies keine medizinische Abhandlung für Spezialisten sein. Deshalb bemühe ich mich um verständliche Formulierungen, nach Möglichkeit ohne lateinische Fachbegriffe. Auf wenig bekannte Fachausdrücke, die an anderer Stelle in eigenen Kapiteln erklärt werden, verweise ich mit einem ->.
Es erscheint mir wichtig, die Abläufe so eindeutig und nachvollziehbar wie möglich darzustellen, auch für Menschen ohne entsprechende Vorkenntnisse auf diesem Gebiet, entsprechend dem Zitat von Albert Einstein: „Man soll die Dinge so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.“ Mein Ziel ist daher, einen Kompromiss zu finden zwischen einer korrekten, allgemein gültigen Begrifflichkeit und einer assoziativen Ausdrucksweise, die eine bildliche Vorstellung von den unsichtbaren, aber logischen Zusammenhängen in unserem Körper fördert. Die Verknüpfung verschiedener Wahrnehmungsmöglichkeiten mit den theoretisch-physikalischen Gegebenheiten soll den Zugang zu körperbewusster Stimmbehandlung erleichtern.
Auf dem Gebiet der Gesangspädagogik existiert eine solche Vielfalt an sich teilweise von Schule zu Schule widersprechenden Fachjargons, dass ich ein Vokabular anbieten möchte, das sowohl klar die Sachverhalte benennt, als auch flüssig zu lesen ist. Dafür habe ich vor allem die aus der Überlieferung des italienischen Belcanto üblichen Begriffe gewählt sowie die Fachbegriffe der funktionalen Stimmpädagogik. Das heißt, ich verwende weitestgehend die Terminologie, die Eugen Rabine geprägt hat, und die im Rabine-Institut übereinstimmend für Lehr- und Unterrichtszwecke genutzt wird.
Auf diese Weise möchte ich einen Beitrag leisten zur Verbreitung der wichtigen und interessanten Erkenntnisse der heutigen funktional orientierten Stimmforschung. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass alle, die sich für das Wesen des Singens interessieren, inspiriert werden und neue Ideen erhalten, wie sie für sich selbst und ihre Schülerinnen und Schüler einen natürlichen und bio-logischen Zugang zu dieser wundervollen Körperfunktion erschließen können.
BELCANTOBEGRIFFE UND FACHAUSDRÜCKE FUNKTIONAL ERKLÄRT A - C
APERTO MA CUPERTO
Der Begriff „suono aperto“, „offener Klang“, bezieht sich auf den horizontalen Durchmesser des Vokaltrakts: Die ->Constrictoren, die Schlundmuskeln, bilden die hintere, und der Zungenrücken die vordere Wand des Vokaltrakts. Je stärker die Constrictoren runden, und je weiter vorne gleichzeitig die Position des hinteren Zungenrückens ist, desto weiter geöffnet ist der Vokaltrakt.
Mit dem Begriff „offene Vokale“ wird im deutschen Sprachgebrauch der Grad der Kieferöffnung bezeichnet (beispielsweise „Ofen - offen“). Offene Vokale in dieser Bedeutung existieren im Deutschen allerdings ausschließlich als kurze Vokale, lang gesprochene Vokale sind immer geschlossen. In anderen Sprachen, beispielsweise im Italienischen, gibt es andere Strategien für die Artikulation von offenen Vokalen.
Das im Deutschen für ihre Bildung nötige Aufklappen des Unterkiefers ist aber nicht gleichzusetzen mit der horizontalen Weite des Klangraumes. Im Gegenteil: Es ist sogar kontraproduktiv, den Kiefer weiter als höchstens etwa drei bis vier Zentimeter zu öffnen (gemessen am vorderen Zahnreihenabstand). Denn darüber hinaus kann der Unterkiefer aufgrund seiner Anatomie nur mit Hilfe von Zungendruck geöffnet werden. Das hat zur Folge, dass der Zungenrücken dabei nach hinten in den Rachen geschoben, und der Vokaltrakt also teilweise wieder verschlossen wird. Beim Saugen und Trinken wird diese Weite nicht überschritten. Denn sobald die Zunge an der Öffnung beteiligt ist, wird die Erzeugung eines Sogs unmöglich, und damit auch der Vorgang des Trinkens.
Grundton und erster Vokalformant werden wegen der akustischen Gegebenheiten vor allem im unteren Teil des Vokaltrakts verstärkt. Die dunklen Anteile des Stimmklangs werden demnach nur hörbar, wenn dieser Bereich offen und formstabil ist. Das ist nur dann der Fall, wenn der Kehlkopf tief steht, die Constrictoren gerundet sind, und die Zunge als vordere Wand des Vokaltrakts eine stabile Membran bildet. Dann dringen alle Anteile des Klangspektrums nach außen. Ohne Verengungen entsteht auch keine Dämpfung der tiefen Frequenzen der Schwingung.
„Suono cuperto“, „gedeckter Klang“, bezieht sich auf den geschlossenen weichen Gaumen. Bei einer Kieferöffnung über zwei Zentimeter mit gleichzeitig gerundeten Lippen schließt sich reflektorisch das Gaumensegel. Das hat evolutionäre Gründe. Für die sängerische Klangerzeugung bleibt dabei der obere Riechweg der Nase offen und der Kehlkopf gesenkt infolge des Saugreflexes, der Einatmungstendenz.
APPOGIARE LA VOCE
„Appoggiare la voce in petto“, auch "appoggiarsi in petto“, ist ein Begriff aus dem Belcanto, der sich auf die Empfindung bezieht, dass das menschliche „Instrument“ eine spürbare Begrenzung hat, die aber keine einengende, sondern vielmehr eine die Stimmgebung (unter-)stützende Empfindung auslöst. Er beschreibt das Gefühl, im Augenblick des Stimmeinsatzes „die Stimme (von innen) am Brustkorb anzulehnen“. Die funktionale Lehre definiert die Gesangsfunktion als:
Die Beibehaltung der Dominanz der Aktivität der Einatmungsmuskulatur über die Aktivität der Ausatmungsmuskulatur während der Ausatmung.
Diese Einatmungsdominanz bewirkt eine Drosselung der Fließgeschwindigkeit der ausströmenden Atemluft. Dieser Vorgang ist vergleichbar mit dem kontrollierten Absetzen eines schweren Gegenstandes, bei dem die hebende Muskulatur, bei den Armen also der Bizeps, die Bewegung kontrolliert. Das ist eine sehr komplexe, vom Gehirn aus gesteuerte Balance zwischen zwei entgegengesetzt, also antagonistisch arbeitenden Muskelgruppen.
Auf die Atmungsmuskulatur übertragen bedeutet das: Die Einatmungsmuskeln, das Zwerchfell, die äußeren Zwischenrippenmuskeln und die Sägezahnmuskeln, halten ihre Aktivität aufrecht und erhöhen sie zur Stabilisierung in dem Augenblick, in dem die Ausatmung, beginnt sogar noch. Dadurch vergrößert sich der Brustdurchmesser von hinten nach vorne, also vom Rückgrat zum Brustbein, im Moment des Einsatzes leicht. Allerdings stellt sich dieser Effekt nur bei genügend seitlicher Erweiterung der unteren Rippen während der Einatmung ein. Durch die Rippenerweiterung wird die Bauchdecke dabei passiv leicht nach innen gezogen.
Verwechslungsgefahr besteht mit dem aktiven nach innen Drücken der Bauchdecke durch die schräge Bauchmuskulatur wie bei einem Akzent: Das würde die Dominanz der Ausatmungsmuskulatur über die Einatmungsmuskulatur bedeuten, funktional ausgedrückt also den Wechsel von der Unterdruckfunktion in die Überdruckfunktion. Denn die schrägen Bauchmuskeln sind die Haupt-Ausatmungsmuskeln.
„Appoggiare la voce in testa“, „die Stimme im Kopf anlehnen“, beschreibt das stabile Gefühl, das bei der sängerischen Kieferöffnung im weichen Gaumen infolge seiner reflektorischen Hebung entsteht. Das suggestive Bild einer „Höhle“, in Sprache des Belcanto „cavità“, an deren „Wänden“ der Klang widerhallen, resonieren und sich „anlehnen“ kann, bietet sich für diese Wahrnehmung an.
ARTIKULATION
Der Begriff Artikulation kommt in Bezug auf das Singen in zweierlei Hinsicht vor: Auf der stimmlichen Ebene bedeutet er, dass verschiedene Tonhöhen, Tonlängen oder dynamische Abstufungen klar voneinander getrennt wahrnehmbar sind. Diese Ausdrucksweise ist vom Instrumentalspiel übernommen.
Beim Gesang ist aber ein neuronales Programm des Vocalismuskels für alle diese Modifikationen zuständig. Der Versuch, das komplexe Geschehen willentlich zu steuern, wirkt dabei nicht unterstützend, sondern er stört die autonomen Abläufe eher. Daher gibt es für die Regelung dieser körpereigenen Mechanismen auch keine direkt erlernbaren Techniken, wie das beim Instrument der Fall ist.
Die Erfahrung, dass die Stimme ein Eigenleben führt, und all das ohne aktives Zutun, nur über eine Art „Wünschen“ bewerkstelligt, ist Ziel und Endpunkt des funktionalen Werdegangs („Es singt.“). Überlässt man nämlich das Geschehen der unwillkürlichen autonomen Steuerung, beginnt das System, über die Stimmlippen die Funktion zu regeln. Schwingungsfrequenz und Vibrato sind dafür die organisierenden Parameter. Tonwechsel und Veränderungen in der Dynamik werden dann nicht durch Luftdruck, sondern autonom im Rhythmus des Vibratos geregelt.
So wird das berühmte ->„messa di voce“, das gleichmäßige An- und Abschwellen-Lassen eines Tones, (das in jeder Tonlage möglich ist,) vom Vocalis selbst reguliert. Durch diese direkte, unwillkürliche Steuerung entstehen auch die für den Belcanto typischen, „perlenden“ Tonhöhenwechsel, die über willentliche oder muskuläre Kontrolle so niemals erreicht werden könnten. Sie wäre dafür viel zu schwerfällig.
Ein gern dafür verwendeter Begriff ist auch „agilita”, auf Deutsch „Geläufigkeit“. Der damit am ehesten übereinstimmende Belcantobegriff lautet „non saponare“, „nicht schmieren“: Ähnlich wie bei der auch relativ komplexen Aktivität des Schreibens setzt diese Forderung eine differenzierte Erhöhung des Körpertonus, vor allem aber die mentale Bereitschaft zu Sorgfalt und Achtsamkeit in der Wahrnehmung voraus. Und das ist der Schlüssel zum Gesangsreflex: Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Das Programm der Artikulation in Bezug auf die Wortbildung dagegen ist ein ganz tiefer Inprint im Gehirn. Er wird im frühen Kindesalter erworben, bei noch extrem hochstehendem Kehlkopf und unvollständiger Körperaufrichtung. Der Klangstrom wird für die Artikulation von Sprache immer wieder von Konsonanten unterbrochen. Beim Singen schwingt der Vokal aber durch alle Konsonanten durch. Das ist ein völlig anderes Artikulationsprogramm, bei dem die Qualität der Stimmlippenschwingung erste Priorität hat. Ihr ordnen sich alle Artikulationsbewegungen unter.
Tonerzeugung, Textartikulation und Klangempfindung sind demnach beim Gesang verschiedene Funktionen und laufen getrennt voneinander auf vier Ebenen ab:
-Der Stimmklang wird im Kehlkopf erzeugt. Die Zunge leitet die Bildung der Vokale und Konsonanten. Um das möglichst störungsfrei zu ermöglichen, bleibt der Kiefer dabei so weit offen, wie es möglich ist, ohne die Vokaltraktweite zu reduzieren.
-Die sängerische Vokalartikulation findet, anders als beim Sprechen, vor allem direkt über dem Kehlkopf in waagerechter Richtung statt, ähnlich wie bei der Technik des „Bauchredens“. Die Vokale werden hauptsächlich zwischen Rachenringmuskulatur und Zungenwurzel gebildet. Die dafür nötigen Bewegungen werden geleitet von der Rundung des Rachenraumes Sie müssen für die sängerische Artikulation wie eine fremde Sprache mit bisher teilweise unbekannten Vokalfarben neu gelernt werden.
-Die im Kopf spürbare Resonanz der Schwingung wird gleichzeitig immer stärker, je höher der gesungene Ton ist.
-Die Konsonantenartikulation erfolgt dazwischen, nämlich im vorderen Mundraum im Bereich des harten Gaumens. Im Unterschied zur Sprachgewohnheit werden die Konsonanten beim funktionalen Gesang gewissermaßen im „Einatmungsmodus“ gebildet anstatt mit Überdruck. Der Grund dafür ist, dass während des Singens die Einatmungsmuskulatur den Ausatmungsvorgang dominant leitet.
Diese Form der Artikulation zu entwickeln, ist ein ganz wesentlicher Bestandteil von funktionaler Stimmbildung.
ATMUNG
Der Atem eines Menschen ist Studien zufolge so individuell wie seine Stimme oder sein Fingerabdruck. Denn die persönlichen Atemmuster reflektieren die Aktivitäten des vegetativen Nervensystems wie Herzschlag, Atmung und Verdauung. Außerdem reagieren sie vorbereitend in ganz spezieller Weise auf jedes Vorhaben, sei es bewusst oder unterbewusst. Auch persönliche psychische Anlagen und Erfahrungen haben Einfluss auf den Atemablauf. Eine Optimierung der Atmung hin zu Öffnung und Befreiung kann daher positive Auswirkungen auf Körper und Gemüt haben.
Die Einatmung erfolgt durch muskuläre Aktivität vor allem des Zwerchfells, des Haupt-Einatmungsmuskels, unter Beteiligung der Sägezahnmuskeln, die wie Finger von hinten nach vorne um die oberen Rippen herumgreifen, und der äußeren Zwischenrippenmuskeln. Sie ist nach unten und zu allen Seiten gerichtet, damit eine vollständige Erweiterung der Lungen möglich wird.
Die horizontale Kontraktion des Zwerchfells erweitert die unteren fünf Rippenpaare nach rechts und links, in geringerem Maße auch nach hinten und vorne. Die obere Bauchdecke wird dabei infolge der Vergrößerung des Körperumfangs gedehnt und dadurch direkt unterhalb des Brustbeins sogar leicht nach innen gezogen. Diese Erweiterung fühlt sich befreiend an. Alle Menschen, aber auch die Tiere haben das Bedürfnis, sich zu dehnen, um eine erweiterte Atmung zu ermöglichen. Einengende Kleidung ist für das Singen deshalb kontraproduktiv.
Die Einatmungsmuskulatur ist über funktionale Ketten mit anderen Körperbereichen verbunden. Durch die Einatmungsbewegung können sie angesteuert werden, und umgekehrt haben Bewegungen in diesen Körperteilen Einfluss auf die Atmung. Dieser Zusammenhang ist Grundprinzip und Basis vieler Unterrichtsmethoden.
Die effizienteste Atmung bei körperlicher Aktivität ist Mundatmung. Nasenatmung ist Ruheatmung. Dabei erfolgt der Luftaustausch viel langsamer. Ihre Vorteile liegen hauptsächlich im Schutz der Atemwege sowie der Filterung und Erwärmung der Luft.
Je weiter die Mundöffnung für den zu erzeugenden Sog ist, desto stärker ist die Sogwirkung, und desto weiter hinten wird das Zwerchfell aktiviert, weil es sich hinten weiter absenken kann. Umso tiefer wird dann auch die Einatmungsbewegung. Die Öffnung des Brustkorbs findet dabei von unten nach oben statt. Trotzdem füllen sich alle Lungenbläschen gleichzeitig. Der Raum, der durch diese muskuläre Erweiterung bereitgestellt wird, füllt sich durch den entstehenden Druckunterschied zwischen Außen- und Innenbereich mit Luft. Konkret ist Einatmung also kein Zug, sondern eine Positionsänderung. Durch sie öffnen sich die Luftwege reflektorisch. Der Kehlkopf wird dabei mit nach unten bewegt.
Beim Singen bleibt das Einatmungsprogramm aktiv. Dadurch ist gewährleistet, dass die Luftwege vollständig geöffnet bleiben. Das ist von entscheidender Bedeutung für die ->Resonanz: Der Kehlkopf bleibt trotz erfolgender Ausatmung in Tiefstellung. Durch diese tiefe Kehlkopfposition, aber auch durch die Vorstellung des Riechens, ist der weiche Gaumen gehoben, und der „obere Luftweg“ geöffnet. Enrico Caruso bezeichnete das als „zum Singen Einatmen, als ob man an einer Rose riecht“. Dieses Bild gilt allerdings nur für den Beginn der Einatmung: Sängerische Einatmung ist Mundatmung mit geöffnetem Riechweg. Die Nase ist ab etwa einem Drittel der möglichen Kieferöffnung durch die reflektorische Gaumenhebung geschlossen.
Ideal ist ein Einatmungsvolumen der Lunge von ca. 75%. Am Ende der Einatmung werden sowohl der innere Hüftmuskel als auch der große Brustmuskel aktiv. Bei noch größerer Einatmung besteht die Gefahr, dass sich weitere Hilfsmuskeln vor allem im Nackenbereich dazuschalten. Das ist dann Hochatmung und nimmt dem System die Flexibilität, die für die subtilen Vorgänge beim Singen nötig ist.
Das Signal für das Ende der Einatmung ist eine Positionsänderung der fünften Rippen in Bezug zur Wirbelsäule, die auch den Nies- und Gähnreflex auslöst. Sie signalisiert die optimale Tiefstellung des Kehlkopfs. Die Wahrnehmung dieser Erweiterung wird als sehr angenehm empfunden. Dann kann man „aus voller Brust“ singen.
Interessant zu beobachten ist die Tatsache, dass sowohl der Vorgang des Niesens als auch der des Gähnens durch Atmen in den Bauch, also ohne ausreichende Weitung der Rippen, vom Körper unterbrochen wird. Der Reflex wird dann nicht ausgelöst.
Auch der „Seufzer der Erleichterung“ entspringt dieser „Füllhöhe“ der Lungen.
Beim Räkeln, der exzentrischen Kontraktion der Atemmuskulatur, entsteht auch die Wahrnehmung dieser kraftvollen Erweiterung. Sie ähnelt dem Gefühl, „seine Ketten zu sprengen“. Diese Empfindung bei der sängerischen Einatmung nannte man schon im 18. Jahrhundert „forza naturale del petto“, „natürliche Aktivität der Brust“.
Atmet man bis zu diesem Lungenvolumen ein, löst das eine Neurokopplung zwischen Einatmungsmuskulatur und Stimmlippen aus. Sie schließen sich reflektorisch, auch wenn keine Phonation darauf folgt. Dieser neuronale Reiz ist aber auch Auslöser für den Gesangsreflex. Durch die Kehlkopfsenkung werden die Stimmlippen geöffnet und gedehnt. Sie erhalten mehr Tonus, wie eine Saite, die gespannt wird. Dadurch erhöht sich ihre Schließbereitschaft, nicht nur mechanisch, sondern auch von der Anzahl der neuronalen Impulse her. Beim Toneinsatz wird sie in kinetische (Bewegungs-)Energie umgewandelt. Dazu hat die Belcantoschule den Satz geprägt: „Gut atmen heißt den Grund der Kehle öffnen“.
Eine Kontrolle über den Atemablauf unterhalb des Mundraumes ist nicht möglich. Er ist lebenserhaltend und deshalb vorprogrammiert.
Bei der Ausatmung schließen die Atemwege leicht. Das hat evolutionäre Gründe: Zu schneller Luftverlust würde die Gefahr mit sich bringen, dass das Lungengewebe zusammenfällt. Bei starker körperlicher Anstrengung kann deshalb ein keuchendes Geräusch durch Widerstände in den Atemwegen entstehen. Eine schnelle, forcierte Ausatmung wie beim „Kononantenspucken“ ist für das Singen darum sehr ungünstig.
Funktionales Singen zeichnet sich durch eine spezielle Form der Ausatmung aus: Die Einatmungsmuskulatur wirkt dominant weiter, um die Atemwege offen zu halten, obwohl die Klangerzeugung ja während der Ausatmung geschieht. Darum ist am Beginn des Tones der quere Bauchmuskel der einzige aktive Ausatmungsmuskel. Die Haupt-Ausatmungsmuskeln, die schrägen Bauchmuskeln, würden die erreichte Rippenerweiterung sofort wieder reduzieren. Sie können sich am Ende von langen Phrasen dazuschalten, um das untere Drittel der Lunge zu komprimieren. Dabei werden sie aber immer von der weiterbestehenden Einatmungstendenz geleitet.
Sind die Atemmuskeln gut trainiert, ist sängerische Ausatmung auf diese Weise möglich bis zum Residualvolumen, über das Ruheatmungsvolumen hinaus. Die Einatmungstendenz bleibt dabei erhalten: Die Einatmungsmuskeln halten immer mehr dagegen und dosieren so die Ausatmungsaktivität. Durch dieses Programm schließt sich an das Ende der Tonerzeugung sofort die nächste Einatmung an. Die Einatmungsmuskeln sind ja gerade dann höchst aktiv.
Trotz der sehr tonisierten und hellwachen körperlichen Disposition, die für die sängerischen Klangproduktion unerlässlich ist, aktiviert zugleich die sehr langsame Ausatmung beim Singen den Vagusnerv, ganz ähnlich wie bei einer Meditation. Eine therapeutisch genutzte Entsprechung dazu bildet die sogenannte „Lippenbremse“, die eingesetzt wird, um die Atemwege offenzuhalten, und die durch die Dosierung des Atemflusses gegen Stress und Angstzustände wirksam ist.
Die Belcantoschule nennt die spezifische sängerische Atemführung sehr suggestiv „portare la voce“, „die Stimme tragen“, auf dem Atem, genauer gesagt, auf der dominant agierenden Einatmungsmuskulatur, ähnlich, wie man vorsichtig einen wertvollen Gegenstand vor sich herträgt. Auch das tut man ja behutsam, mit langsamen Bewegungen und in aufrechter Haltung. Wechselt die Dominanz von der Einatmungs- zur Ausatmungsmuskulatur, also in die Überdruckfunktion, stoppt der Gesangsreflex.
AUFRICHTUNG
„Der Sänger stehe wie ein Baum“ ist ein beliebter Belcanto-Ausspruch. Schon Pier Francesco Tosi beschrieb in seinen „opinioni de` cantori“ aus dem Jahr 1723 eine aufrechte, würdige Haltung als Voraussetzung für störungsfreien Stimmklang. Singen ist jedoch permanente Mikrobewegung im Stehen. Jede Erstarrung oder Fixierung in irgendeinem Teil des Körpers behindert die optimale Anpassung an die sich durch die Atembewegung ständig ändernden Bedingungen. Ein Baum ist zugleich stabil und flexibel. Eine Synthese dieser beiden Parameter ist die Basis des funktional stimmigen Gesangs (s. Abb. 3 und 9). Deshalb sind alle Aktivitäten, die körperliche Balance fordern und damit auch fördern, sehr hilfreich für die funktionale Phonation.
Von den Fußsohlen bis zum Scheitel ziehen sich aufrichtende Muskelschlingen durch den ganzen Körper. Die Wadenmuskulatur existiert sogar allein für die Aufrichtung. Ohne sie ist aufrechte Haltung unmöglich. Eine vollständige Aufrichtung ist unerlässlich für eine funktionierende Phonation.
Die Wirbelsäule mit ihrer Doppel-S-Form bildet bei vollständiger Aufrichtung eine Linie von der unteren Lordose bis zum Atlas (s. Abb. 10). Allerdings ist diese Krümmung bei vollständiger Aufrichtung „von den Hacken bis zum Nacken“ nur noch in geringem Maße vorhanden. Einzig die Lendenwirbelsäule wird durch die Aktivierung von Bein- und Beckenbodenmuskulatur stärker gekrümmt als im Ruhezustand. Dadurch kippt das untere Becken nach vorne.
Die Aufrichtung der Wirbelsäule beginnt am oberen Rand des Beckens und setzt sich fort bis zum Atlasgelenk, auf dem der Schädel sitzt. Die untere Beckenkippung ist die komplementäre Gegenbewegung dazu. Zwei alltägliche Bewegungsmuster sind uns diesbezüglich vertraut, nämlich im Ausatmungsmodus die Initialbewegung, die den Würgereflex einleitet, wenn „es einen hebt“, wie das umgangssprachlich heißt, und im Einatmungsmodus der Anfangsimpuls für eine sehr wohlige Rückendehnung.
Diese Bewegung nannte Caruso „vom Unterleib her ansetzen“. Sie erfolgt während der ersten sängerischen Einatmung und verstärkt sich durch alle nachfolgenden Phonations- und Nachatmungsphasen hindurch immer weiter.
Die Tonisierung der Beckenbodenmuskulatur setzt sich bis in die Beine fort. Der Impuls, beim Singen im Ausfallschritt zu stehen, könnte eine logische Konsequenz dieses Zusammenhangs sein. Diese Haltung ist aber nicht symmetrisch. Darum ist eine gleichmäßige Gewichtsverteilung auf beide Beine bei gleichzeitiger Tonisierung der aufrichtenden Muskelschlingen die günstigere Position beim Singen.
Auch die neurologische Verbindung zwischen dem unteren Sphinktersystem des Beckenbodens und dem oberen der Atemwege hat Einfluss auf eine sängerische Aufrichtung. (Ein Sphinktersystem ist ein ringförmiges Muskelsystem, das durch Kontraktion in Schließung gehen kann.) Sie sind so verschaltet, dass immer dann, wenn ein System Öffnung erlaubt, das andere schließt. Diese Verbindung dient der Fähigkeit, im Brust- und Bauchbereich Druck aufzubauen: Wenn das obere System schließt, kann Überdruck entstehen, schließt das untere, entsteht Unterdruck. Wenn also die Beckenbodenmuskulatur kontrahiert, erlaubt das den oberen Atemwegen auch neuronal die Öffnung. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass sich Kiefer und Hüftknochen aus dem selben Keimblatt entwickelt haben.
Es ist unmöglich, sich „groß zu machen“. Beim Singen macht man sich aber auch nicht „klein“. Im Grunde ist die typische „Sängerhaltung“, das „sich in Positur Stellen“, durch die davon bewirkte Erweiterung des Brustraumes praktisch gleichbedeutend mit der sängerischen Einatmung. Für ungeübte Augen kann der Eindruck entstehen, Profis würden gar nicht einatmen, bevor sie zu singen beginnen: Sie nehmen gern die Hände vor der Brust zusammen, richten sich „würdevoll“ auf, erheben den Blick „bis in den zweiten Rang des Opernhauses“ und schürzen ganz leicht die Lippen, wie wenn sie „an einer Rose riechen“. Dann öffnen sie einfach den Mund. All das entfaltet den Vokaltrakt, vom oberen Nasenweg bis hinunter zu den Stimmlippen, und entfächert die Rippen. Durch den entstehenden Sog „fällt die Luft“ von selbst in das sich öffnende Vakuum. Die Stimmlippen werden durch den ->Trachealzug vom Zwerchfell und die sängerische Mundöffnung „gespannt“ zwischen Schildknorpel und Stellknorpeln und sind bereit für den Stimmeinsatz. Während des Singens werden dann häufig die Arme zu beiden Seiten geöffnet. Durch diese typische „Sängerhaltung“ bleiben die oberen Rippen erweitert. Das Neuroprogramm der Einatmung wird so unterstützt. Die winzigen, aber sehr differenzierten Bewegungen, die ständig den Luftverlust ausgleichen, sind von außen so wenig wahrnehmbar, dass die italienische Gesangslehre für die Haltung beim Singen zwei Begriffe geprägt hat: „stare come una statua“, „stehen wie eine Statue“, und „stare su una barca ancorata“, „auf einem Boot stehen, das vor Anker liegt“. Diese beiden Bilder beschreiben anschaulich die Attribute der sängerischen Aufrichtung, Stabilität und Flexibilität. Die durch die ständige Positionsveränderung des Körperschwerpunkts in der Ein- und Ausatmung nötige Nachregulierung der Balance wird von den balanciert schwingenden Stimmlippen neuronal gesteuert.
Die komplette Statik reagiert auf die Atmung, denn die sekundäre Atemmuskulatur ist in erster Linie Körperaufrichtungsmuskulatur. Stimmt die Statik nicht, ist keine vollständige Einatmung möglich. Von hinten unten über vorne oben nach vorne unten ist die Richtung der aufrichtenden Muskelschlinge, ähnlich dem Prinzip beim Flaschenzug oder auch dem beim Hissen eines Segels. Dabei kann die innere Raumwahrnehmung als Orientierung für gleichmäßige Aufrichtung dienen. Dieser Bewegungsablauf ist uns assoziativ vertraut als Aufrichtungsablauf beim Auftauchen vom Grund eines Gewässers: Der erste und dominante Impuls geht von den Fersen aus. Daraufhin strecken sich die Füße bis zu den Zehenspitzen, die Beine und der Rücken. Die Hebung und Schwimmbewegung der Arme sowie die Streckung der Körpervorderseite folgen. Am Ende wird der Kopf gehoben.
Die Anweisung aus dem Belcanto, „die Knie locker zu lassen bei großer Höhe“, bezieht sich vermutlich auf das Loslassen der Kniescheiben. Denn das Hochziehen der Kniescheiben ist eine schließende Schutzbewegung. Deshalb kann diese Haltung im Körper andere schließende Reaktionen hervorrufen, weil dem Gehirn dadurch assoziiert wird, dass ein gewisser Schutz nötig sei.
Die größtmögliche Aufrichtung beinhaltet auch eine größtmögliche Öffnung. In der Belcantosprache heißt das „con espansione“. Dabei wird vom Einatmungsprogramm für die sängerische Klangerzeugung die Aufrichtungsbewegung so organisiert, dass die vollständige sängerische Einatmung möglich wird.
Die Qualität der Aufrichtung bestimmt die Qualität der Einatmung.
Haltung, sowohl in der körperlichen Position als auch im Kehlkopf selbst, ist bewusst nicht wahrnehmbar. Das Gehirn gewöhnt sich schnell an Zustände und realisiert sie dann nicht mehr. Bewusst spürbar sind nur Bewegung und Veränderung. Das macht es schwer, die eigenen gewohnheitsmäßigen Haltungen selbst zu erkennen, um sie durch zielführendere Strategien ersetzen zu können. Deshalb ist für die funktionale Entfaltung der Stimme jemand notwendig, der von außen supervidiert. Nur so wird eine echte Neuprogrammierung des Systems möglich.
AUSDRUCK
Die bekannte Anweisung aus dem Belcanto, „si canta come si parla“, „man singt, wie man spricht“, gibt reichlich Anlass zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen. Textverständlichkeit über das gesunde und effiziente Funktionieren der körperlichen Vorgänge beim Singen zu stellen, führt auf Dauer immer zu Stimmschäden. Singen und Sprechen sind zwei unterschiedliche Funktionsweisen des Körpers, die nicht gleichzeitig ablaufen können. Denn Sprechen ist eine Überdruckfunktion, Singen dagegen eine Unterdruckfunktion. Genauso, wie man nicht gleichzeitig im Vorwärts- und Rückwärtsgang fahren kann, kann man auch nicht gleichzeitig Ausatmungs- und Einatmungsdominanz herstellen.
Auch die Vokal- und Konsonantenbehandlung beim Sprechen ist elementar unterschiedlich zu der beim Singen. Sowohl die Form des Mund- und Rachenraumes als auch die Muskelgruppen, die diese Form gestalten, unterscheiden sich. Und auch die Bildung der Konsonanten geschieht im schließenden oder im öffnenden Modus, je nachdem, ob der Wunsch nach Textdeutlichkeit oder der nach ungestörter Klangbildung das Geschehen organisiert.
Bei tiefen Stimmen weichen die Abläufe der Vokalartikulation beim Sprechen und Singen nicht so weit voneinander ab wie bei hohen. Tiefe Töne liegen größtenteils innerhalb der ->Formantbereiche, von denen die Sprachvokale definiert werden. Die Sprechstimme bewegt sich bei Männern, Frauen und auch größeren Kindern fast ausschließlich in dieser Lage. Die Druckverhältnisse beim Singen sind in tiefer Lage denen beim Sprechen ähnlicher, denn auch da ist in der Tiefe der Luftdruck unter den Stimmlippen leicht erhöht. So wirkt sich der für die Konsonantenbildung nötige Überdruck weniger negativ aus. All das kann gerade tiefe Stimmen dazu verleiten, die Anweisung, zu singen, wie man spricht, wörtlich zu nehmen. Der Ansatz ist für sehr tiefe Lagen jedoch ungeeignet, weil da der untere Formant einiger Vokale nicht mehr im Klang enthalten ist. Vor allem aber ist er gefährlich für die Tessitura von Frauenstimmen: In Sopranlage lassen sich viele Sprachvokale nicht mehr vollständig artikulieren, weil deren oberer Formant unterhalb der gesungenen Frequenz liegt. Eine deutliche Ausbildung dieses Formantbereichs ist aber maßgeblich mit an der Verständlichkeit von Text beteiligt. Eine eingeschränkte wörtliche Deutung kommt somit höchstens für die Bariton- und Tenorlage in Betracht, vielleicht zum Teil noch für die Altlage. Eine Erklärung für diese Forderung könnte also sein, dass die alten Schriften zur Gesangslehre von Männern stammen, bei denen wegen der Lage, in der sie normalerweise singen, die Vokale ja größtenteils vollständig herstellbar sind.
Ein anderer Erklärungsansatz ist dieser: Jede Lautäußerung zum Zweck der Kommunikation, ob verbal oder nonverbal, löst im Gegenüber unmittelbar eine Reaktion aus. Auch bei allen sozial lebenden Tierarten ist das der Fall. Das ist ein elementares Programm des Zusammenlebens. Jede bewusste oder unbewusste innere Motivation wird dabei empathisch vom Kommunikationspartner erkannt. Nicht zu kommunizieren, ist unmöglich. Auch die Verweigerung von Kommunikation ist ja eine Botschaft. Das gilt ganz besonders für den Gesang: Alle ihn regulierenden körperlichen Parameter sind emotional codiert. Das betrifft die Atmung, die Zwerchfellbewegungen, die Mundöffnung sowie alle mimischen Abläufe. Die erzeugten Klänge sind authentische Codes für alles, was in der singenden Person vor sich geht, sei es die emotionale Verfassung wie beispielsweise Freude oder Angst, der Ausdruck von in der Musik vorgegebenen Gefühlen, oder auch der Wunsch, „sauber“ oder „technisch richtig“ zu singen, sich auf bestimmte Weise darzustellen sowie zahlreiche weitere bewusste und unterbewusste Motivationen. Subtilste Stimmungen spiegeln sich in den feinen Abläufen der Klangerzeugung wider und üben einen direkten Einfluss auf die Emotionen der Zuhörenden aus.
Dazu kommt, dass die Binnendynamik in der Aussprache der Wörter und Sätze teilweise von emotionalen Gesetzmäßigkeiten bestimmt wird. Nachsilben und weniger bedeutsame Textpassagen werden im Verhältnis zur Grundlautstärke meist dynamisch zurückgenommen, Sinnzusammenhänge oder Hervorhebungen werden durch dynamische Akzentuierung gekennzeichnet. Bleibt bei der Textartikulation während der Phonation das Programm des Singens gegenüber dem des Sprechens dominant, können diese im Text enthaltenen dynamischen Nuancen in den Gesang übernommen werden. Denn ihre Wurzel liegt im Ausdrücken von Gefühlen, die ja auch in der gesprochenen Kommunikation immer unterbewusst mitlaufen. Weil die Steuerung von Emotionen aber zum großen Teil in den Gehirnregionen abläuft, die auch die Gesangsfunktion regulieren, dienen diese Verknüpfungen nicht nur einer authentischen Textgestaltung, sondern auch der Klangerzeugung.
Die Phonation beruht auf willkürlich nicht lenkbaren Abläufen. Nur eine nicht der bewussten Absicht unterliegende Steuerung ist geeignet, sie zu regulieren und zu optimieren. Die für die Stimmgebung angewandten unterbewussten Strategien werden im klanglichen Ergebnis hörbar. So erklärt sich die Assoziation, Singen sei wie Sprechen, von alleine. Eine sinnvollere Übersetzung davon, was der Satz „si canta come si parla“ meint, wäre daher vielleicht: „Man singt, wie man sich ausdrückt“.
BAUCHMUSKULATUR
Die Bauchmuskulatur besteht aus drei Schichten: Der schräge Bauchmuskel liegt außen: Er ist der stärkste Ausatmungsmuskel. Auch für die Beugung des Rumpfes ist er zuständig. Er reicht von den Achseln diagonal bis in die untere Bauchmitte. Der darunter liegende, gerade Bauchmuskel (das „Sixpack“), fungiert als Stabilisator der Körpervorderseite. Damit ist er der Gegenspieler der Wirbelsäule. Ganz innen liegt der quere Bauchmuskel: Er ist ein sehr differenziert arbeitender Ausatmungsmuskel, Außerdem ist auch er mit zuständig für die Körperaufrichtung.
Daneben gibt es noch weitere Funktionen, die diese Muskelgruppen erfüllen: Wenn die Bauchmuskeln aktiv werden, werden es auch die Kaumuskeln, denn zwischen beiden Muskelgruppen besteht eine Neurokopplung. Besonders die sogenannte „Bauchpresse“ durch die schräge Bauchmuskulatur führt immer zur Schließung der Taschenfalten als Vorbereitung für den Schluckvorgang.
Auf emotionaler Ebene gibt es einen reziproken Zusammenhang: Bei Angst und Stress kontrahiert die ganze Bauchmuskulatur in einem Schutzreflex. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass eine kontrahierte Bauchmuskulatur Gefühle von Angst und Stress triggern kann. Für das Singen ist daher eine Atmung ohne Bauchpresse von höchster Priorität, um die Schließung der Vokaltrakts zu verhindern, denn er ist ja der Resonanzraum. Ausatmung muss aber erlaubt werden, da die Phonation ein Ausatmungsprogramm ist. Wird die Ausatmung bewusst oder durch unterbewusste Dauerkontraktionen in der Einatmungsmuskulatur behindert, kollabiert in Folge der Schultergürtel und somit die Aufrichtung.
Wesentlich für die sängerische Ausatmung ist daher, dass die Einatmungstendenz regulierend wirksam bleibt. Das bedeutet: Auch während der Ausatmung bleiben die schrägen Bauchmuskeln gedehnt und die oberen Rippen erweitert. Beim Singen ist daher zunächst nur der quere Bauchmuskel aktiv, der wie ein Gürtel die Körpermitte umspannt. Für sehr lange Phrasen werden im weiteren Verlauf die unteren schrägen Bauchmuskeln dazugeschaltet, jedoch ohne die oberen Rippen zusammenzuziehen. Das ist ein komplizierter Vorgang, der über die Stimmlippen organisiert wird: Da sie das Unterdruckventil sind, werden sie beim Einatmungsvorgang, aber auch während der Phonation durch die Dehnung der schrägen Bauchmuskulatur aktiviert. Das aktive Anspannen der Bauchmuskulatur dagegen aktiviert das Überdruckventil, die Taschenfalten.
Deshalb ist übrigens Bauchmuskeltraining als Sängersport ungeeignet, denn es bildet durch die Überbetonung der Ausatmungsmuskeln Synapsen für die Schließaktivität des Vokaltrakts aus.
BELTING
Als „Belting“ („Schmettern“) bezeichnet man eine modifizierte Überdruckfunktion. Der etwas größere Luftdruck unter den Stimmlippen erhöht ihre Schließintensität, und treibt den Kehlkopf leicht nach oben. Beim Belting entsteht meist kein Vibrato. Denn die selben Muskeln, die beim geraden Singen die Stimmlippen von der Seite her etwas zusammenschieben, um die Vibratoschwingung zu drosseln, unterstützen den dichteren Stimmlippenschluss bei dieser Technik. Das Gaumensegel ist wegen des geringeren Gegenzugs der Einatmungsmuskulatur flacher und der Vokaltrakt kürzer. Die Folge sind breiter geformte Vokale, weniger innere Rundung und, anders als beim „klassischen“ Gesang, ein lächelnder Gesichtsausdruck. In der vertikal schwingenden stehenden Klangwelle entsteht eine Brechung, eine Art „Knick“. Der zweite Vokalformant resoniert weiter vorne, nicht senkrecht über den Stimmlippen, sondern schräg in Richtung des harten Gaumens im Mundraum. Das Klangergebnis ist heller und härter und erinnert leicht an ein schmetterndes Blechblasinstrument.
Diese Variante ist nicht per se schädlich für die Stimme. Die Belastung ist etwas höher, und das Klangergebnis ist nicht so tragfähig wie das Singen mit optimaler Tiefstellung des Kehlkopfs, weil der Vokaltrakt kürzer ist. Deshalb wird auch die Obertonreihe nicht vollständig gebildet. Das ist der Grund, warum dann ein Mikrofon zur Verstärkung nötig wird, anders als beim klassischen Gesang.
BEWEGUNG
Singen ist permanente komplexe Bewegung im Stehen. Jede Form von Haltung, im Bewegungs- und Atemapparat oder im Kehlkopf, ist dabei hinderlich und störend. Aber auch unkontrollierter, oft unterbewusster Bewegungsdrang ist oft das Resultat von Fixierungen irgendwo im Körper. Er entsteht meist aus dem unwillkürlichen Versuch, die nötige Flexibilität für die Klangerzeugung wieder herzustellen.
Jede Bewegung wird von der kleinsten, differenziertesten Muskelaktivität geleitet. So entsteht der Eindruck von Anmut und Feinheit. Der Begriff „Fingerspitzengefühl“ macht das deutlich. Für das Singen heißt das, dass die unvorstellbar differenziert und schnell schwingenden Stimmlippen das Geschehen im gesamten Körper steuern.
Es ist eine der größten Herausforderungen, unbewusst gewordene Gewohnheiten zu verändern. Das Gehirn regelt so viel wie möglich auf der unbewussten Ebene. Das Leben ist viel zu komplex, und die Kapazitäten unseres Tagesbewusstseins reichen bei weitem nicht aus, um das unvorstellbare Ausmaß an möglichen körperlichen Bewegungsabläufen bewusst zu steuern. Im funktionalen Gesangsunterricht geht es deshalb vor allem auch darum, kleinste Muskelbewegungen bewusst wahrnehmen zu lernen. Um etwas an der Gesangsfunktion optimieren zu können, muss man herausfinden, welche Strategien und Gewohnheiten dafür unterbewusst aktiviert werden. Denn nur durch diese Sensibilisierung können danach auch Veränderungen erkannt werden, und eine Neuprogrammierung kann stattfinden. Erst, wenn man zwischen zwei Möglichkeiten die Wahl hat, kann man ein Gespür dafür entwickeln, welche effizienter und natürlicher ist.
Beim Singen weiche, langsame Bewegungen zu machen, ist ein erster Schritt hin zu dem Ziel, auf effiziente und natürliche Weise Töne zu erzeugen. Sie erfolgen am besten erst entlang der Körperachse und danach zur Seite, so, wie es den Funktionen der Körperausrichtung entspricht. Harte, schnelle Bewegungen dagegen triggern emotionale Zustände von Angst, Kampf und Flucht. Das löst Schließungen im Körper zum Schutz vor Gefahren aus und wirkt störend auf die Gesangsfunktion.
Die sich beständig ändernden Lebensumstände infolge von fortschreitendem Alter und persönlichen Erfahrungen erfordern eine stetige Anpassung der Strategien im Umgang mit sich selbst. Dieser Umstand erklärt die Notwendigkeit einer immer wieder neuen Feinjustierung der Mikrobewegungen, von denen die Klangerzeugung ermöglicht und organisiert wird. Weil das alles aber unbewusst abläuft, ist es nur einer von außen beobachtenden Person möglich, diese feinsten Veränderungen zu bemerken. Besonders für professionelle Sängerinnen und Sänger, deren Muskulatur ja sehr hohen Belastungen ausgesetzt ist, empfiehlt sich daher die regelmäßige Supervision durch eine Lehrkraft des Vertrauens. Auch eine physiotherapeutische Begleitung ist empfehlenswert. Das Gleiche gilt selbstverständlich für alle, denen ein lebenslanger, gesunder Umgang mit der eigenen Stimme wichtig ist.
BEWUSSTSEIN
Bewusstsein ist ein Begriff, der auf vielfältige Weise interpretiert werden kann. Die Bewusstseinsform, die das funktionale Singen organisiert, entsteht immer aus der Wahrnehmung, dem Erkennen dessen, was im Augenblick geschieht. Im Gegensatz dazu ist Bewertung in die Vergangenheit gerichtet und Erwartung in die Zukunft.
Der wahrnehmende Mensch wird sich im Augenblick des Wahrgenommenen, der Wahrnehmung und seiner selbst als Wahrnehmendem bewusst, ohne einzugreifen. Ich bezeichne das als Wahrnehmungsbewusstsein. In Meditationspraktiken wird es Achtsamkeit, in Vollendung auch reines Bewusstsein genannt. Im Gegensatz dazu meint Wissens- oder Willensbewusstsein die Kontrolle über das, was geschieht und geschehen soll. Die subtilen und vielschichtigen Reaktionen im Körper können vom Tagesbewusstsein jedoch niemals vollständig erfasst werden, weil ihre Steuerung im Unterbewusstsein stattfindet. Jede Kontrolle stört die empfindlichen Abläufe. Man kann nur urteilsfrei erleben und so aus dem Kampf-, Flucht- und Erstarrungsmodus in den Bindungs- und Ruhemodus wechseln. Dann beginnt der Körper durch die Selbstheilungskräfte, das Geschehen selbstregulierend zu heilen, zu optimieren und zu differenzieren. Auf dieser Basis beruhen übrigens auch viele Heilmethoden, zum Beispiel die Feldenkrais-Methode. Dieser kreativ-körperbewusste Ansatz war bei der Entwicklung der funktionalen Methode durch Eugen Rabine ein wichtiger Teilaspekt. Beide beruhen übereinstimmend auf einer prozessorientierten Vorgehensweise und nicht auf Zielorientierung, wie es heutzutage überwiegend üblich ist. Der Satz aus dem Buddhismus „Der Weg ist das Ziel.“ sagt genau das aus.
Die Wahrnehmungsfähigkeit kann durch diese Achtsamkeit immer weiter verfeinert werden. So kann man mit der Zeit lernen, subtilste Schwingungsempfindungen bewusst zu erkennen. Das ist etwa vergleichbar mit dem Erwerb der Fähigkeit, die Blindenschrift zu lesen. Auch das ist für die meisten sehenden Menschen ja kaum vorstellbar. Nach und nach entwickelt sich ein immer sensibleres Gespür für die körperlichen Bedürfnisse und auch eine immer klarere Anbindung an die Intuition.
Der intuitive Ansatz, der vielen Gesangsschulen zugrunde liegt, ist geeignet, diese Zusammenhänge zu unterstützen. Denn je weniger bewusst angestrebt wird, desto dominanter agiert das parasympathische, unwillkürliche Nervensystem, das die Reflexe und Emotionen autonom steuert. Je mehr Wollen im Spiel ist, desto mehr übernimmt das sympathische, willentliche Nervensystem die Kontrolle. Es kann die höchst komplexen und äußerst differenzierten Vorgänge der Gesangsfunktion aber weder erkennen noch optimal leiten.
Singen ist eine höchst emotionale menschliche Ausdrucksform. Im Grunde laufen die Steuerungsmechanismen des funktionalen Singens in den selben Hirnregionen ab wie die Emotionen. Die Gefühlsebene wird immer mit angeregt. Für die Ausbildung bedeutet das, dass für jede Art von Veränderung ein sicherer Rahmen gewährleistet sein muss, damit es den Gesangsstudierenden möglich wird, sich darauf einzulassen. Durch eine klare Vorstellung der Lehrkraft davon, welche funktionalen Abläufe die Aufrichtung, Atmung, Vokaltraktgestaltung und Gesangsfunktion bestimmen, und auch, welche Wege und Strategien sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer und mentaler Ebene positive Veränderungen herbeiführen, werden sie angeleitet, sich dem unbewussten, reflektorischen Geschehen bei der Phonation immer mehr anzuvertrauen, und störende, meist nicht ins Bewusstsein dringende Gewohnheiten sukzessive durch sinnvollere Strategien zu ersetzen. Diese Vorgehensweise wird von der Rabine-Schule als „mentales Konzept“ bezeichnet. Die Lerninhalte werden dabei durch eine Co-Regulation der Nervensysteme beider Beteiligten vermittelt. Eine von der Lehrkraft ausgehende, entspannte Atmosphäre überträgt sich auf die Lernenden und schafft auf diese Weise die besten Voraussetzungen für den Lernerfolg.
Das Bewusstsein davon, wie man mit sich selbst umgeht, erstreckt sich von der Körperwahrnehmung über Erkennen von unterbewussten Erwartungen bis hin zum mentalen Umgang mit den eigenen Ansprüchen und der Kritik an sich selbst.
Das Leistungsprinzip, der Wille, etwas herbeizuführen mit all seinen Auswirkungen auf Körper und Psyche steht dabei in diametralem Gegensatz zu dem, was Singen im Kern ausmacht. Absichtslosigkeit, Erlauben statt Erzwingen, Geschehen Lassen statt (etwas tun, irgendwie sein) Wollen ist es, was den funktionalen Entfaltungsvorgang möglich macht und fördert.
BOCCA RIDENTE
Die Rundung des Lippenringmuskels, die nötig ist, um die Einatmungstendenz für die sängerische Klangerzeugung zu gewährleisten, erlaubt nicht, dass ein lächelnder Gesichtsausdruck beim Singen entstehen kann. Lächeln ist eine vom Zähnefletschen abstammende mimische Aktion. Sie ist mit dem Beißen verwandt, denn sie wird durch die Aktivierung der Lippenheber hervorgerufen. Diese Muskeln gehören, wie alle Mimikmuskeln, zur schließenden Muskulatur.
Der Belcantobegriff „bocca ridente“ beschreibt vermutlich einen Sachverhalt, der nur in großer Tonhöhe auftritt: Ab der Frequenz von a`` ist selbst der Vokal „a“ nicht mehr vollständig artikulierbar. Man hört zwar die Vokalfarbe, weil der Raum so weit ist, aber real existieren über a`` nur noch die oberen Vokalformanten von „ä“, „e“ und „i“. Alle Vokalfarben schmelzen in Richtung dieser Vokale zusammen. Auf diese Weise entsteht das akustische Phänomen, dass Klänge in dieser Höhe und darüber, wie etwa das Piepen von Vögeln, an den Vokal „i“ erinnern. Auch die lautmalenden Begriffe „Fiepen“ und „Quietschen“ stammen daher. In der Höhe muss deshalb die Oberlippe bei der Vokalbildung Tonus abgeben in Richtung „ä“, später „e“ und „i“. Daher kommt wohl die Idee des „lächelnden Mundes“. Form und Öffnungsweite von Vokaltrakt und Mundraum beim Singen bleiben aber so wie für tiefere Frequenzen.
Durch die starke Dehnung der Mimikmuskulatur bei gleichzeitiger Mundöffnung für die Erzeugung von sehr hohen Frequenzen kann am oberen Ansatz des musculus risorius, des Muskels, der das Lächeln ermöglicht, und in der Schädelmuskulatur eine antagonistische Bereitschaft zur Kontraktion entstehen, die dem beim Saugen, aber auch bei freudiger Überraschung ausgelösten Dehnungsreiz ähnelt. Beides bewirkt einen Öffnungs- und Einatmungsimpuls statt eines Schließimpulses. Die Assoziation, Singen und Lächeln seien verwandte Bewegungsabläufe, rührt vielleicht auch daher.
Die dazugehörigen Lautäußerungen („Oh!“, „Wow!“) erinnern jedenfalls an die bevorzugten Vokalfolgen im funktionalen Unterricht. Und die dabei entstehende Emotion ist ja tatsächlich Freude und Fröhlichkeit. Eine stimmigere Übersetzung des Begriffs „bocca ridente“ wäre daher vielleicht „lachender Mund“.
Die mimische Variante, „Bäckchen wie beim Lächeln“ zu bilden, schließt den Raum. Davon wird der Kiefer und damit der Kehlkopf hochgezogen. Das verkürzt den Vokaltrakt und verhindert die wichtige Rundung der Rachenmuskulatur. Diese gesangstechnische Anweisung ist vor allem bei der Lehre der ->Sitztechnik anzutreffen, weil dieser Gesichtsausdruck die Bildung des dritten Formanten am harten Gaumen, das sogenannte „in die Maske Singen“, verstärkt.
CANTO FIORITO
Das heißt „verzierter Gesang“, auch bezeichnet als „bocca dei fiori“, „Mund der Blumen“ oder „Mund voller Blumen“, und beschreibt ein Ziel der Belcantoschule des 19. Jahrhunderts: Durch eigenständige Bewegungsmuster der Stimmlippen wird es möglich, Verzierungen wie Triller, Koloraturen oder ->Portamenti auszuführen, ohne dass dabei die Ausatmungsmuskulatur aktiv eingreift. Man kann sich das vorstellen wie verschiedene Programme, die zusätzlich zur regelmäßigen Schwingung in den Stimmlippen „vorinstalliert“ sind. Der Vocalis leitet diese feinen Bewegungsabläufe durch Selbstregulation, praktisch im „Autopilot“. Die Vibratoempfindung ist dabei der organisierende Parameter. Koloraturen und Verzierungen werden auf funktional gesunde Weise demnach nicht mithilfe von Luftdruckspitzen, also durch stoßweise rhythmische Kontraktionen der schrägen Bauchmuskulatur erzeugt, sondern können in vollkommen akzentfreiem Legato gesungen werden. So wird es möglich, dass die äußerst subtilen Bewegungen im Kehlkopf vollkommen ungestört und unbeeinflusst stattfinden können. Das Klangergebnis ist ästhetisch, elegant und flüssig.
Wunderbare Beispiele, wie mühelos und störungsfrei, quasi von selbst, dann Läufe, Portamenti und Triller gelingen können, sind die Koloraturen von Maria Callas, gut zu hören in der Arie „Sempre libera“ aus der Oper „La traviata“ von Giuseppe Verdi: https://youtu.be/ZGjmWYzVxkk, aber genauso Bryn Terfels Version der Arie „Why do the nations so furiously rage together“ aus dem „Messias“ von Georg Friedrich Händel: https://youtu.be/PIz8_UWdo7k.
CANTO SUL FIATO
Das bedeutet „Gesang auf dem Atem“. Beschrieben wird die Wahrnehmung, dass das durch große, vollständige Einatmung entstandene Körpergefühl während des Singens durchgehend erhalten bleibt. Ein Gefühl des Ausatmens im Sinne von Verlust von Atemluft tritt zu keiner Zeit ein. Die Dominanz der Einatmungsmuskulatur und damit das Gefühl, immer genug Luft zu haben, bleibt beim Singen bestehen.
Die Ausdrucksweise „auf dem Zwerchfell singen“ bedeutet dasselbe, nämlich, dass das Zwerchfell während der Tonerzeugung überwiegend kontrahiert bleibt. Nur die Anspannung der unteren seitlichen Zwerchfellanteile lässt nach, damit überhaupt Luft nach außen fließen kann. Man könnte also ergänzend hinzufügen: „Auf dem im Einatmungsmodus aktiven Zwerchfell singen“.
CHIAROSCURO
Das ist eine Beschreibung des Stimmklangs, der bei optimal geöffnetem Vokaltrakt entsteht: „Helldunkel“, beide Klangfarben gleichzeitig. Die tiefen Frequenzen direkt über dem Kehlkopf werden durch die besondere, „offene“ Position der Zunge ohne Dämpfung hörbar. Durch den tiefstehenden Kehlkopf und die davon hervorgerufene Hebung des weichen Gaumens verlängert sich der Vokaltrakt. So kann der Grundton sehr viele Obertöne bilden, bis hin zu den Sängerformanten. Also sind zugleich sehr hohe Frequenzen im Klang enthalten.
COLPO DI PETTO
Gegen Ende einer vollständigen sängerischen Einatmung kontrahiert auch der große Brustmuskel und erweitert den Brustkorb horizontal nach vorne. Im Augenblick des Einsatzes bewirkt dann die impulshafte Kontraktion des queren Bauchmuskels eine Erhöhung des Innendrucks in der vorderen Brustregion. Daraus resultiert das Gefühl eines „Schlags (von innen) gegen die Brust“. Bleiben die Rippen dabei stabil und erweitert, ist die Folge davon eine Verstärkung der Einatmungstendenz, weil die Einatmungsmuskeln ja antagonistisch auf diesen Ausatmungsreiz reagieren. Eine sprachliche Entsprechung im Deutschen ist der Ausdruck „sich in die Brust werfen“, was eine selbst-bewusste, aufrechte und erweiterte Körperhaltung beschreibt. Das ist genau die Position, die für das Singen nötig und typisch ist.
Eugen Rabine bezeichnete diese Erweiterung des Brustkorbs von hinten nach vorne als „sagittale Erweiterung“. Das Bild bezieht sich auf das Spannen eines Bogens, um einen Pfeil abzuschießen. Es ist die letzte Aktivität der einatmenden Muskulatur vor dem Einsatz.
Das Gefühl ähnelt dem beim Eruktieren, umgangssprachlich Aufstoßen, einem Vorgang, der aus anderen biologischen Gründen ebenfalls eine Verstärkung des Unterdrucks im oberen Brustbereich hervorrufen soll. Es ist ja üblich, das durch einen leichten Schlag auf das Brustbein zu unterstützen, oder wenigstens durch aktive muskuläre Erweiterung des oberen Brustkorbs. Vielleicht stammt der Begriff von einer ähnlichen Vorgehensweise, um das ->„Inalare la voce“ auszulösen. Auch beim Würgereflex ist eine Hebung des vorderen Brustraumes in die dafür nötige Erweiterungsbewegung impliziert.
CONSTRICTOREN
Die Constrictoren (Abb. 5), also die Würgemuskeln, sind übereinander geschichtete Muskelplatten von etwa einem Millimeter Dicke. Beim Schluckvorgang ziehen sie sich zusammen und verengen so die Speiseröhre, um den Inhalt des Mundes nach unten in den Magen zu befördern.
Der obere Constrictor liegt „hinter der Nase“. Er beeinflusst die Reaktion des weichen Gaumens. Durch seine Kontraktion wird beim Schluckreflex die Nahrung in Richtung Speiseröhre geschoben.
Der mittlere Constrictor reicht bis zum Zungenbein. Er hebt den Kehlkopf beim Schluckreflex, so dass sich der Kehldeckel über der Luftröhre schließen kann. Er beeinflusst auch die entsprechende Lippenreaktion.
Der untere Constrictor reicht von der Mitte des mittleren Constrictors bis zu den Stimmlippen. Wenn er kontrahiert, wird die Nahrung in die Speiseröhre gedrückt. Er umfasst den Kehlkopf und beeinflusst die Kiefer- und Zungenreaktion. Alle drei sind über Ligamente miteinander verbunden und bilden ein Kontinuum von unten nach oben, Faser für Faser.
Die Rundung der Rachenrückwand ist die komplementäre Bewegung zum Schlucken. Im Ausatmungsmodus findet sie nur beim Würgereflex statt, im Einatmungsmodus beim Saugreflex, um so einen Unterdruck herzustellen. Sie erfolgt daher von unten nach oben: Der untere Constrictor, der größte, rundet als erstes, der mittlere, der schmalste, wird nur gedehnt und rundet nicht. Der obere rundet wieder. Für den Gesang ist es wichtig zu wissen, dass der mittlere Constrictor den größten Anteil an der gemeinsamen Schutzfunktion hat. Deshalb wird seine Dehnung unterbewusst oft vermieden. Durch diese Schutzhaltung kann aber der Kehlkopf nicht vollständig abgesenkt werden. Da die Constrictoren von unten nach oben runden, gestaltet sich auch beim Singen der Vokaltrakt von unten nach oben. Denn der obere Constrictor kann nicht ohne den unteren runden. Die zu singende Tonhöhe hat auf diesen Zusammenhang keinen Einfluss.
Infolge der Rundungsaktivität wird der Vokaltrakt lang, schmal und schlank. Durch das Artikulieren der Vokalreihe von „u-o-a“, das der natürlichen Öffnungsbewegung als Vorbereitung für das Trinken entspricht, erlaubt man auch den Constrictoren, zu reagieren. Die Dehnung der Wangen durch Kontraktion des Lippenringmuskels stellt die Verbindung zu ihnen her und unterstützt die Rundung. Alle Bewegungen der Lippen haben aus evolutionären Gründen nämlich ebenfalls immer Einfluss auf die Schlundmuskeln. Die Aktivität der gerundeten Rachenmuskulatur wird dabei ganz deutlich spürbar. Caruso nannte das „mit dem Nacken singen“ oder auch „tief hinten im Halse ansetzen“.
CUPERTO / LA CUPULA
Dieser Belcanto-Ausdruck beschreibt die Wahrnehmung einer Wölbung des weichen Gaumens, die von der Rundungsaktivität der Schlundmuskeln ausgeht. Denn sobald sie aktiv werden, muss die Zunge reagieren: Sie wird schmaler und tonisierter, und der Zungenrücken hebt sich wie beim Saugvorgang.
Bei schmalen Vokalen („u, o, ü, ö“) hat der obere Constrictor eine andere Aktivität als bei breiten („a, ä, e, i“). Dadurch wölbt sich das Gaumensegel mehr nach oben. Der Gaumenheber ist ein Antagonist zu den Kehlkopfsenkern. Das bedeutet, dass die kuppelförmige Hebung des weichen Gaumens die Kehlkopfsenkung unterstützt. Ein „runder“ Stimmklang ist die akustische Folge.
In höherer Lage spürt man diese Kuppelform deutlicher. Die Resonanz der hohen Frequenzen wird im Bereich des weichen Gaumens besonders gut verstärkt und ist deshalb leichter wahrnehmbar. Das liegt an der Form des Resonators.
Lässt der Tonus im oberen Constrictor nach, schließt der Resonator. Dann wird das Gaumensegel flach, der Kehlkopf steigt, und daher klingt auch die Stimme „flach“.
Gelingt es nicht, den oberen Constrictor differenziert zu runden, wird der obere Vokaltrakt diagonal zusammengeklemmt. Die Stimme klingt dann „spitz“.
BELCANTOBEGRIFFE UND FACHAUSDRÜCKE FUNKTIONAL ERKLÄRT D - I
DECKEN
Das ist die wörtliche Übersetzung des Belcanto-Ausdrucks „cuperto“. Der Klang wird aber nicht durch die kuppelförmige Rundung des Vokaltrakts abgedeckt oder sogar gedämpft. Im Gegenteil: Ab dem zweiten Drittel der Kieferöffnung schließt das Gaumensegel reflektorisch. So entsteht ein geschlossener Raum mit besonderen akustischen Gegebenheiten, analog zur „Gedacktpfeife“ der Orgel. Das bedeutet, dass die Schallwellen auf die Schallquelle zurück reflektiert werden. Im Fall der Stimmlippen führt das zu einer erhöhten Bewegungsbereitschaft. Da sie ja primär ein Schutzorgan sind, reagieren sie mit Schließtendenz auf jede Luftbewegung und erzeugen durch diese Aktivierung intensivere Schwingungen. Dadurch bildet sich das Phänomen der akustischen Rückkopplung. Das ist einer der Hauptgründe, warum die menschliche Stimme so unwahrscheinlich tragfähig ist, obwohl der Resonator bei optimaler Tiefstellung des Kehlkopfs höchstens etwa fünfzehn Zentimeter lang ist.
DEHNUNG
Dehnung ist nach der funktionalen Definition die Erlaubnis eines angespannten Muskels, die Spannung zu lösen, und sich im Anschluss dehnen zu lassen. Ohne diese Erlaubnis, wenn man sich „versteift“, ist Dehnung von antagonistischer Muskulatur unmöglich. Bei entgegengesetzt arbeitender Muskulatur ist immer der kontrahierte Muskel in seiner Kraft. Das Dehnungsgefühl, die „exzentrische Muskelarbeit“, leitet die Bewegung. Durch das gedehnt Werden entspannt sich der angespannte Muskel. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Er kann auch gegen die ihn dehnenden Kräfte eine Restkontraktion beibehalten. Der Fachausdruck dafür ist „exzentrische Kontraktion“: Der Muskel wird aktiv gedehnt, und zugleich arbeitet er gegen einen größeren Widerstand. Ein gedehnter Muskel kann sogar leichter kontrahieren als ein entspannter. Umgekehrt ist nur ein kontrahierender Muskel zu differenzierter Arbeit fähig. Beispiele für exzentrische Kontraktion sind das kontrollierte Absenken eines Gewichts, Kniebeugen oder auch das Niedersetzen aus dem Stand. Diese Form von muskulärer Aktivität trainiert die beiden Muskelgruppen auf die effektivste Weise: Exzentrische, Dehnung erlaubende Muskelarbeit trainiert die Muskulatur um bis zu 60% mehr als konzentrische, kontrahierende.
Im Dehnungsprogramm arbeiten die selben Agonist-Antagonist-Muskelpaare wie im Kontraktionsprogramm, jedoch mit vertauschter Dominanz und entgegengesetzter Atemtendenz: Etwas von sich Wegschieben und sich nach etwas Ausstrecken sind Bewegungen in die gleiche Richtung! Allerdings geschieht das Wegschieben in der Ausatmungs- /Überdruckfunktion, „weg von“, und das Ausstrecken nach etwas in der Einatmungs- /Unterdruckfunktion, „hin zu“.
Jede Dauerkontraktion von Muskeln verhindert Dehnung. Bei jedem Versuch, den Muskel zu dehnen, entstehen dann Widerstandszuckungen. Ein Ziel von funktionaler Stimmarbeit ist auch, unbewusst gewordene Dauerkontraktionen wieder bewusst zu machen, um sie danach auflösen zu können. So wird eine bessere Funktionalität der arbeitenden Muskulatur erreicht.
Beim Singen erlaubt der Vocalismuskel für die Tonerhöhung, sich durch den Ring- Schildknorpelmuskel (lateinisch Mm. cricothyroideus, abgekürzt Ct.), den einzigen äußeren Kehlkopfmuskel, schräg nach vorne unten dehnen zu lassen. Er wird davon länger und dünner. Das hat zur Folge, dass die Frequenz der Schwingung sich erhöht, und der Ton daraufhin höher klingt. Die starke Dehnung bei sehr hohen Tönen ist für die Muskulatur zunächst ungewohnt. Daher kann sie eine Assoziation zum Gähnen auslösen. Gähnen ist aber ein anderes neuronales Programm als Singen.
Für tiefere Töne verläuft der Prozess in umgekehrter Richtung: Der Stimmmuskel zieht sich zusammen, und der äußere Kehlkopfmuskel lässt sich dehnen. Dabei wird die Schwingung langsamer, weil die Stimmlippen kürzer und dicker werden.
Bei der exzentrischen Kontraktion der Aufrichtungs- und Atemmuskeln, dem Räkeln, schließen die Stimmlippen reflektorisch. Dadurch wird ein Sog in der Lunge erzeugt, dem durch den Stimmlippenschluss nicht nachgegeben werden kann. So wird die Dehnung noch wesentlich effektiver. Dieser Vorgang ist bekanntermaßen mit einem intensiven Wohlgefühl verbunden. Ein entsprechendes Gefühl stellt sich durch die permanente Dehnung der kontrahierenden Ausatmungsmuskeln aufgrund der Einatmungsdominanz auch beim funktionalen Singen ein. Denn Singen geschieht ja während der Ausatmung. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum Singen die emotionale Stimmung hebt.
DEHNUNGSFUNKTION
Durch die Anspannung des antagonistisch arbeitenden äußeren Kehlkopfmuskels werden die Stimmlippen gedehnt. Ist die Dehnung während der Phonation dominant vor der Kontraktion des Vocalismuskels, schwingt überwiegend das ->Ligament, die ihn umhüllende Schleimhaut. Der Anteil an schwingenden Muskelfasern nimmt mit zunehmender Tonhöhe sukzessive ab. Etwa bei fis`` ist keine Muskelmasse mehr an der Schwingung beteiligt. Das beschreibt auch der Ausdruck ->„Randschwingung“.
Der Durchmesser des Vokaltrakts wird in Folge der Dehnung größer, weil dabei der Vocalis nach vorne verlängert wird. Gleichzeitig verlängert und verschmälert sich die Zunge, und der Mund öffnet sich weiter. Ohne entsprechende Mundöffnung ist es also nicht möglich, sehr hohe Töne funktional optimal zu singen.
Leider gibt es zwei Möglichkeiten, die Stimmlippen zu dehnen: Nach unten vorne, wie eben beschrieben, oder mit Hilfe der Rachenmuskulatur nach hinten oben, wobei die Zunge steif wird, um dagegenzuhalten. Das bewirkt dann ein Steigen des Kehlkopfs und dadurch eine Verkürzung des Vokaltrakts mit allen negativen Folgen für die Resonanz. Auf diese Art und Weise werden die Stimmlippen beim Gähn- und Niesreflex gedehnt. Dadurch entsteht die dafür typische hohe Stimmgebung.
DOPPELVENTILFUNKTION
Zum Grundverständnis der Stimmfunktion gehört das Wissen über die Doppelventilfunktion des Kehlkopfs, in dem die Stimmlippen als unteres Einatmungs- bzw. Unterdruckventil, und die darüber liegenden Taschenfalten als Ausatmungs- bzw. Überdruckventil organisiert sind. Dieses doppelte Ventilsystem liegt in der Evolutionsgeschichte begründet und entwickelte sich aufgrund unterschiedlicher Lebensbedingungen und Anforderungen an die Atmung.
Der Kehlkopf in seiner Hauptfunktion ist dem Atemapparat zugehörig. Die primäre Funktion der Stimmlippen als Teil des Luftweges ist es, für die Atmung zu öffnen oder auch zu schließen, etwa um die Lungen vor Fremdkörpern zu schützen. Eine sekundäre Funktion der Stimmlippen ist dann die Phonation.
Im Zusammenhang mit der Atmungsmuskulatur ermöglicht die Kehlkopffunktion Luftdruckänderungen in der Lunge bzw. Druckänderungen im Brustkorb. Ein Überdruck wird bei Schließung der Taschenfalten als Überdruckventil produziert. Sie besitzen in sich nur wenige Muskelfasern und werden deshalb in ihrer Schließstellung durch Hilfsmuskeln des Rachenraumes und auch weiter durch kompensatorische Aktivitäten der Schließung der Stimmlippen (Masseankopplung) und der Aktivität der Ausatmungsmuskeln unterstützt.
Zweck der Überdruckfunktion ist die Kraftanwendung nach außen, vom Körper weg, wie Heben, Schieben, Defäkation, Gebären und Ähnliches. Diese Aktivitäten verlangen eine erhöhte kompensatorische Spannung (Schließung) im Rachenraum und sind für die Phonation nicht günstig.
Ein Unterdruck wird bei der Schließung der Stimmlippen als Unterdruckventil unter Beibehaltung der Rachenraumöffnung durch die ständige Aktivität der Einatmungsmuskeln produziert.
Zweck der Unterdruckfunktion ist es, eine Kraftanwendung in Richtung des eigenen Körpers zu produzieren, also sich selbst zu heben, etwa beim Klimmzug oder beim Schwimmen, wobei bei extremer Kraftanwendung die Taschenfalten ebenfalls schließen durch die zusätzliche Aktivierung der schrägen Bauchmuskulatur zur Stabilisierung des Rumpfes. Auch unterstützen bzw. innervieren alle Aktivitäten der Unterdruckventilfunktion die benötigten inneren Kehlkopfmuskeln für eine effiziente Stimmproduktion. Im Moment des Einsatzes wird die Unterdruckfunktion aktiviert und bis zum Ende der Phonation immer weiter erhöht. Deshalb haben die Atmungs- und Bewegungsmuskulatur und sogar der gesamte Körper einen mechanischen wie auch neurologischen reflexmäßigen Einfluss auf die Kehlkopffunktion. Sie wird stimuliert durch Balance, und umgekehrt stimuliert die Unterdruckfunktion das Gleichgewichtsempfinden. Die Doppelventilfunktion ist daher in permanenter alltäglicher Aktivität.
Die menschliche Stimme ist das Ergebnis körperlicher Funktionen, also von Muskelaktivitäten, die teils bewusst, teils unbewusst durch Leitvorstellungen, also ein mentales Konzept gesteuert werden. Die optimale ungestörte Funktion der Stimmlippen ist eine Voraussetzung für die völlige Entfaltung der Stimme beim Kunstgesang, wobei alle Parameter der Stimme, wie zum Beispiel maximaler Tonumfang, Lautstärkeumfang, Geschwindigkeit, Klang- und Vokalfarbänderungen, Konsonantenartikulation, Genauigkeit und emotionaler Kommunikationsumfang gewährleistet werden. (Quelle: Rabine-Institut)
DYNAMIK / LAUTSTÄRKE
Jede Stimme hat das Potenzial für Lautstärke. Gesteuert wird sie im Zusammenspiel von Stimmlippen und Raum. Die Veränderungen für die Lautstärkeregelung erfolgen da, wo der Klang erzeugt wird, der Resonanzkörper bleibt erhalten. Das ist ähnlich wie beim Instrument. Bei der Phonation werden sie aber von den Stimmlippen selbst reguliert, im Unterschied zum Instrumentenspiel. Sie werden nicht durch Luftdruck forciert, wie das beim Blasinstrument, aber auch beim Schreien der Fall ist.
Die Dicke des Vocalismuskels ist ausschlaggebend für den Grad der Lautstärke, die erzeugt werden kann. Tiefe Töne sind also akustisch immer lauter als hohe. Je mehr Masse, Kontraktion und Tonus der Vocalis hat, desto größer ist die Lautstärke.
Deshalb sind Frauenstimmen immer leiser als Männerstimmen. Dass ihr Klang oft als dominierend wahrgenommen wird, liegt daran, dass das menschliche Ohr für hohe Frequenzen viel empfindlicher ist als für tiefe. Dieses Phänomen heißt „Lautheit“.
Für ein Anwachsen der Lautstärke kontrahiert der Vocalis, und der Ct., der äußere Kehlkopfmuskel hält dagegen. Gibt er nach, verändert sich die Tonhöhe nach unten. Das ist ein Grund, warum untrainierte schwere Stimmen eher zum zu tief Singen neigen als leichte. Ihre Stimmlippenmuskulatur ist stärker, darum kann die äußere Kehlkopfmuskulatur dem Zug manchmal nicht ganz standhalten.
Häufig wird Zungendruck hilfsweise für ein Anwachsen der Lautstärke eingesetzt: Um den Luftdruck unter den Stimmlippen zu erhöhen und so einen Massezuwachs zu erzwingen, wird durch Zurückziehen der Zunge der Resonator verengt. So wird die Fließgeschwindigkeit der Atemluft gedrosselt, und die ausströmende Luft staut sich. Der Stimmmuskel reagiert auf den Druck, indem er mehr Muskelfasern zur Tonerzeugung dazu schaltet. Dadurch wird der Stimmklang zwar lauter, aber nach dem Überdruckprinzip, das auch beim Schreien eingesetzt wird.
Das Konzept des funktionalen Belcantogesangs für die Lautstärkeregelung hingegen beruht auf dem Wunsch, oder anders ausgedrückt, der mentalen Vorstellung für eine bestimmte Lautstärke des angestrebten Klanges. Daraufhin koppelt der Vocalis auf einen Befehl aus dem Gehirn schon vor dem Einsatz die entsprechende Anzahl von Fasern an. Das ist möglich, weil infolge der dominanten Einatmungstendenz der subglottale Luftdruck äußerst fein dosiert werden kann. Die Grundempfindung für die Stimme bleibt dabei gleich, der Raum konstant. Am Anfang des Unterrichts steht daher immer eine möglichst optimale Klangerzeugung im Vordergrund, danach folgt erst die Lautstärkeregelung durch Wahrnehmungsdifferenzierung. Man muss einen bestimmten Klang schon einmal gehört haben, damit man ihn sich vorstellen kann.
Das Konzept ist also umgekehrt: Mehr schwingende Masse fordert als Folge mehr Luftfluss an. Entsprechendes gilt für leise Dynamik: Weniger Masse braucht weniger Luftfluss. Je weniger Druck unter den Stimmlippen herrscht, desto geringer wird dann auch der Stimmbandschluss.
In hoher Lage verändert sich hauptsächlich das Maß an Lautheit: Durch mehr oder weniger starke ->Mediakompression, also Schließkraft in den Stimmlippen, werden unterschiedliche Teilspektren im Klang durch die Modifikation der Vokaltraktform verstärkt. Das erzeugt die subjektive Empfindung verschiedener Lautstärkegrade.
Ein weiterer wichtiger Parameter für Lautstärke ist die Resonanz: Je mehr Raum für die schwingende Luftsäule zur Verfügung gestellt wird, desto mehr Klangvolumen kann sich entwickeln.
Auch für Crescendo geht beim funktionalen Konzept der Befehl des Gehirns direkt an die Stimmlippen und nicht an die Ausatmungsmuskulatur. Daraufhin gibt der Vokaltrakt nach. Die Weite des Vokaltrakts ist aber auch einer der Faktoren für die Definition von Vokalfarbe. Wird die Dynamik von den Stimmlippen selbst geregelt, tendiert daher bei gleicher Lautstärke nach oben jeder Vokal zum nächst offeneren („u“ zu „o“), und nach unten zum nächst geschlosseneren („o“ zu „u“). So wird die optimale Resonanz des Vokaltrakts gewährleistet. Es ist ein Lernprozess, das zu erlauben. Der Versuch, eine bestimmte Vokalfarbe festzuhalten, führt zu Störungen im Schwingungsablauf und in der Atemdruckregulation. Wird nicht erlaubt, dass der untere und in der Folge der obere Vokaltraktdurchmesser sich vergrößert, und die Vokalfarbe sich dadurch zum nächst offeneren Vokal ändert, wird ein funktional gesundes Crescendo unmöglich. Der Befehl zur Klangverstärkung führt dann zu erhöhtem Luftdruck, einer Deformation des „Instruments“ mit der Zunge und die Abflachung der Rachenrückwand. Dadurch werden die akustischen Verhältnisse im Vokaltrakt ungünstiger. Da sich das aber negativ auf die Lautstärke auswirkt, ist dieser Weg kontraproduktiv und kann in einer sängerischen Sackgasse enden.
Decrescendo bedeutet kontrollierte Masseabgabe. Das Gefühl für die Masse wird beibehalten, und der Körper organisiert sich in Bezug zur Masseabgabe neu. Die Erweiterung des Brustkorbs und die Stabilität in Brustkorb und Rücken nehmen zu.
Gleichbleibende Lautstärke ist real kaum zu verwirklichen, denn die Vokale haben von Natur aus verschiedene Lautstärken. „U-o-a“ ergibt ein Crescendo: Beim Vokal „u“ schwingt am wenigsten Muskelmasse, beim Vokal „a“ am meisten. In jedem Fall leitet die Qualität der Stimmlippenschwingung die Veränderung in der Dynamik. Vokaltrakt und Luftdruck ordnen sich unter.
Der Mund- und Rachenraum ist mit sehr sensiblen Nerven ausgestattet. Durch die erzeugten Luftschwingungen entsteht daher immer auch eine taktile Wahrnehmung der Vibrationen. Ein piano gesungener Ton fühlt sich dabei höher an als ein Ton auf der selben Tonhöhe im Forte. Das liegt daran, dass durch die geringere schwingende Muskelmasse weniger tiefe Frequenzen erzeugt werden. So werden die hohen Schwingungen, die wegen der Form des Vokaltrakts im Kopf resonieren, stärker wahrgenommen.
Es braucht viel Zeit, Geduld und vor allem Feingefühl, um das Programm für die Lautstärkeregelung von der gewohnten Überdruckfunktion des Sprechens, Rufens und Schreiens auf die Unterdruckfunktion des Singens umzustellen, zumal wir ja im Alltag die anderen Lautäußerungen beibehalten. Das ist auch gut und richtig so, aber die Unterscheidung zwischen beiden Programmen und die dem jeweiligen Vorhaben entsprechende Wahl muss gelernt und eingeübt werden. Auf diese Weise wird nach und nach die Wahrnehmung neu justiert.
EINSATZ
Der Stimmensatz ist ein Reflex. Er findet im Millisekundenbereich statt und ist daher bewusst nicht analysierbar. Am Ende einer sängerischen Einatmung auf mindestens 50% Lungenkapazität schließen sich die Stimmlippen reflektorisch. Auch bei anderen reflexgeleiteten körperlichen Aktionen erfolgt am Ende einer entsprechend großen Einatmung ein Stimmlippenschluss, etwa beim Räkeln oder Niesen. Er ist auch da mit einem Wohlgefühl von Dehnungserlaubnis verbunden, allerdings aufgrund anderer neurologischer Programme wegen der unterschiedlichen Zielreaktionen.
Beim Gesangsreflex löst die Wahrnehmung des einfließenden Luftstroms einen neurologischen Reiz aus. Dadurch öffnen sich im letzten Drittel der Einatmung die Stimmlippen noch weiter und schließen sich innerhalb von wenigen Millisekunden am Höhepunkt des Auseinanderdriftens der Aryknorpel. Das Gehirn unterbricht die Schließbewegung und wandelt sie in regelmäßige Schwingungen um. Die Energie für die Tonerzeugung entspricht also der für die Öffnung. Der Übergang zur Schwingung ist so schnell, dass er bewusst niemals zu kontrollieren ist. Die ersten Schwingungen erfolgen noch ohne Luftfluss. Der sogenannte „weiche Einsatz“, bei dem vor der Entstehung des Tones etwas Luft entweicht, ist mit diesem reflektorischen Geschehen unvereinbar.
Die Mundöffnung für die Phonation hat immer die gleiche ovale Form. Trotzdem wird der zu singende Vokal zeitlich zusammen mit dem Toneinsatz geplant. Das ist möglich, weil Vokalklänge ohne bewusste Muskeleinstellungen als Muster im Gehirn abrufbar sind. Auch beim Sprechen ist das ja nicht anders: Man wünscht sich, einen Vokal zu artikulieren, und die Umsetzung erfolgt ohne bewusstes Zutun. Allerdings werden sängerische Vokale anders gebildet als Sprachvokale. Diese Muster müssen zuerst erlernt werden, bevor sie angesteuert werden können. Auch das ist ein Ziel des funktionalen Unterrichts.
Der berühmt gewordene Begriff „coup de glotte“ von Manuel Garcia, leider ungenau übersetzt mit ->„Glottisschlag“, beschreibt sehr treffend die Geschwindigkeit und Unplanbarkeit des Stimmeinsatzes. Die Bedeutung, die der Begriff „coup“ heute hat, nämlich „überraschende, gelungene Aktion“, wäre wesentlich passender dafür.
Der Stimmeinsatz erfolgt unvorstellbar schnell, aber rhythmisch, wie auch zahlreiche andere Körpervorgänge. Rhythmus in Atmung und Bewegung wirkt unterstützend auf seine Innervierung. Gleichzeitig ist er der Beginn einer Vibratoschwingung, die ja auch rhythmisch abläuft. Er ist unabhängig von Vokalfarbe und Tonhöhenregelung.
Nur im Moment des Einsatzes ist die Raumgestaltung gemäß den Formantbereichen für das System deutlich erkennbar. Denn während der Klangerzeugung selbst sind die Schwingungswahrnehmungen zu vielfältig dafür. Eine klare Vorstellung von der Form des Resonators zu gewinnen, ist aber äußerst wichtig für die Neujustierung der Gesangsfunktion im Unterschied zur Sprachfunktion. Ein günstiges Training dafür stellt das ->Staccato dar, denn es besteht praktisch nur aus Stimmeinsätzen.
Im Augenblick des sängerischen Einsatzes wird die Unterdruckfunktion sowohl in der Einatmungsmuskulatur als auch in der Ausatmungsmuskulatur aktiv. Der Oberbauch beginnt dann, nach innen oben zu wandern. Dabei wird die muskuläre Richtung der Einatmung beibehalten. Je leiser der Klang beim Einsatz ist, desto feiner ist auch die Luftdruckregelung („Minimaltoneinsatz“).
Das Ende der Einatmung ist der Einsatz, das Ende der Tonschwingung ist der Beginn der nächsten Einatmung. Bei mehreren Phrasen erfolgt am Ort des Absatzes, also auf Stimmlippenebene, der nächste Einsatz.
EINSCHWINGVORGANG
Der „Einschwingvorgang“ ist die Aktivierung der Masseschwingung von außen oben (->Ligament) nach innen unten („Bauch“ der Stimmmuskeln). Das geschieht nach dem Einsatz.
EINSINGEN
Eine Vorbereitung auf ein reflektorisches Geschehen ist eigentlich nicht nötig. Es geht beim Einsingen also um den nötigen Körpertonus und die mentale Einstellung auf die gewünschte Körperfunktion.
Der Wunsch zu singen schafft jedoch, im Gegensatz zur mentalen Vorbereitung auf vertraute Tätigkeiten, nicht automatisch günstige Voraussetzungen dazu. Ohne, dass wir es merken, stellt sich der Körper auf Alltagshandlungen wie etwa Treppensteigen selbstständig und unterbewusst auf das entsprechende Vorhaben ein.
Die Vorbereitung zum Singen sollte daher bewusst vollzogen werden. Der Zweck des Einsingens ist also die Umstellung von der Alltagsperson zur Sängerin, zum Sänger.
Musik und Tanz erhöhen den Körpertonus sowie Herzfrequenz und Adrenalinspiegel. Deshalb können diese „Hilfsmittel“ für die gewünschte Änderung des körperlichen Aggregatzustandes genutzt werden. Es ist durchaus sinnvoll, sich mit Hilfe von Musik und Bewegung auf eine funktional sinnvolle Stimmbehandlung einzustimmen. Mit der ersten sängerischen Einatmung wird das „Instrument“ entfaltet, und neuronal die Schwingung ausgelöst. Durch das Singen selbst kann sich dann die Funktion selbstständig weiter optimieren, denn der Vorgang des Singens wird dominant vom Vocalismuskel gesteuert. Er fordert dabei stets die optimalen Bedingungen für die sängerische Tonerzeugung an, und das System reagiert und stellt sie bereit. Die Aufgabe von Einsingesequenzen besteht also darin, die Aufmerksamkeit gezielt und differenziert darauf zu richten, welche Voraussetzungen in Körperaufrichtung und Dehnungsbereitschaft erfüllt werden müssen, damit das geschehen kann.
EMOTION
Es gibt keine Bewegung ohne Emotion. Das sagt schon der Name. Singen ist immer Gefühlstransport. Die Primärfunktion des Singens ist ja Ausdruck und Auslösen von Freude, Beglücktsein und Angstfreiheit. Es ist eine emotionale Aktion von höchster Wirksamkeit. Singen synchronisiert die Gehirnwellenmuster auf eine intrinsische neuronale Frequenz, in der die Aktivität der Betawellen reduziert wird, und die der Alphawellen verstärkt. So wird psychische Entspannung gefördert, und zugleich Stress abgebaut. So entsteht ein Zustand von Aufmerksamkeit, Ruhe und Frieden. Dabei werden „Glückshormone“ wie etwa Serotonin, Noradrenalin und Oxytocin ausgeschüttet, vor allem aber Beta-Endorphin. Das ist das Hormon, das auch für das Glücksgefühl nach dem Sport sorgt, im Fall von Singen jedoch ohne Suchtgefahr. Stresshormone wie Cortisol werden gleichzeitig abgebaut. Neuere Forschungen zeigen, dass Singen eine spezielle Art von Stressbewältigung ist, ähnlich wie das Autogene Training. Der Musikpsychologe Karl Adamek hat diesen Effekt in mehreren Studien beobachtet. Sein Fazit ist, dass durch Singen viele Menschen Angst, Trauer und Stress viel besser bewältigen. Der Neurobiologe Gerald Hüther ist obendrein überzeugt, dass Singen dazu beitragen kann, die Selbstheilungskräfte im Körper zu aktivieren. Es sei außerdem ein gutes Mittel gegen Angst und Stress, weil man nicht gleichzeitig singen und Angst haben kann. Die Amygdala spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung von Musik und der Reaktion darauf. Sie reagiert nämlich sehr empfindlich auf komplexe rhythmische Muster. Sie kann daher physiologische Reaktionen auslösen, die entweder mit positiven oder mit negativen Emotionen verknüpft sind, aber nicht mit beiden zugleich.
Im Fall von gemeinsamem Singen, zum Beispiel im Chor, kommt noch die soziale Komponente des Gefühls der Zugehörigkeit zu einer Gruppe hinzu. Dabei wird die Atmung der Singenden auf natürliche Weise mit dem Takt der Musik synchronisiert und stabilisiert, nach neuen Studien sogar ihre Herzfrequenzen und Gehirnwellen.
Dieser Zustand führt zu Öffnung, Weite und dadurch Sog. Das wiederum bewirkt eine Optimierung des Gesangreflexes, das Loslassen von Schutzspannungen, physische und psychische „Ent-Faltung“, „Ent-Wicklung“, und auch Hinwendungsfähigkeit der Person zu anderen Personen. Mit anderen Worten, das Zitat „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ aus dem im Jahr 1804 veröffentlichten Gedicht von Gottfried Seume ist heute wissenschaftlich belegbar.
Genuss ist allgemein das Signal fürs Gehirn, etwas zu speichern, um es wiederholen zu können. Das bedeutet, diese funktional sinnvollen Vorgänge werden automatisch gemerkt und gelernt.
Angst oder Wut dagegen lösen Verengungen und Schließungen aus, und dadurch Überdruck: Eine ablehnende Haltung aktiviert die Taschenfalten, die Stimme wird „eng“ und „scharf“. Wut singen, wütend singen ist aus diesem Grund funktional nicht möglich. Im Gegensatz dazu kann man durchaus wütend sprechen, denn Sprechen ist eine Überdruckfunktion, genauso wie Schreien. Dieser Umstand ist auch für die Interpretation von gesungenem Text von großer Bedeutung. Das heißt aber auch: Jede innere Abwehrhaltung macht Singen und vor allem Singen Lernen unmöglich. Für das Gelingen einer sängerischen Entwicklung ist es von allerhöchster Wichtigkeit, dass das emotionale Umfeld sicher, positiv und unterstützend ist.
Die gesamte Muskulatur der Mimik, der Augen und des Nackens ist mit emotionalen Mustern verknüpft. Sie ist das menschliche Kommunikationszentrum schlechthin. Jede Änderung in der Mimikmuskulatur bewirkt eine emotionale Reaktion bei einem selbst und auch beim Gegenüber. Der Modus, in dem sie beim Singen benutzt wird, nämlich offen und einladend statt verschlossen und abwehrend, hat maßgeblichen Einfluss darauf, in welcher Weise sich die Muskulatur aufbaut zu einem sängerischen „Instrument“, und wie sie funktioniert. Bei einer Veränderung der Gefühlslage ändert sich sowohl beim Sprechen als auch beim Singen die Klangfarbe: Traurige Stimmung macht den Klang dunkler und weicher, aggressive Stimmung dagegen macht ihn heller und härter. Für den Flucht-, Kampf- oder Erstarrungsmodus müssen sich die kleinen Nackenmuskeln extrem anspannen. Der Mensch wird „hartnäckig“.
Funktionales Singen erfordert aufgrund dieser evolutionären Zusammenhänge den Zustand der Objektivität, denn alle Gefühlsregungen haben Einfluss auf die Funktion.
Die Emotionsübertragung geschieht durch die individuelle emotionale Vorprägung und die entsprechende Stimmgebung beim Singen: Worte und Klänge sind Codes mit emotionaler Verschaltung.
Die Wirkung auf die Zuhörerschaft entsteht also durch den Gesang selbst. Singen ist ansteckend, wie andere Gefühlsäußerungen auch, etwa Seufzen, Lachen, Weinen oder Schreien. Die körperlichen Abläufe beim Singen üben einen großen Einfluss auf die empathische Reaktion anderer Menschen aus. Sie beeinflussen ihre „Stimmung“.
Ein Wort noch zum Persönlichkeitstyp, der häufig mit Sängerinnen und Sängern in Verbindung gebracht wird: Es ist naheliegend, dass die intensive physische und psychische Beschäftigung mit dem Singen die Charaktereigenschaften verstärkt und einfordert, die es auszeichnen: Es ist eine extrem feine und sensible Bewegungsform, die vollkommen intuitiv abläuft und maßgeblich von Emotionen gesteuert wird. Gleichzeitig ist es eine außergewöhnlich körperintensive und kraftvolle Aktivität.
Sängerpersönlichkeiten weisen häufig genau diese Veranlagungen auf, denn sie sind unerlässlich für ihren Beruf.
FALSETT
Im 17. Jahrhundert wurde der Begriff „Falsett“ gebraucht für die Stimmgebung „bei erwachsenen Sängern, wenn sie anstatt ihrer ordentlichen Bass- oder Tenor-Stimme, durch Zusammenzwingen und Dringen des Halses, den Alt oder Discant singen. Man nennet es auch deswegen eine unnatürliche Stimme.“ (Johann Gottfried Walther, „Musicalisches Lexicon“ 1732)
Heute wird damit umgangssprachlich der Tonbereich oberhalb des ->Übergangs ab etwa es` bezeichnet. Das ist eine für Männer ungewohnte Lage. Ihre Sprechlage und die Lage, in der sie normalerweise singen, ist die tiefe Lage unter dem Übergang. Das Fehlen der Eigenresonanz der Luftröhre erscheint ihnen ungewöhnlich und „falsch“. Frauenstimmen singen jedoch überwiegend in der Lage über dem Übergang, obwohl auch ihre Sprechlage darunter liegt. Für viele Sängerinnen fühlt sich deshalb das Erzeugen von gesungenen Tönen unter dem Übergang falsch an.
Die funktional richtige Klangproduktion beim Singen in der höheren Lage findet im dehnungsdominanten Register, der „Kopfstimme“ statt. Dazu sind sowohl Frauen als auch Männer in der Lage, genauso wie Frauen auch im massedominanten Register, in der sogenannten „Bruststimme“ funktional richtig singen können.
Echtes Falsett, auf Deutsch „Fistelstimme“ von Italienisch „fistula“, Röhre, Pfeife, also „pfeifende“ Stimmgebung im ursprünglichen Wortsinn, existiert nur innerhalb e`-a`. Nur da ist eine Art Überblasen möglich, eine Form der Tonerzeugung, die bei Querflöten Usus ist. Denn echtes Falsett ist Tonerzeugung ohne Beteiligung des Stimmmuskels. Dadurch bietet er seinem Antagonisten keinen Widerstand. So gerät nur das ->Ligament in Schwingung. Weil so kein echter Stimmbandschluss erzeugt werden kann, fließt viel „wilde“ Luft hindurch. Die drei muskulären Regelfunktionen der Stimmlippen, Tonhöhenregelung, Lautstärkeregelung und Stimmlippenschluss, sind nicht möglich. Deshalb können die Tonhöhen nur über Luftdruck verändert werden. Das ist eine Überdrucktechnik, die immer ohne Vibrato stattfindet.
FILARE LA VOCE
Das bedeutet übersetzt „die Stimme ziehen“ oder auch „den Ton spinnen“: Bei der Tonhöhenveränderung nach oben gibt der Vocalis Faser für Faser Muskelmasse ab. Im Gegenzug kontrahiert der äußere Kehlkopfmuskel, um ihn in die Länge zu ziehen. Die dabei entstehende Feinwahrnehmung erinnert an den Vorgang des Spinnens, bei dem ja auch durch subtile und differenzierte Bewegungen ein feiner Faden immer weiter verlängert wird, ohne dass er abreißt. Die Assoziation liegt also nahe.
FORMANT
Der in der Akustik recht häufig verwendete Begriff „Formant“ bedeutet, dass in der Obertonreihe über einem Grundton sich mehrere Obertöne zu einer Obertonballung „formieren“. Jede Vokalfarbe wird definiert durch einen tiefen und einen höheren Vokalformanten. Der vokaltypische Entstehungsort ergibt sich dabei ausschließlich aus jeweiligen der Form des Rohres, in dem die stehende Welle schwingt. Die Länge hat darauf keinen Einfluss. Auch Tierstimmen und von unbelebten Gegenständen erzeugte Laute klingen für uns oft wie Vokale. In diesem Zusammenhang empfehle ich das Kurzvideo auf youtube „demostraciòn de la fonaciòn humana.AVI“.
Der gesungene Grundton und der erste Vokalformant, der darüber im sogenannten ->Vestibül entsteht, sind akustisch nicht trennbar. Sie sind für das dunkle Timbre der Gesangsstimme verantwortlich. Beim Sprechen entsteht der untere Formantbereich aufgrund des hochstehenden Kehlkopfs nur unvollständig oder gar nicht. Der zweite Vokalformant bildet sich an einer den jeweiligen Vokal definierenden Engstelle im Vokaltrakt. Er ist verantwortlich für die Verständlichkeit des Vokals.
Durch unsere ursprüngliche Prägung auf Sprache sind wir normalerweise gewöhnt, vor allem oder sogar ausschließlich auf den zweiten Vokalformanten zu achten, weil für die sprachliche Kommunikation eine möglichst deutliche Artikulation ja erste Priorität hat. Wird diese Präferenz aber unverändert auf das Singen übertragen, entsteht zwischen den beiden Formantbereichen ein Ungleichgewicht. Fehlt nämlich der erste Formant, weil der Kehlkopf zu hoch steht, ist es unmöglich, mühelos Masse anzukoppeln. Die Rundung im Vokaltrakt, der zur Verfügung stehende Klangraum, reicht dafür nicht aus. Dann klingt die Stimme sehr hell, fast wie eine Kinderstimme. Der Belcanto nennt diesen Klang „bianco“, „weiß“.
Ein Hinunterdrücken der Zunge wiederum hat Einfluss auf die Ausbildung des oberen Formanten. Denn diese Bewegung verengt den unteren Rachenraum, sodass die im Kehlkopf erzeugten Schwingungen nicht vollständig am weichen Gaumen reflektiert werden. Der Klang der Stimme wird dann „stumpf“, der Vokal unverständlich.
Unterhalb und oberhalb der Frequenzbereiche, von denen die Vokalfarbe definiert wird, ist es unmöglich, klare Vokale zu artikulieren. Die sie bestimmenden Merkmale sind dort nicht oder nur unvollständig vorhanden. Ein geschlossener „u“-Vokal kann beispielsweise nur innerhalb der Oktave es`-es`` gebildet werden, weil die beiden Formantbereiche, die es akustisch definieren, bei ca. 300 und 600 Hz liegen.
Um erkennbare Vokale zu bilden, gibt es also zwei Möglichkeiten: Man verkürzt und verkleinert das „Instrument“, verändert die akustischen Rahmenbedingungen, man singt gewissermaßen „mit Kinderstimme“. Diese Technik heißt „Formanttuning“. Oder man erlaubt eine Öffnung des unteren, in der Folge fallweise auch des oberen Vokaltrakts, zum nächst offeneren Vokal hin. Dabei bleibt der Kehlkopf auf seiner sängerischen Tiefposition, und der sängerische Ablauf bleibt ungestört erhalten.
Für hohe Töne ist wichtig, zu wissen: Weil die oberen Vokalformanten für „u“, „o“ und „a“ bei erwachsenen Menschen unterhalb von a`` liegen, ist es für sie nicht möglich, diese Vokale in dieser Lage adäquat zu artikulieren. Männerstimmen haben es da entschieden leichter als Frauenstimmen, weil sie sich bei der Tonbildung ja praktisch nie in diesen Frequenzbereichen bewegen. Das ist einer der Gründe für die „undeutliche“ Aussprache von Sopranistinnen: Sie spüren instinktiv, dass es ihrer Stimme und der Qualität ihres Gesangs schadet, wenn sie zu deutlich im Sinne der Sprachgewohnheit artikulieren. Denn so verlieren sie den ersten Vokalformanten, weil das System schließt und der Kehlkopf hochgezogen wird. Die Gesangsfunktion kann dann nicht störungsfrei ablaufen, und die Stimme wird müde.
Die weiteren Obertonballungen oberhalb der beiden Vokalformanten sind nicht an der Vokalbildung beteiligt. Sie beeinflussen aber maßgeblich den Stimmklang und die Tragfähigkeit. Besonders gilt das für die drei sogenannten „Sängerformanten“. Sie können allerdings nicht bei jeder Tonhöhe entstehen: Wenn der gesungene Grundton diese Frequenzen nicht im Klangspektrum hat, werden sie nicht angeregt.
Der erste Sängerformant liegt um 3000 Hz, das entspricht etwa fis````. Er entsteht durch Verschmelzung des dritten und vierten Vokalformanten. Für die Tragfähigkeit ist er von höchster Wichtigkeit, da die menschliche Hörkurve im Frequenzbereich um 3000 Hz am empfindlichsten ist. In Babygeschrei ist diese Frequenz immer enthalten. Darum stellt sie ein besonderes emotionales Stimulans für die Zuhörenden dar, das die Psyche in Alarmbereitschaft versetzt.
Der zweithöchste und der höchste Sängerformant wirken als Klangcode. Sie liegen um 5000 bzw. 8000 Hz, also ca. d````` bzw. e``````. Sie regen über das Gehör im Gehirn eine erhöhte Gamma-Nerventätigkeit und Glücksgefühle an. Positive Gehirnaktivität wird davon ausgelöst. Einen ähnlichen Effekt hat Vogelgesang. Vielleicht einer der Gründe, warum Singen sowohl in aktiver als auch in passiver Form glücklich macht?
GAUMEN
Der weiche Gaumen, das sogenannte „Gaumensegel“, liegt zwischen den oberen Backenzähnen. Beim erwachsenen Menschen ist die Schädelbasis leicht gewölbt, so dass er gehoben werden kann. Beim Kind ist sie noch flach.
Der weiche Gaumen besitzt keine eigene Muskulatur, sondern er wird antagonistisch zur Mundöffnung und zum ->Trachealzug passiv gehoben und gedehnt. Das steht im Gegensatz zum Prinzip der ->Sitztechniken, die eine aktive Gaumenhebung lehren. Schon Giambattista Mancini fordert 1774 in seinen “pensieri e riflessioni pratiche sopra il canto figurato“, „der Schüler müsse lernen, seine Brust so zu trainieren, dass die Stimme natürlich strömen kann, und von der Entspanntheit des Gaumensegels Gebrauch machen“. (Ernst Haefliger, „Die Kunst des Gesangs“, S. 91)
Ab dem zweiten Drittel der Kieferöffnung schließt das Gaumensegel die Nase von innen. Der Gaumenheber kontrahiert reflektorisch infolge des Zuges nach unten. Das ist eine Funktion, die von allen Primaten nur der Mensch besitzt, und ein Indiz für eine Vergangenheit des Homo sapiens im und am Wasser. Der weiche Gaumen bildet so den „Deckel“ des „Instruments“, ähnlich wie bei der Gedacktpfeife einer Orgel. Dadurch wird die stehende Klangwelle auf die Stimmlippen zurückreflektiert. Sie reagieren auf die entstehenden Luftbewegungen mit erhöhter Schließbereitschaft. Das wieder ergibt eine Rückkopplung des Stimmklanges zwischen Stimmlippen und Gaumen, die maßgeblichen Anteil an der immensen Tragfähigkeit der menschlichen Stimme hat. „Der Vokalklang antwortet auf die Hohlheit des Gaumens“, bemerkt dazu David Fabricius schon im Jahr 1601. (Franziska Martienssen-Lohmann, „Der wissende Sänger“, S. 122) Ein willentliches Heben des Gaumensegels ist muskulär unmöglich. Beim Versuch einer aktiven Hebung drückt die Zunge nach hinten unten, schließt den Kehldeckel und verengt den Vokaltrakt. Klangliches Ergebnis ist eine „gepresste Stimme“, ein „enger Ton“. Die Anspannung und Abflachung des weichen Gaumens dämpft den Klang und vermindert so die Tragfähigkeit.
Durch den Gähnreflex wird diese Form der Gaumenhebung initiiert. Der Grund ist wohl der Schutz der Lunge während der extremen Öffnung der Atemwege.
Bei der sängerischen Hebung des Gaumens durch Mundöffnung und Absenkung des Kehlkopfs in der Einatmung bewegt sich das System in der Mitte schlank nach oben. Da es unwillkürlich auf akustische Phänomene reagiert, verstärkt sich, etwa ab c``, in der Höhe die Hebung von selbst immer mehr. Wenn die Funktion wieder in Richtung Massedominanz geht, bleibt sie aber weiter erhalten. Der weiche Gaumen verstärkt aufgrund seiner Kuppelform die hohen Frequenzen im Klang. Im Belcanto nennt man das „vor dem Gesange den Deckel heben“.
GESANGSREFLEX
Singen ist ein sensomotorischer Vorgang, also eine Folge ständiger Koordination von Sensorik und Motorik. Laut Eugen Rabine ist der Gesangsreflex der komplizierteste zusammengesetzte Reflex, der dem menschlichen Körper zur Verfügung steht. Er besteht aus angeborenen, unbedingten und erworbenen, bedingten Reflexen.
Reflexe sind blitzschnelle Reaktionen des Körpers, die unwillkürlich ablaufen. Sie können nicht bewusst gesteuert werden, sondern werden durch bestimmte Reize ausgelöst. Unter ähnlichen Bedingungen folgt auf den entsprechenden Auslöser immer die gleiche Reaktion. Diese Reiz-Reaktions-Verknüpfung ist der Reflex. Die neuronale Verschaltung zwischen beiden nennt man Reflexbogen. Die Nervenzellen vieler Reflexbögen liegen im Rückenmark. Ohne den Umweg ins Gehirn können die Schaltwege dadurch möglichst kurz gehalten werden. Das erlaubt beispielsweise in Gefahrensituationen eine unmittelbare Reaktion.
Zwei frühkindliche Reflexe, die im Gesangsreflex enthalten sind, sind der Such- und der Saugreflex: Als Reaktion auf eine Berührung des Mundwinkels spitzen Säuglinge die Lippen, und sobald sie damit etwas berühren, beginnen sie zu saugen.
Ein weiterer verwandter Reflex ist der Niesreflex, dessen primäre Aufgabe es ist, Fremdkörper aus den Luftwegen zu entfernen. Er wird an der gleichen Stelle im Rückenmark ausgelöst wie der Gesangsreflex, nämlich etwa auf Höhe der fünften Rippen. Auch für die Auslösung des Niesreflexes ist das große Einatmungsvolumen entscheidend. Interessant dabei ist auch im Vergleich zum Gesangsreflex, dass bei einer zu weiten Mundöffnung der Niesreflex gestoppt wird. Der Effekt, etwas aus der Nase zu schleudern, wird durch die Öffnungsweite von mehr als zwei bis drei Zentimetern unmöglich gemacht, denn davon wird der Verschluss der Nase durch die Hebung des weichen Gaumens ausgelöst. Darum ist „i“ der „Niesvokal“. Im Laufe des Lebens werden andere bedingte Reflexe durch Konditionierung dazu erworben.
Auch beteiligt ist ein Verhalten, das praktisch alle Tiere haben, die selbstständig atmen, nämlich das Räkeln. Es ist primär häufig mit dem Gähnreflex verbunden und evolutionär vermutlich dazu da, die gesamte Muskulatur, also auch die Ein- und Ausatmungsmuskulatur, gegeneinander zu dehnen, um sie zu aktivieren. Dadurch entsteht auch eine deutlich präsentere und wachere Körperwahrnehmung. Viele Sinnesrezeptoren werden dabei angeregt. Bei all diesen brustkorberweiternden Reflexen wird infolge der Aktivierung eines Dehnungsreizes im Bereich der fünften Rippen ein intensives, „erhebendes“ Wohlgefühl ausgelöst, das ausbleibt, wenn die Dehnung nicht vollständig erfolgt, und der Reflex infolgedessen nicht ausgelöst wird. Das Wort „Aufatmen“ beschreibt diesen Zusammenhang suggestiv. Das ist auch beim Gesangsreflex zu beobachten. Im Gegensatz dazu lösen Zustände, in denen diese Erweiterung und Hebung der Rippen nicht erfolgt oder nicht erreicht wird, offenbar Emotionen aus, von denen Assoziationen von Gewicht und Schwere im Brustbereich geweckt werden: Man „hat etwas auf dem Herzen“, man ist „niedergeschlagen“ oder „bedrückt“, weil etwas „Belastendes“ „wie ein Stein auf der Seele“ liegt. Die Sprache kennt noch viele ähnliche Ausdrücke. Fällt dann „der Stein vom Herzen“, wird einem wieder „leicht ums Herz“. Ein „Seufzer der Erleichterung“ kann schon als Vorstufe von Gesang interpretiert werden. Aus dem Bedürfnis zu jauchzen ist er ja vermutlich entstanden.
Am Beginn des Gesangsreflexes steht ein neurologischer Impuls im Mittelteil des Stammhirns. Er wird von der speziellen sängerische Einatmung auf mindestens 50% des Lungenvolumens ausgelöst. Sie korrespondiert mit dem Stimmeinsatz, der ja vom selben Hirnareal gesteuert wird. Der Vocalismuskel wird davon innerviert, denn er ist das Einatmungsventil. Bei der Phonation wird durch den dosierten Luftstrom von unten die Schleimhaut aufgrund des aerodynamischen „Bernoulli-Effekts“ von rechts und links in rhythmischen Abständen angesaugt und so am Schwingen gehalten. Das funktioniert aber nur bei optimalem Luftstrom.
Wenn der Gesangsreflex soweit von ihm zuwider laufenden Gewohnheiten befreit ist, dass er dominant die Klangerzeugung leiten kann, ist er selbstregulierend und selbstoptimierend. Anders ausgedrückt, sobald die Stimmlippen optimal arbeiten, organisiert sich der ganze Körper nach ihnen: Das Ventil meldet zurück, was es an Einatmungsaktivität braucht, und das System richtet sich danach. Diese Verbindung reagiert auf Achtsamkeit. Sie wird im Verlauf der Tonerzeugung weiter optimiert, weil die schwingende Luftsäule über die Sinneszellen der umkleidenden Schleimhaut fühlbar wird. Voraussetzung dafür ist ein optimal tief stehender Kehlkopf. Was den Kehlkopf nach oben zieht und den Vokaltrakt verengt, stört oder verhindert den Gesangsreflex. Töne, die dann entstehen, stammen also aus anderen neuronalen Programmen.
Das bedeutet aber auch: In untrainiertem Zustand gehört der Stimmmuskel dem Atemsystem an und reagiert ausschließlich darauf. Erst durch das Erwerben der Fähigkeit zu vollständiger sängerischer Einatmung wird das „Stimmorgan“ zu einem eigenständigen System, das fähig ist, sich aus sich selbst heraus zu regeln. So wird funktionales Singen erst möglich.
GESTALTUNG
Künstlerische Gestaltungsfreiheit besteht nur im Rahmen der Selbstregulation der Stimmlippen, wenn ein funktional gesunder Umgang mit der Stimme gewährleistet sein soll. Im Laufe der Beschäftigung mit der Materie kann sich aber ein sängerisches Gespür entwickeln, ein Instinkt für Stimmgesundheit, und damit ein neuer Zugang zu den vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, die der Singstimme innewohnen. Für die differenzierte Fähigkeit, sich emotional auszudrücken, ist sie ja entstanden.
Es ist sehr interessant, zu entdecken, welche kreativen Möglichkeiten das System von selbst bereitstellt, ohne dass sie bewusst angestrebt werden. Dieser Ansatz der intuitiven Kreativität des Körpers deckt sich mit dem der Feldenkrais-Lehre.
GLISSANDO
„Glissando“ bedeutet Gleiten durch die Tonhöhen ohne Tonschritte. Beim Glissando sind alle Parameter in Bewegung außer dem Vibrato. Durch leichte Kontraktion von zwei kleinen Einhängemuskeln rechts und links am Kehlkopf, die am Beginn eines Glissandos reflektorisch erfolgt, wird mechanisch der physiologische Grundtremor der schwingenden Vocalismuskulatur abgebremst. Die Vibratoimpulse laufen aber auch während der Glissandobewegung weiter. Werden sie hörbar durch das Lösen dieser Kontraktion, entsteht ein ->„Portamento“. Dabei vollzieht sich dann die Tonhöhenveränderung, durch das Vibrato geleitet, in Dritteltonschritten.
Sobald die Tonhöhe verlassen wird, wird automatisch das Vibrato minimiert. Das ist ein neuronales Programm. Die Kunst, echtes nonvibrato zu singen, fußt auf diesem Zusammenhang: Die Vibratoschwingung wird dabei nämlich nicht durch Verengung des Raumes oder erhöhten Luftdruck gestoppt, oder entsteht von vornherein nicht wegen einer gestörten Funktion, sondern die Kontraktion der beiden Muskeln am Kehlkopf wird aktiviert durch den Wunsch, ein Glissando zu singen. Behält man die Tonhöhe anschließend doch bei, entsteht ein Klang ohne Vibrato.
So wird die Nonvibratotechnik auch geübt. Sie ist für erwachsene Stimmen ja nicht naturgegeben. In manchen Musikstilen, besonders in der alten Musik, wird sie aber gefordert aufgrund des Umstands, dass die Musik ursprünglich für Knabenstimmen komponiert worden ist. Nur diese Art, das Vibrato zu kontrollieren, gewährleistet dauerhaft einen gesunden Umgang mit der erwachsenen Stimme. Es versteht sich von selbst, dass das erst möglich ist, wenn bereits ein regelmäßiges Vibrato existiert.
Eine weitere Form von Glissando ist das „Vokalglissando“: Beim Singen ist es günstig, nicht ruckartig von einem Vokal zum anderen überzuwechseln, weil plötzliche Bewegungen vom Gehirn mit Erschrecken assoziiert werden, und daraufhin das System schließt. Deshalb werden für die funktional gesunde Stimmbehandlung die Bewegungen von einem Vokal zu anderen von der Artikulationsmuskulatur gleitend ausgeführt. Das ist anders als bei der Sprachgewohnheit, bei der die Konsonanten zwischen den Vokalen den Mundraum verengen oder ganz verschließen.
Bei der sängerischen Artikulation werden die zwischen dem Ausgangs- und dem Zielvokal liegenden Vokale minimal hörbar, wobei die Konsonanten diese Bewegung so wenig wie möglich stören. Trotzdem entsteht der akustische Eindruck von klaren Vokalwechseln, da das Gehör alle Vokale durch ihre Formanten definiert. Ein ähnliches Phänomen kennen wir vom Regenbogen: Er bildet das gesamte sichtbare Farbspektrum nahtlos ab. Trotzdem sind wir imstande, die verschiedenen Farben klar zu unterscheiden.
GLOTTISSCHLAG
Der Begriff wird üblicherweise verwendet zur Beschreibung einer Sprengung der Stimmlippen durch großen Luftdruck von unten, hervorgerufen durch starken Druck der schrägen Bauchmuskulatur: Die Atemluft staut sich unter der geschlossenen Stimmritze, der Glottis. Dadurch werden die Stimmlippen nach oben ausgelenkt. Können sie dem Druck nicht mehr standhalten, werden sie auseinandergesprengt. Diese Vorgehensweise, auch als „Staumethode“ bekannt, macht selbstverständlich eine gesunde Stimmbehandlung unmöglich und ist völlig unvereinbar mit dem reflektorischen Stimmeinsatz bei der funktionalen Klangerzeugung.
Der Begriff „coup de glotte“, von dem sich dieser Begriff ableitet, wurde von dem namhaften Gesangslehrer Manuel Garcia im 19. Jahrhundert geprägt. Die wörtliche Übersetzung davon ist „Glottisschlag“. Garcia war Stimmforscher und obendrein ein außergewöhnlich erfolgreicher Gesangslehrer. Es ist naheliegend, dass er den Begriff „coup“ eher in der heute üblichen Weise gebraucht hat, die eine unerwartete, gelungene Aktion meint. Das passt als Beschreibung für den Stimmeinsatz viel besser.
GOLA APERTA
Die wörtliche Übersetzung dieses Begriffs ist "offene Kehle". Durch die sängerische Kieferöffnung ohne Beteiligung von Zungendruck und die sängerische Einatmung kann der Kehlkopf von der Ruhestellung in der Höhe des zweiten Halswirbels bis zur Höhe des fünften Halswirbels abgesenkt werden. Dabei öffnet sich die Stimmritze immer weiter, zunächst in Form eines Dreiecks („Dreipunkt-Öffnung“), bei weiterer Senkung nach und nach durch Zuschalten weiterer senkender Muskelgruppen der Einhängemuskulatur bis zu einer nahezu runden Öffnung („Siebenpunkt-Öffnung“).
Die optimale Tiefstellung bleibt im Idealfall während der gesamten Tonproduktion erhalten. Im Verlauf der Öffnung der Stimmritze durch die Kehlkopfsenkung richtet sich auch der Kehldeckel auf, bis er beinahe senkrecht steht. So ist bei Beginn der Tonerzeugung die Luftröhre nach oben praktisch vollständig geöffnet.
Die schließende Schutzfunktion der Stimmlippen wird dabei ersetzt durch ihre kinetische Energie und den höheren Muskeltonus, mit anderen Worten, ihre erhöhte Schließbereitschaft.
HÖHE
Um hohe Töne zu erzeugen, müssen die Stimmlippen schneller schwingen als beim Erzeugen von tiefen Tönen. So schwingen sie bei einem a`` 888 Mal pro Sekunde hin und her. Das ist ein äußerst komplexer Vorgang. Er setzt einen sehr hohen Tonus und eine besonders hohe Differenzierungsfähigkeit des ganzen Systems voraus. Diese Parameter sind beim untrainierten Körper nicht vorhanden und müssen schrittweise aufgebaut werden. Das Muskelpaar Stimmlippenmuskel/Kehlkopfkipper kann man nur gemeinsam trainieren. Ein kontrahierender Vocalis trainiert den Kehlkopfmuskel und umgekehrt. Anders ausgedrückt: Die Höhe wird in der Tiefe trainiert. Dabei geht es um Spannkraft und Elastizität des gesamten Systems. Je trainierter ein Muskel ist, desto differenzierterer kann er agieren. Das besagt auch das bekannte Zitat aus dem Belcanto: „Die Höhe des Sängers ist gebaut auf den tiefsten Tönen.“
Um hohe Frequenzen zu ermöglichen, kontrahiert der Ring- Schildknorpelmuskel, der an der vorderen Spitze des Schildknorpels ansetzt, und zieht so die Stimmlippen in die Länge, wobei das System nach vorne unten nachgibt. Da sie dadurch dünner werden, erhöht sich ihre Schwingungsfrequenz, wie das bei jedem elastischen Band geschieht. Der schwingende Muskelanteil wird mit zunehmender Dehnung immer geringer, bis bei fis`` keine Muskelmasse mehr an der Schwingung beteiligt ist. Der obere Rand, das ->Ligament, schwingt dabei in ganzer Länge. Entsprechend weiter und länger wird auch der Vokaltrakt in der Höhe. Die vollständige Dehnung der Stimmlippen braucht die große Weite des Vokals „a“. Auch deshalb ist in der Höhe eine der Sprachgewohnheit entsprechende Artikulation von „o“ und „u“ unmöglich.
Je höher der gesungene Ton ist, desto weniger Veränderung im Vokaltrakt ist nötig. Zum Vergleich: Die Griffe auf dem Griffbrett eines Saiteninstruments werden immer enger, je höher der erzeugte Klang wird. Eine geringfügige Veränderung an den Stimmlippen durch die Aktivität des Kehlkopfkippers ändert schon die Tonhöhe.
Bei steigender Tonhöhe wird die hohe Schwingung am weichen Gaumen immer stärker fühlbar, denn da wird sie verstärkt. Infolge der Absenkung des Schildknorpels durch den Zug des äußeren Kehlkopfmuskels wird die Form des weichen Gaumens immer schmaler und länger. Mit intensiverer Wahrnehmung der Kopfresonanz fühlt sich die Klangentstehung höher an. Die Klangerzeugung bleibt aber am selben Ort im tiefstehenden Kehlkopf. Trotz der starken oberen Schwingung bleibt die untere Schwingung im Vokaltrakt dominant. Sie ist und bleibt die primäre Vibration, ohne die überhaupt keine hohe Schwingungswahrnehmung entstehen könnte. Auch der subglottale Luftdruck wird bei immer feinerer Schwingung immer noch weiter reduziert. Umso tonisierter muss demzufolge die Einatmungsmuskulatur werden, um den Raum offenhalten zu können. Ist dies gewährleistet, können die tiefen Raumfrequenzen den hellen Klang anreichern, wie beim Rufen in ein Rohr hinein.
Wenn nur noch die Ränder schwingen, und keine Muskelmasse mehr an der Klangerzeugung beteiligt ist, ist auch der Stimmbandschluss bei gleicher Lautstärke geringer als bei tiefen Tönen. Das Singen fühlt sich dann „schwerelos" an, die Empfindung ähnelt dem von Singen im Piano oder Pianissimo.
Eine Lautstärkeregelung ist in der Höhe nicht mehr im gleichen Maße möglich wie in tieferen Lagen, weil keine An- bzw. Abkopplung von Masse mehr stattfindet.
Weil aber durch die Verlängerung und Erweiterung des Vokaltrakts gleichzeitig die Oberflächenspannung der ihn umkleidenden Schleimhäute steigt, verbessert sich die Resonanz. Zugleich steigt durch die Stimmlippendehnung ihre Schließbereitschaft, also die ->Mediakompression, an. Dazu kommt noch der Rückkopplungseffekt durch die auf die Stimmlippen zurückgeworfenen Vibrationen, der sie zu erhöhter Aktivität anregt. Für die Lautstärkeveränderung in sehr hoher Lage verändert sich also fast ausschließlich die Intensität des Stimmlippenschlusses und damit auch der Grad der Erzeugung von sehr hohen Frequenzen bis hin zu den Sängerformanten.
All diese immer feiner werdenden Anpassungsbewegungen werden bei optimalen Luftdruck- und Resonanzverhältnissen nur durch die Stimmlippen in vollkommener Selbstregulation geleitet.
INALARE LA VOCE
Dieser allgemein bekannte Ausdruck bezieht sich auf eine spezielle Wahrnehmung in der Einatmungsmuskulatur und im Vokaltrakt: Er beschreibt das Gefühl, durch die Beibehaltung der dominanten Einatmungsaktivität während der Ausatmung beim Singen „die Stimme einzuatmen“. Der Luftfluss wird von den Stimmlippen ganz fein dosiert, damit die Schwingungsbewegungen völlig ungestört ablaufen können. Im Laufe der Phrase erhöht sich die Einatmungsaktivität sogar noch, so dass das Ende der Schwingungsbewegung gleichzeitig der Beginn der folgenden Einatmung ist. Die Einatmungsmuskulatur arbeitet also durchgehend dominant. Das Ende der nächsten Einatmung wiederum ist der Beginn des folgenden Tones. Die Einatmungsdominanz wird also aufgebaut für den ersten Einsatz und, bis zu einem gewissen Grad abhängig vom Melodieverlauf, bis zum Ende des letzten gesungenen Tones weiter verstärkt. Diese Gesetzmäßigkeit ist mit Gleichstrom anstelle von Wechselstrom vergleichbar, oder auch mit dem Prinzip des „Drachensteigens“: Solange man ihn „steigen lässt“, dominiert, abhängig von der jeweils vorhandenen Windgeschwindigkeit, der Zug von unten, der ihn in der Luft hält. Kollabiert der Zug, stürzt der Drachen ab.
Auch die Philosophie der japanischen Kampfkunst Aikido beruht auf einem ähnlichen Grundsatz: Der bereitgestellten Energie wird nichts entgegengesetzt, sie wird nicht abgeblockt und neutralisiert, sondern aufgenommen und umgelenkt, harmonisch genutzt und immer weiter verstärkt. Das Ziel dieser Körpertechnik ist die Förderung der Einheit von Körper und Geist, persönlichem Wachstum und der Fähigkeit, mit sich selbst und der Umwelt im Einklang zu sein. Singen entfalten die gleiche Wirkung.
INTONATION
Intonation entsteht am Grundton. Nur da, wo der Klang entsteht, kann sie geregelt werden, also an den Stimmlippen. Wirkungen kann man nur über ihre Ursachen verändern. Ohne Grundtonwahrnehmung ist effektive Intonationsregelung deshalb unmöglich. Für das Verstehen von Sprache nutzen wir den oberen Vokalformanten, weil beim Sprechen der untere nur ansatzweise ausgebildet ist. Das erschwert für ungeübte Ohren das Erkennen der Grundtonfrequenz erheblich. Beim gesungenen Ton ist sie aber ausschlaggebend für die Regelung der Tonhöhe.
Wird der Versuch gemacht, über den zweiten Vokalformanten, also die Vokalfarbe, die Intonation zu verbessern, geht das nur über Manipulationen der Vokaltraktform. Dadurch werden aber die optimalen Voraussetzungen für die Tonerzeugung gestört. Dieses Vorgehen ist vergleichbar mit dem „Stopfen“ von Blechblasinstrumenten: Man verformt damit den Resonator, aber die erzeugte Frequenz bleibt gleich, weil sie ja an der Klangquelle entsteht, beim Instrument also im Mundstück. Durch die Verformung wird der Klang verändert und verfälscht. Auf diese Störung reagieren die Stimmlippen mit Schließung. Ihr Schwingungsverhalten wird davon beeinflusst und sie koppeln mehr Masse an. Die Intonation mithilfe von Luftdruck oder durch Veränderung der Kehlkopfposition zu ändern, wie beim lauten Reden, Rufen und Schreien, ist ebenfalls problematisch. Auch das stört das Verhältnis von Masse- und Dehnungsdominanz. Die Intonation wird dann nicht direkt reguliert, sondern hängt teilweise von Zufällen und nicht funktionalen Strategien ab.
Allgemein kann man sagen, dass der Eindruck von zu tief oft bei zu wenig hoher Schwingung, und der von zu hoch bei zu wenig tiefer Schwingung im Klang entsteht.
Zwischen hohen und tiefen Stimmen gibt es noch zwei interessante Unterschiede: Je tiefer der erzeugte Grundton und je länger der Resonator ist, desto mehr Teiltöne können darin entstehen. Das bewirkt eine bessere Mischung des Gesamtklanges aus Grundton und Obertönen. Hohe Töne haben also weniger Obertöne als tiefe. Daraus ergeben sich bei ihrer Bildung mehr Intonationsprobleme als bei tieferen Tönen. Ungenauigkeiten in der Grundtonfrequenz fallen dann mehr auf, auch wenn es sich nur um wenige Schwebungen handelt. Dieses Phänomen ist auch bei Instrumenten anzutreffen: Die Intonationsregelung bei einer Geige ist viel subtiler als bei einem Kontrabass. Zudem liegen die oberen Vokalformanten vieler Sprachvokale unter den zu intonierenden Frequenzen hoher Töne. In dieser Lage ist für genaue Intonation also eine gezielte Veränderung der Vokalisation nötig, die der Sprachgewohnheit entgegensteht. Auch diese Fertigkeit ist ein Ziel von funktionalem Unterricht.
BELCANTOBEGRIFFE UND FACHAUSDRÜCKE FUNKTIONAL ERKLÄRT K - N
KEHLKOPF
Der Kehlkopf hängt stabil in der Einhängemuskulatur, die vom weichen Gaumen bis zum Zwerchfell reicht. Er kann in seiner Form in die Länge gezogen werden, weil er aus elastischem Knorpelgewebe besteht. Die Stellung des Kehlkopfs ist unabhängig von Vokal, Tonhöhe und Stimmfach. Allerdings kann die Kehlkopfmuskulatur durch Schall beeinflusst werden. Im Kehlkopf entsteht der Schall durch die schwingenden Stimmlippen, die vorne an der Kehlkopfspitze, dem sogenannten „Adamsapfel“ oder auch „Evasapfel“, angewachsen sind. Ihre hintere Begrenzung sind die Stellknorpel. Von ihnen werden sie geöffnet oder geschlossen. Der männliche Kehlkopf wächst deutlich stärker als der weibliche. Bei erwachsenen Männern ist er um ungefähr ein Viertel größer als bei Frauen. Männer können deshalb um etwa die Hälfte längere Stimmlippen und bis zu fünf Mal mehr Muskelmasse haben als Frauen.
Der Unterschied im Klang zwischen Jungen- und Männerstimme beträgt etwa eine Oktave (Frequenzverhältnis 2:1), Frauenstimmen können in der Pubertät bis zu einer kleinen Terz absinken (Frequenzverhältnis bis 6:5).
KEHLKOPFSENKUNG
Die Kehlkopfsenkung, in der italienischen Gesangslehre „affondo“ genannt, ist ein elementar wichtiger Aspekt in der funktional gesunden Klanggebung. Der Kehlkopf steht in Ruhestellung etwa beim zweiten bis dritten Halswirbel, kann aber bis zum fünften Halswirbel sinken. Im Idealfall senkt er sich symmetrisch ab. Es kommt aber öfter zu asymmetrischen Senkungsbewegungen durch Haltungsgewohnheiten. Die Wahrnehmung der symmetrisch schwingenden Luftsäule ist in solchen Fällen das beste und einzig dauerhaft wirksame Regulativ.
Die Kehlkopfsenkung ist unabhängig von Vokal- und Konsonantenbildung, Lautstärke und Tonhöhe. Sie wird hervorgerufen und zugleich unterstützt durch die Dehnung des Lippenrings und eine Kieferöffnung wie beim Saugen. Die Artikulation geplanten Vokals erfolgt daher erst dann, wenn der Kehlkopf vollständig gesenkt ist, und genau gleichzeitig mit dem reflektorischen Toneinsatz. Sie wird ausgelöst durch codierte Impulse aus dem Sprachzentrum. Das heißt, allein die Vorstellung eines bestimmten Vokalklangs löst im Moment des Einsatzes dessen Bildung aus, ohne jede bewusste Manipulation der artikulierenden Muskulatur. Nur so wird immer eine vollständige Senkung gewährleistet.
Punctum fixum, stabiler Ansatzpunkt bei der Senkung ist ein erweiterter Brustkorb. Dann kann das Zwerchfell effektiv kontrahieren. Nur dann wird eine vollständige Kehlkopfsenkung möglich, da das System nur gegen einen unbewegten Stabilisator öffnen kann. Die den Kehlkopf senkenden Muskeln könnten aber alternativ auch den Brustkorb heben, wenn punctum fixum und punctum movens vertauscht würden.
Kehlkopfsenkung ist also nicht nur ein Zug nach unten, sondern vor allem sogar ein Nachgeben der oberen Einhängemuskulatur und der ->Constrictoren.
Wird der Kehlkopf gesenkt, vergrößert sich der Abstand zwischen Stimmlippen und Taschenfalten. Antagonistisch zu diesem Zug nach unten erfolgt eine reflektorische Aktivierung und Hebung des weichen Gaumens. Das alles verlängert den Resonator und verbreitert ihn auch bis zu einem gewissen Grad. Infolge dieser Dehnung kann es vorkommen, dass sich Schleimtröpfchen lösen und auf die Stimmlippen fallen, die davor in den Falten der Schleimhaut festsaßen. Der berühmte „Frosch im Hals“ kann also auch ein gutes Zeichen dafür sein, dass der Kehlkopf tief steht.
Nur bei dieser Tiefstellung funktioniert die Selbstregulation der Stimme optimal. Durch die störungsfreie Schwingung entstehen während der Phonation auch keine irritierenden Wahrnehmungen. Diese Erfahrung hat sich in der Lehre manifestiert, man „dürfe den Kehlkopf beim Singen nicht spüren“. Didaktisch ermöglicht natürlich aber ausschließlich die umgekehrte Reihenfolge eine Entwicklung: Erst durch die immer feiner werdende Wahrnehmung der subtilen Bewegungen und der erzeugten Vibrationen wird es möglich, zu erkennen, was im Verborgenen geschieht. Erst dann besteht die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Alternativen zu wählen. Nur das kann zu Veränderungen führen. Am Ende dieser Entwicklung wirklich im Idealfall das Ziel erreicht werden, dass die autonome Klangproduktion im Kehlkopf nicht mehr ins Bewusstsein dringt, weil nichts mehr der Aufmerksamkeit bedarf.
Durch die unaufhörliche vom Vocalis organisierte Neuabmischung des Verhältnisses von Masse- und Dehnungsdominanz und auch wegen der akustischen Eigenschaften des ->Resonators ändert sich laufend die Klangfarbe. Versucht man daher, trotz der Änderung der Tonhöhe eine bestimmte Klangfarbe beizubehalten, kann man das in Richtung Dehnungsfunktion nur durch Erhöhung des Luftdrucks erreichen. Dadurch wird zu viel Muskelmasse zur Schwingung angeregt. Der Kehlkopf wird dabei vom Luftdruck hochgetrieben. Das wird oft auch als „verbrustetes Singen“ bezeichnet. In Richtung Massefunktion führt dieses Vorhaben zu einer Verengung des Vokaltrakts.
Je höher der Kehlkopf steht, desto mehr Störungen entstehen, bis hin zum völligen Ausfallen der Selbstregulation. Denn die Funktion der Stimmlippen als schließendes Schutz- und Sphinktersystem wird immer dominanter, je geringer ihre Dehnung und damit ihre kinetische Energie, ihre Schließbereitschaft wird.
Singen mit „tiefgestelltem“ Kehlkopf wurde schon von Manuel Garcia gelehrt. Aber wegen der fehlenden Erklärung für die Art und Weise der Kehlkopfsenkung kam es zu dem Missverständnis, das würde durch Zungendruck geschehen. Als Folge dieser Fehlannahme geriet die funktional eigentlich richtige Lehre bald wieder in Verruf.
KLANG
Klang ist hörbar gemachte Bewegung. Er existiert bereits mit der ersten tausendstel Sekunde, in der die Stimmlippen schwingen, und ist das Ergebnis eines komplexen physiologischen Ablaufs. Wenn er störungsfrei verläuft, ist der Klang der Singstimme immer schön, und obendrein stets hoch funktional. Das Hauptziel von funktionalem Gesangsunterricht ist daher, das Zusammenspiel der klangerzeugenden Parameter Aufrichtung, Atmung, Vokaltraktgestaltung und Stimmfunktion von Störungen und Einschränkungen zu befreien sowie noch nicht entwickeltem Potential zur Entfaltung zu verhelfen. Das geschieht durch ihre direkte effektive Optimierung und nicht durch Veränderung der klanglichen Ergebnisse, denn das wäre nur Symptombehandlung.
Der Klang wird beim Singen vor allem über das Innenohr wahrgenommen, wobei auch der Knochenklang eine Rolle spielt. Von außen hört man ihn aber ausschließlich über die äußeren Gehörgänge. Eine Anekdote aus dem Sängeralltag verdeutlicht das: Eine Sängerin, deren warmes, dunkles Timbre gerühmt wurde, antwortete darauf: „Sie müssten mich erst einmal von innen hören!“ Aus diesem Grund ist es ungünstig, sich im Unterricht an Klangvorstellungen zu orientieren. Sie sind oft missverständlich und führen daher leicht in die Irre. Die taktile Wahrnehmung der Bewegungsabläufe und Vibrationsempfindungen im Vokaltrakt und die davon abgeleiteten akustischen Klangerfahrungen sind die sicherste Möglichkeit, sich leiten zu lassen. Werden sie optimiert, wird auch der Klang vollständiger und „stimmiger“.
Je feiner die Funktion ist, desto „weicher“ wird der Klang. Durch Sensibilisierung des Gehörs und Differenzierung der Bewegung wird auch der Klang verfeinert.
Klang ist aber auch emotionale Kommunikation. Dieser Parameter kann ebenfalls zu falschen, ungesunden Vorstellungen, Erwartungen und Interpretationen führen und auf diese Weise die funktionale Zielsetzung stören oder sogar aushebeln. Die von Regisseuren immer wieder geforderte Authentizität des textlichen Ausdrucks steht daher oft in diametralem Gegensatz zu gesunder Stimmbehandlung.
KLANGFARBE
Klangfarbe ist etwas sehr Ursprüngliches. Sie entsteht im Vokaltrakt. Sie kann durch Emotionen stark beeinflusst werden. Bestimmt wird sie durch das Verhältnis von Muskelmasse und ->Ligament bei der Klangerzeugung.
Die sie beschreibenden Parameter „dunkel“ und „hell“ werden bestimmt durch die unterschiedlichen Lautstärken der im Klang enthaltenen Teiltöne. Beim sogenannten Primärklang ist die Klangfarbe hell, die Vokalfarbe ist jedoch dunkel, ähnlich wie bei volltönendem Glockenklang. Durch seine jeweilige, veränderliche Form verstärkt der Vokaltrakt bestimmte Frequenzen des Klanges.
Dabei ist eine klare Unterscheidung der Begriffe Klangfarbe und Vokalfarbe von großer Wichtigkeit: Der ->Resonator, also der Vokaltrakt, liefert die Klangfarbe, und der Artikulator, der Rachen- und Mundraum, formt die Vokalfarbe. Im Verhältnis zu den sekundären Schwingungen der Vokalfarben leitet die primäre Schwingung der Klangfarbe („Grundtönigkeit“) stärker die Schwingungsregulation. Das ist von großer Bedeutung für die gewählte Reihenfolge beim funktionalen Unterricht: Zuerst muss die Ursache, also der Grundton erkannt und der dadurch entstehende Klang reguliert werden, damit sich die Wirkungen dieser Schwingung in Form der Obertöne bis hin zu den Sängerformanten überhaupt ausbilden können. Zu Anfang der funktionalen Ausbildung werden die meisten Stimmen deshalb erst dunkler. Im weiteren Verlauf der Differenzierung der Gesangsfunktion entwickeln sie dann nach und nach ihre optimale Strahlkraft und Tragfähigkeit.
Eine weitere Unterscheidung ist notwendig in Bezug auf die Begriffe Klangfarbe und Stimmklang. Das persönliche „Timbre“ wird definiert durch die individuelle Form des „Instruments“, aber auch durch persönliche Gewohnheiten und Schutzschließungen. Die hörbaren Parameter dafür sind „weich“, „hart“, „voll“, „rund“, „eng“, „gepresst“ und weitere assoziative Beschreibungen.
KNÖDEL
Dieser sehr lautmalende Begriff beschreibt tatsächlich das klangliche Ergebnis, wenn der Vokaltrakt durch einen „Fremdkörper“ verstellt ist. Üblicherweise wird zwischen hartem und weichem Knödel unterschieden. Es ist die Zunge, die der Entfaltung des Klanges buchstäblich im Weg steht. Je nach dem Grad ihrer Kontraktion und ihrer Position im Raum entstehen die verschiedenen Varianten: Beim harten Knödel wird durch die schließende Rückwärtsbewegung des Zungengrundes der Rachenraum verengt. Dadurch entsteht ein „harter“, „gequetschter“, „gepresster“ Klang.
Beim weichen Knödel wird die Zunge hochgezogen und damit auch der Kehlkopf. Der Klang wird nasal und verliert seine dunklen Anteile, weil die tiefen Frequenzen nicht vollständig ausgebildet werden. Auch ein guter Stimmlippenschluss ist dann nur unvollständig herstellbar. Daher wirkt der Klang „ohne Kern“ und „weich“.
KOLORATUR
Die Koloratur ist das Markenzeichen des Belcanto. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Gesangsfunktion ungestört abläuft, und die Druckverhältnisse sowie die Balance zwischen agonistischer und antagonistischer Muskulatur stimmen. Dann kann eine Kehlfertigkeit entstehen, die sehr schnelle regelmäßige Tonwechsel bei ungestörter Einatmungstendenz ermöglicht. Das Ganze ist eine Art „Gangart“ der Stimmlippen, die über die Vibratofrequenz von 5-7 Hz koordiniert wird. Wird eine Koloratur so ausgeführt, ist sie keine Tätigkeit mehr, sondern ein Zustand. Das maximale Tempo für Tonhöhenwechsel ist also auf 5-7 Wechsel pro Sekunde festgelegt. Es ist bis zu einem gewissen Grad modifizierbar und so auch an die Erfordernisse der Literatur anpassbar. Bei schnelleren Tempi kommen zwei Töne auf eine Vibratoschwingung.
Es gibt dazu sogar eine Übungsanweisung aus dem italienischen Belcanto: Johann Friedrich Agricola (1720-1774) beschreibt das in seiner Übersetzung der „Opinioni“ von Pier Francesco Tosi, einem der berühmtesten Kastraten seiner Zeit (1723) mit den Worten: „… es müssen je zwo und zwo Noten zusammengeschliffen werden…“. Das ist ein völlig anderes Konzept als das, über Bauchmuskelimpulse die Tonwechsel anzustoßen. Es ermöglicht das Singen von Koloraturen im vollkommenen Legato.
KONSONANTEN
Das Programm für Konsonantenbildung ist ein unbewusstes Sprachprogramm, das im Kleinkindalter gelernt wurde, mit kurzem Resonator und hohem Kehlkopf. Mit dem Spracherwerb ist die Programmierung abgeschlossen.
Alle Konsonanten haben eine Schließtendenz, damit der Geräuschanteil der Laute hergestellt werden kann. Bei der sängerischen Klangerzeugung sollten sie möglichst kurz sein, damit die dominante Öffnungstendenz, das Grundprogramm des Singens, trotzdem erhalten bleibt. Es gilt, den rezessiven Überdruck der Konsonanten durch die Wahrnehmung der Stimmlippenebene in die dominante Unterdruckfunktion der Klangerzeugung zu integrieren. Sängerische Konsonantenartikulation läuft daher sozusagen in Einatmungstendenz ab, den Vokaltrakt öffnend wie eine „Implosion“, statt ihn schließend als „Explosion“. Aspiration bedeutet Ausatmung, also sind sie beim Singen nicht aspiriert. Der Konsonant bewirkt kaum oder gar keinen Luftverlust und nur einen kurzen Stopp des Luftflusses. Der Konsonantendruck ist dabei nicht höher als der Luftdruck bei der Klangbildung danach. Die Konsonantenbehandlung der italienischen Sprache erfüllt optimal diese Voraussetzungen für eine ungestörte Artikulation. Es muss also nicht verwundern, dass die Belcantotechnik da entstanden ist. Vielleicht ist umgekehrt auch ein gutes Gefühl für gesunden Umgang mit der Stimme eine Wurzel dieser klangvollen Sprache. Auch das „h“, der einzige von den Stimmlippen gebildete Konsonant, fehlt dort. Denn er wird durch eine Teilschließung der Stimmritze hergestellt, die das Geräusch der hindurchströmenden Luft hörbar macht. Der Begriff „hauchen“ ist von diesem Vorgang abgeleitet.
Die Artikulationsbewegungen sollen fließend sein, weil jede ruckartige Bewegung vom Gehirn mit Erschrecken und Schließung assoziiert wird. Je weniger Aufwand sie benötigen, desto besser ist es für die ungestörte Schwingung. Sobald die Zunge am Zahndamm landet und damit den Mundraum schließt, wird durch diesen Kontakt die Vibratoschwingung gestoppt. Wird diese Bewegung aber sehr schnell ausgeführt, bleibt auch die Vibratoschwingung dominant wirksam und läuft weiter.
Wie die Vokale werden auch die Konsonanten mit schmaler Zunge und nach unten zeigenden Zungenrändern gebildet. Der Zungenrücken dagegen steht relativ hoch, etwas auf Höhe der Backenzähne. Im Belcanto wird das „ng-Position“ genannt. Das sängerische Ziel ist dabei, dass der (vertikale) Vokaltrakt offen bleibt, und so der Klangstrom ohne Unterbrechung weiterfließen kann.
Die im Deutschen für harte, stimmlose Konsonanten übliche Aspiration ist mit einem Akzent verbunden. Zur Erhöhung der Textdeutlichkeit wird oft auf den Spuckreflex verwiesen. Die auf diesen Reflex folgende Einatmung ist aber ausgelöst durch die Rückstellkraft der Rippen nach dem großen Luftverlust, der durch das nach außen Schleudern eines Fremdkörpers eingetreten ist, ähnlich wie beim Niesen. Sie rührt von einem starken Ausatmungsimpuls der schrägen Bauchmuskeln her. Das ist sehr ungünstig für das Singen. Das entstehende Aspirationsgeräusch kann aber durch Dazwischenschieben eines weichen Zischlautes ersetzt werden, also beispielsweise „z“ statt „t“. Eine derartige Bildung von Endkonsonanten ähnelt dann etwas der „Permanentatmung“ beim Blasinstrument: Die neue Einatmung ist muskulär schon eingeleitet, während noch Luft nach außen fließt. Diese Vorgehensweise erinnert an den Spuckreflex, findet aber im Unterdruckmodus statt.
Diese „neue Sprache“ lernt man am besten in dieser Reihenfolge: Erst muss der Resonator und in Bezug dazu die optimale Konsonantenartikulation erkannt werden. Besonders günstig ist dafür schon die Form des folgenden Vokals. Dadurch wird der Artikulationsraum klarer erspürt, was die Bildung weiterer Konsonanten erleichtert.
Stimmlose Konsonanten werden präzise, sehr weich, mit möglichst wenig Luftverlust und ohne Tonvorstellung artikuliert. Sie haben eine sehr hohe Eigenfrequenz, die vom Ohr wahrgenommen wird. Das kann eine unbewusste Schließtendenz auslösen. Eine interessante Entsprechung bildet dazu der sprachübergreifende Laut „psst!“ oder auch „schsch!“, der benutzt wird, um andere zum Schweigen zu bringen. Eine Erklärung dafür könnte Folgendes sein: Weil aus evolutionären Gründen raschelnde und fauchende Laute mit Gefahr assoziiert werden, können durch solche Zischlaute Schutzreaktionen wie beispielsweise Erstarren getriggert werden.
Die Artikulation von stimmhaften Konsonanten auf der Tonhöhe des zu singenden Tones ist aus funktionaler Sicht nur bis d` sinnvoll. In höherer Tonlage sollten sie auf Sprachebene geplant und gebildet werden. Ausnahmen sind wegen der Möglichkeit, den Kiefer dabei offen zu lassen, nur „s“ (bis a`), und „l“ und „w“ (bis d``). Der darauf folgende Vokal erklingt dann auf der gewünschten Tonhöhe. Das Gehirn berechnet nämlich vorab den für die jeweilige Tonhöhe beim Stimmeinsatz nötigen Luftdruck. Für die Artikulation der meisten Konsonanten ist der Kiefer aber ganz oder beinahe geschlossen, und der Kehlkopf ist nicht gesenkt. Wenn der Konsonant also auf Tonhöhe geplant wird, löst das statt der Öffnungsbewegung einen Schließimpuls aus, der Kehlkopf wird dann von der Artikulationsmuskulatur reflektorisch nach oben gezogen und der Vokaltrakt verkürzt und verengt. Dadurch erhöht sich der Luftdruck, und funktional gesundes Singen wird unmöglich. Ab d`` wirkt sich diese Strategie besonders ungünstig aus, denn von dieser Tonhöhe an ist eine optimale Öffnung des Vokaltrakts unbedingt notwendig, um den Klang ohne Überdruck zu erzeugen. Deshalb vermeiden besonders Sängerinnen instinktiv diesen Effekt, indem sie vor hohen Tönen stimmhafte Konsonanten kurz, mit wenig Luftdruck und außerdem auf ->Schwa, also in tiefer Sprechlage artikulieren, damit kein Luftdruck auf den gesungenen Vokal übergeht. Das ist der funktional durchaus sinnvolle Grund für das sehr beliebte „Anschleifen“ hoher Töne. Alles andere wäre nämlich auf Dauer stimmschädigend. Erfahrene Sängerinnen oder Sänger verstehen es allerdings, das im Idealfall so unauffällig zu gestalten, dass es kaum oder gar nicht wahrnehmbar ist. Das ist möglich etwa durch einen unhörbar schnellen „Oktav- oder Quintsprung“.
LEGATO
Legato ist die Grundfunktion der sängerischen Klangerzeugung. Ein vollkommenes Legato kann nur bei geöffnetem Vokaltrakt entstehen. Der Schlüssel zum Legato ist das ->Vibrato, der störungsfreie Grundtremor der ausbalancierten Atemmuskulatur.
Einen Ton zu „halten“ ist physiologisch unmöglich, denn das wäre Stillstand. Die von den Stimmlippen erzeugte Schwingung entwickelt sich immer weiter, die Phonation wird immer energievoller zum Ende des Tones hin.
LIGAMENT
Das Ligament, das sogenannte Stimmband, ist die Umhüllung des Vocalismuskels. Anatomisch ist es eine Sehne und deshalb elastisch und dehnbar. Die maximale Dehnung des Ligaments ist bei a`` erreicht. Für noch höhere Frequenzen erfolgt die Tonhöhenveränderung nach akustischen Gesetzmäßigkeiten. Um das Ligament und den Vocalismuskel legt sich die Schleimhaut.
Das Ligament wird deutlich spürbar durch ->Staccato. Die Stimmlippen berühren einander dabei sehr kurz, nämlich nur eine Vibratoschwingung lang, also 1/5 bis 1/7 Sekunde. So treffen vor allem die Ligamente aufeinander.
Um für die Phonation optimal genutzt werden zu können, muss das Ligament an die große Dehnung gewöhnt werden. Sonst kommt es zu Schutzreaktionen, denn wie beim Vocalis selbst ist die Primärfunktion des Ligaments der Schutz der Luftwege.
Neugeborene haben noch keine Stimmbänder, sondern sie entwickeln sich im Laufe der Zeit durch Training des Stimmmuskels.
LIPPEN
Sie sind von Geburt an das wichtigste Tor nach außen. Am Beginn des menschlichen Lebens steht die orale Phase, also eine Zeit, in der ein Großteil des Kontakts zur Außenwelt über die Lippen hergestellt wird. Sie zeichnen sich durch einen äußerst feinen Tastsinn und größte Beweglichkeit in feinster Nuancierung aus.
Der äußere und der innere Lippenringmuskel bilden die äußersten Sphinkter zum Schutz der Atemwege. Bleibt der innere Lippenring auch bei großer Mundöffnung leicht kontrahiert, (s. Abb. 1), ist dies das Signal für die Schutzmuskulatur weiter innen, Öffnung zu erlauben. Wenn er kollabiert, werden sofort weitere Sphinkter (Zunge, Gaumensegel, Taschenfalten oder Stimmlippen) reflektorisch aktiviert. Um den Schutz der Lunge weiterhin zu gewährleisten, verengen oder schließen sie dann den Vokaltrakt.
Der Tonus der kontrahierten Lippenringmuskulatur erhöht sich sukzessive im Verlauf der Mundöffnung. Die Dehnungserlaubnis des Muskels leitet dabei die Öffnung. Diese Form der Muskelarbeit nennt man exzentrische Kontraktion.
Damit der weiche Gaumen öffnend nach oben reagieren kann, muss die Kontraktion der Mundwinkel die Lippenrundung koordinieren, wie bei der Saugbewegung. Dann wird der Vokaltrakt auch nach unten verlängert und der Kehlkopf mit abgesenkt.
Diese reflektorische Verlängerung des Rachens erzeugt auch den Sog beim Trinken: Je größer das Volumen der oberen Atemwege wird, desto geringer wird der innere Luftdruck im Vergleich zur Außenluft. Um den Druckausgleich herzustellen, wird die Flüssigkeit nach innen gesaugt. Bei genügend Tonus in der Unterlippe bekommt dadurch auch der untere Teil der Zunge mehr Tonus. Dadurch entsteht wiederum ein noch größerer Rachendurchmesser.
Dieser erhöhte Zungentonus erleichtert dann auch die Artikulation beim Singen. Im Gegensatz dazu muss die Zunge den Kiefer aufdrücken, gegen die Schließbewegung der Kaumuskulatur, wenn die Lippenmuskulatur zu wenig Tonus hat. Das schränkt die Artikulationsmöglichkeiten natürlich stark ein. Schließt wiederum der Lippenring zu sehr, zieht er den weichen Gaumen mit abwärts.
Es bedarf also einer sehr fein abgestimmten Balance, um eine optimale Öffnung des Vokaltrakts zu ermöglichen. Bei der kindlichen, vom Saugreflex gesteuerten Öffnung wird dieser Vorgang noch unbewusst koordiniert, weil das Ziel die Herstellung eines möglichst optimalen Sogs ist. Aber diese Feinabstimmung wird später überlagert von Gewohnheiten, die vom Kauen und Sprechen herrühren.
Neuronale, vom Lippentonus ausgehende Impulse aktivieren auch den schützenden Stimmlippentonus. Denn mit der saugenden Mundöffnung ist der Einatmungsreflex verknüpft, um den Sog zu unterstützen und zu verstärken.
Durch die Lippen werden insgesamt 98 Muskeln und 18 Organe beeinflusst.
Außerdem sind sie direkt verbunden mit dem emotionalen System. Das bedeutet, sowohl in den Agierenden selbst als auch im Gegenüber wird durch Lippenbewegung emotionale Aktivität erzeugt. In treffender Weise wird im Belcanto die emotionale Verbindung zwischen Lippen und Stimmlippen als „baciare il suono“ bezeichnet, „den Klang küssen“.
LUFTWEGE / LUFTDRUCKREGELUNG
Der Eingang der Luftröhre und der Bereich des conus elasticus, eines sich nach oben verjüngenden Fasertrichters, der vom oberen Rand des Ringknorpels aufwärts bis zum Vocalis reicht, ist mit etwas Übung unterhalb der Stimmlippen wahrnehmbar. Die oberen Luftwege werden über die Kühlung durch die hindurch strömende Luft erkennbar. Ideal ist es dabei, dieses Kältegefühl nur an den Stimmlippen zu spüren, da es immer durch Luftwirbel aufgrund eines Widerstandes entsteht. (Jeder kennt das Bild eines Baches, der dort Wirbel bildet, wo das Fließen des Wassers von Gegenständen behindert wird.) Jede weitere Kühlung ist also hervorgerufen durch Verspannung, Verengung und folglich Luftwirbel im Bereich des Vokaltrakts. Am weichen Gaumen entsteht sie durch Abflachung infolge von Zungendruck.
Der Luftfluss während der Klangerzeugung ist direkt nicht wahrnehmbar. Erkennbar ist stattdessen an den höchst sensiblen Schleimhäuten des Vokaltrakts eine leichte Luftbewegung der stehenden Klangwelle. So lässt sich die Form des „Instruments“ während des Singens definieren. Die Luftwege regeln sich automatisch neurologisch vom Ventil, also von den Stimmlippen aus. Die Luftdruckregelung während der Tonerzeugung beim Singen ist immer dominant leitend vor der Vokalbildung, sehr im Gegensatz zur Sprachgewohnheit. Der Luftfluss wird dabei über das Vibrato reguliert. Verliert man die Empfindung dafür, beginnt das System zu schließen, denn erhöhter Luftdruck löst zum Schutz eine Schließtendenz aus. Bewegungsmöglichkeit und Tragfähigkeit werden dadurch eingeschränkt. Das Signal für Überdruck ist ein gestörtes Vibrato: Bei Überdruck wird es zu langsam mit zu großer Amplitude oder zu schnell mit zu kleiner Amplitude.
Zwischen den Parametern Stimmlippenwiderstand, Luftdruck und Vibrato muss im Ein- und Ausatmungssystem eine feine Balance entstehen. Nach ihr richtet sich die Vokalisation. Kann die Einatmungsmuskulatur nicht genügend Weite herstellen und aufrechterhalten, kollabiert das System. (Taucher kennen den Begriff „Hovern“: Das bedeutet die Regulierung der Luftmenge in den Lungen genau in dem Maße, dass es möglich wird, im Wasser zu schweben, ohne abzusinken oder aufzusteigen. Ähnlich läuft die Luftdruckregelung auch beim Singen ab.)
Die verschiedenen Vokale, Tonhöhen oder auch dynamischen Abstufungen fordern unterschiedliche Luftdruckverhältnisse an. In die Höhe verringert sich der Luftdruck unter den Stimmlippen sukzessive immer weiter, damit die äußerst differenzierten Schwingungsabläufe ungestört stattfinden können. Dasselbe gilt für massearme Vokale wie zum Beispiel „u“ und leiser werdende Dynamik.
Je weniger Luftverbrauch entsteht durch die Aktivität der Einatmungsmuskulatur während der Ausatmung, desto besser kann sich das ganze System regulieren. Die Zielsetzung lautet daher: Wie wenig Luftdruck ist ausreichend? Wie sanft ist Singen möglich? Es gilt, alle Luftdruckspitzen herauszunehmen. Daher ist Legato Singen die funktional sinnvollste Art und Weise der Klangerzeugung.
Dabei ist es interessant, dass der subglottale Luftdruck bei Profis durchaus höher sein kann als bei Laien. Die Balance zwischen Stimmlippenwiderstand und Luftdruck erzeugt dennoch eine Unterdruckfunktion.
Zu viel Überdruck bewirkt, dass die Stimmlippen Masse ankoppeln, und obendrein Stimmlippenschließung zusätzlich von äußeren Muskeln verstärkt wird. Das erzeugt ein Engegefühl im Hals. Wird er zum Dauerzustand, kann die Problematik entstehen, dass der vollständige Stimmlippenschluss „verlernt“ wird. Mit der Zeit erschlafft die Muskulatur, so dass die Stimme nur noch bei erhöhtem Luftdruck schließt.
LUNGE
Der Eingang der Luftröhre und der Bereich des conus elasticus, eines sich nach oben verjüngenden Fasertrichters, der vom oberen Rand des Ringknorpels aufwärts bis zum Vocalis reicht, ist mit etwas Übung unterhalb der Stimmlippen wahrnehmbar. Die oberen Luftwege werden über die Kühlung durch die hindurch strömende Luft erkennbar. Ideal ist es dabei, dieses Kältegefühl nur an den Stimmlippen zu spüren, da es immer durch Luftwirbel aufgrund eines Widerstandes entsteht. (Jeder kennt das Bild eines Baches, der dort Wirbel bildet, wo das Fließen des Wassers von Gegenständen behindert wird.) Jede weitere Kühlung ist also hervorgerufen durch Verspannung, Verengung und folglich Luftwirbel im Bereich des Vokaltrakts. Am weichen Gaumen entsteht sie durch Abflachung infolge von Zungendruck.
Der Luftfluss während der Klangerzeugung ist direkt nicht wahrnehmbar. Erkennbar ist stattdessen an den höchst sensiblen Schleimhäuten des Vokaltrakts eine leichte Luftbewegung der stehenden Klangwelle. So lässt sich die Form des „Instruments“ während des Singens definieren. Die Luftwege regeln sich automatisch neurologisch vom Ventil, also von den Stimmlippen aus. Die Luftdruckregelung während der Tonerzeugung beim Singen ist immer dominant leitend vor der Vokalbildung, sehr im Gegensatz zur Sprachgewohnheit. Der Luftfluss wird dabei über das Vibrato reguliert. Verliert man die Empfindung dafür, beginnt das System zu schließen, denn erhöhter Luftdruck löst zum Schutz eine Schließtendenz aus. Bewegungsmöglichkeit und Tragfähigkeit werden dadurch eingeschränkt. Das Signal für Überdruck ist ein gestörtes Vibrato: Bei Überdruck wird es zu langsam mit zu großer Amplitude oder zu schnell mit zu kleiner Amplitude.
Zwischen den Parametern Stimmlippenwiderstand, Luftdruck und Vibrato muss im Ein- und Ausatmungssystem eine feine Balance entstehen. Nach ihr richtet sich die Vokalisation. Kann die Einatmungsmuskulatur nicht genügend Weite herstellen und aufrechterhalten, kollabiert das System. (Taucher kennen den Begriff „Hovern“: Das bedeutet die Regulierung der Luftmenge in den Lungen genau in dem Maße, dass es möglich wird, im Wasser zu schweben, ohne abzusinken oder aufzusteigen. Ähnlich läuft die Luftdruckregelung auch beim Singen ab.)
Die verschiedenen Vokale, Tonhöhen oder auch dynamischen Abstufungen fordern unterschiedliche Luftdruckverhältnisse an. In die Höhe verringert sich der Luftdruck unter den Stimmlippen sukzessive immer weiter, damit die äußerst differenzierten Schwingungsabläufe ungestört stattfinden können. Dasselbe gilt für massearme Vokale wie zum Beispiel „u“ und leiser werdende Dynamik.
Je weniger Luftverbrauch entsteht durch die Aktivität der Einatmungsmuskulatur während der Ausatmung, desto besser kann sich das ganze System regulieren. Die Zielsetzung lautet daher: Wie wenig Luftdruck ist ausreichend? Wie sanft ist Singen möglich? Es gilt, alle Luftdruckspitzen herauszunehmen. Daher ist legato Singen die funktional sinnvollste Art und Weise der Klangerzeugung.
Dabei ist es interessant, dass der subglottale Luftdruck bei Profis durchaus höher sein kann als bei Laien. Die Balance zwischen Stimmlippenwiderstand und Luftdruck erzeugt dennoch eine Unterdruckfunktion.
Zu viel Überdruck bewirkt, dass die Stimmlippen Masse ankoppeln, und obendrein Stimmlippenschließung zusätzlich von äußeren Muskeln verstärkt wird. Das erzeugt ein Engegefühl im Hals. Wird er zum Dauerzustand, kann die Problematik entstehen, dass der vollständige Stimmlippenschluss „verlernt“ wird. Mit der Zeit erschlafft die Muskulatur, so dass die Stimme nur noch bei erhöhtem Luftdruck schließt.
LUNGE
Die Voraussetzung für lauteres Singen ist höherer Luftdruck in den Lungenbläschen. Er wird erzeugt durch eine vergrößerte Einatmungsbewegung. Dabei entsteht die Erhöhung des Innendrucks durch den Sog, im Gegensatz zum Aufpumpen eines Hohlraumes durch Druck. Wegen des optimal geöffneten Vokaltrakts fühlt sich funktionale Einatmung trotzdem so an, als würde die Lunge passiv von außen befüllt, ohne dass die Luft gegen Widerstände in den Luftwegen aktiv eingezogen wird. Durch sängerisches Training der Einatmungsmuskulatur kann das Lungenvolumen auf bis zu ca. 85% erweitert werden. In anderen Hochleistungssportarten wird nur bis zu 75% Einatmungskapazität erreicht. Ohne Training ist das Lungenvolumen bis zu ca. 50% nutzbar. Der Gesangsreflex wird aber erst ab etwa 50% Lungenvolumen ausgelöst. Darum ist ein gewisses Maß an Training der Einatmungsmuskulatur die unbedingte Voraussetzung für funktional gesundes Singen.
Dieser Zusammenhang liefert eine mögliche Erklärung für die überdurchschnittlich hohe Anzahl korpulenter Menschen unter Profisängerinnen und -sängern: Durch das ständige „Gewichtheben“ bei der Atmung ist deren Einatmungsmuskulatur gut trainiert. So ist sie von vornherein besser imstande, die Balance zwischen Unter- und Überdruck zu halten, die für das Singen so notwendig ist.
MANGIARE LA VOCE
„Die Stimme essen“? Es handelt sich bei dieser Beschreibung einer sängerischen Wahrnehmung nicht um eine aktive Kau- und Schluckmuskulatur beim Singen, wie man vermuten könnte. Im Gegenteil, es geht um die Aktivierung von Öffnungs- und Rundungsbewegung von hinten, von der Schlundmuskulatur aus, so, als ob sie sich bereit machen würde für etwas Großes, das von außen kommt. Denn in diesem Fall kontrahiert der Lippenring im Verlauf der Öffnung und Rundung während des Singens. (Im Unterschied dazu wird er für die sängerische Einatmung gedehnt, um eine optimale Sogwirkung zu ermöglichen.) Durch die Kontraktion wird der Rachen- und Mundraum für die Klangverstärkung günstig gestaltet. Das in der Meditation verwendete „om“ entspricht genau dieser Bewegung. Der Begriff lässt sich vielleicht besser übersetzen mit „die Stimme einnehmen“, oder auch „die Stimme trinken“. Das Bild des singenden Fritz Wunderlich (Abb. 3) weckt diese Assoziation deutlich.
Der Ausdruck ist ähnlich zu deuten wie das berühmte ->„Inalare la voce“, das sich auf das Gefühl von Einatmung und Saugreflex während der beim Singen erfolgenden Ausatmung bezieht.
MARKIEREN
Dieser Begriff bezeichnet einen Modus des Gesangsreflexes, die dem Belcantobegriff ->„sotto voce“ („unter der Stimme“) entspricht. Auch der Ausdruck „cantare piccolo”, „klein, gering singen“ gehört in diese Kategorie.
MASSEFUNKTION
Als Masse wird in der funktionalen Fachsprache die Muskelmasse des Stimmmuskels bezeichnet, also der aktiv kontrahierende und schwingende Teil des „Instruments“. Die Muskelkontraktion entspricht der Lautstärkeveränderung: Mehr Masse erzeugt einen tieferen bzw. lauteren Klang, und weniger Masse einen höheren bzw. leiseren. Massedominanz fühlt sich etwas grober an, Dehnungsdominanz feinmotorischer.
Die Schwingungsbewegung der Stimmlippen verläuft vertikal von oben nach unten. Darum bedeutet Masseankopplung vertikale Tonisierung: Eine dritte Muskelschicht koppelt bei Crescendo und Erniedrigung der Tonhöhe vertikal von hinten nach vorne unten an die Stimmlippen an. Bei Decrescendo und Erhöhung der Tonhöhe nimmt sie in der umgekehrten Reihenfolge ab. Dabei bleibt der innere Tonus der beiden oberen Schichten erhalten. Bei aufsteigender Tonhöhe werden die Stimmlippen gedehnt. Dabei wird Muskelmasse abgekoppelt
Für Masseankopplung braucht es eine Empfindung für Spannung, für Tonus in den Stimmlippen, denn die Masse braucht etwas, woran sie ankoppeln kann. Ihr Tonus muss zunehmen, damit mehr Masse dazukommen kann. Die leitende Empfindung dabei ist das Verhältnis Dehnung zu Masse, nicht erhöhter subglottaler Luftdruck.
Die Atmungsanteile im Rücken sind wesentlich für die Entwicklung von Masse, weil die Kehlkopfsenkung durch die Kontraktionsrichtung des Zwerchfells nach hinten unten unterstützt wird. Ohne diesen „Anker“ kann der Vocalis nicht kontrahieren.
Auch beim Vokalwechsel „u-o-a“ kontrahiert der Vocalis, allerdings ohne die Länge zu verändern. Das nennt man dann „isometrische Kontraktion“. Der Vokal „u“ ist der masseärmste, der Vokal „a“ der massereichste. Die anderen Vokale liegen zwischen diesen beiden Extremen. Bei der Bildung von Konsonanten besteht das Risiko, dass das System durch den Luftdruck bei ihrer Erzeugung zu viel Masse ankoppelt und dadurch in die Überdruckfunktion wechselt. Die Unterdruckfunktion muss also dominant genug arbeiten, um entstehende Überdruckspitzen abfedern zu können.
MEDIAKOMPRESSION
Der Begriff Mediakompression beschreibt den Grad der Schließkraft, des inneren Tonus der Stimmlippen während der Tonerzeugung. Ist er vollständig, kraftvoll und elastisch im Moment des Stimmlippenschlusses, oder fließt „wilde Luft“ hindurch? Ist ein „hauchiger“ Klang wahrzunehmen, oder klingt die Stimme „klar“?
Es gibt mehrere Gründe, warum die Mediakompression unvollständig sein kann. Bei sehr jungen Stimmen hat der Vocalismuskel oft seine vollständige Schließkraft noch nicht erreicht. Das ist besonders bei Mädchen zu beobachten. Ihr Grundtonus ist in der gesamten Körpermuskulatur niedriger als bei Jungen. Außerdem verändern sich während der Entwicklung die Schleimhäute. Jede Frau kennt das Phänomen, dass ihre Stimme auf Hormonveränderungen reagiert.
Eine weitere Ursache ist, dass durch einen zu geringen Anteil von schwingender Muskelmasse keine vollständige Schließung entstehen kann. Die Stimmlippen sind dann „zu dünn“. Damit der Vocalis sein ganzes Potential an Muskelmasse nutzen kann, bedarf es jedoch einer trainierten Einatmungsmuskulatur. Denn erst durch die vollständige Senkung des Kehlkopfs wird auch eine vollständige Masseankopplung ermöglicht.
Das Gefühl von gutem Stimmlippenschluss ist leicht zu verwechseln mit dem Gefühl von Masse: Während diese sich eher „grob“ anfühlt, ist „präzise“ die Idee von Mediakompression, denn sie ist drucklos. Wer wenig Mediakompression hat, singt darum oft mit mehr Luftdruck, um den Stimmlippenschluss zu verstärken. Dadurch wird aber der Masseanteil erhöht, nicht der innere Tonus.
Mediakompression wird verstärkt durch die exzentrische Kontraktion der Zwischenrippenmuskulatur. Der Vocalismuskel braucht für die Phonation gerade diese besonders differenzierte Schließung. Eine Entsprechung dazu findet sich beim Vorgang des Räkelns: Auch da schließen irgendwann die Stimmlippen, um das nach innen Fließen der Luft zu verhindern, und so eine noch intensivere exzentrische Kontraktion der Einatmungsmuskulatur zu ermöglichen.
Wird die Grundspannung in der Zwischenrippenmuskulatur angehoben, erhöht sich auch die Mediakompression. Darin liegt möglicherweise ein Grund für das nach der Beendigung von Fortetönen gelegentlich gehörte „Nachächzen“: Durch den hohen Tonus in der antagonistisch arbeitenden Muskulatur wird bei einem plötzlichen Abbrechen der Schwingung ein ächzendes Geräusch hörbar aufgrund einer Irritation im Druckausgleich. Auch intensives Räkeln wird ja meist mit einem Seufzer der Entspannung abgeschlossen.
Bei idealer Mediakompression berühren sich aufgrund des Spannungszustandes im Stimmmuskel während der Schwingung nur die Schleimhäute, nicht die ->Ligamente. In der Schleimhaut befindet sich das neurologische System, das den Vokaltrakt regelt und stabilisiert. So wird eine noch feinere Wahrnehmung und Differenzierung des Schwingungsgeschehens möglich.
Das Phänomen, dass die Stimmlippen nicht schließen, tritt ausschließlich bei Stimmerkrankungen auf. Schleimhautschwellungen aufgrund von Krankheiten oder Überbelastung, aber auch Lähmungen von Fasern der Vocalismskulatur sind häufige Ursachen dafür. Rührt die Hauchigkeit von mangelndem Tonus her, ist das Problem durch funktionales Gesangstraining gut in den Griff zu bekommen.
MESSA DI VOCE
Wörtlich übersetzt heißt das „Setzen der Stimme“: Für das, was damit gemeint ist, passen andere Synonyme dieses italienischen Begriffs eigentlich besser, wie zum Beispiel „Aufbauen der Stimme“ oder „Verstärken der Stimme“. Er beschreibt ein An- und Abschwellen der Lautstärke ohne Änderung der Tonhöhe. Bei einiger Übung ist es möglich, zu fühlen, wie die Masse dabei mehr bzw. weniger wird, und wie der Raum im Vokaltrakt darauf reagiert. Für ein Anwachsen der Lautstärke kontrahiert der Vocalis isometrisch. Er spannt sich also an, bleibt in der Länge aber gleich. Der äußere Kehlkopfmuskel hält dagegen. Infolge des Crescendos gibt der Vokaltrakt auf einen neurologischen Impuls hin nach und erweitert sich. Der subglottale Luftdruck steigt leicht an, weil wegen der sich vergrößernden Muskelmasse mehr Luft durch die Stimmlippen fließt. Auf die sich verändernden Bedingungen reagiert die Ausatmungsmuskulatur nur, statt sie durch Druckerhöhung zu erzwingen.
Das ist ein höchst komplexer Vorgang und erfordert eine optimal trainierte Atmungs- und Stimmmuskulatur. Umgekehrt wird sie durch „messa di voce“ optimal trainiert, vergleichbar dem Hanteltraining für Bizeps und Trizeps. Das ist der Grund, warum diese Fertigkeit in der Belcantopraxis seit jeher als Hohe Schule des Gesangs gilt.
MEZZA VOCE
Ursprünglich, in der italienischen Belcantolehre, bedeutet dieser Begriff, dass beide Anteile des Stimmklangs, sowohl der dunkle als auch der helle, in jeder Dynamik erhalten bleiben. Er lässt sich also frei übersetzen als „halb-halb-Stimme“. Heute wird der Ausdruck anders verstanden: Bei der „mezza voce“, dem Singen mit „halber Stimme“, das naturgemäß leiser ist als das Singen mit voller Stimme, wird nur ein Teil der Massekapazität der Stimme benutzt. Dazu ist eine noch differenziertere Abstimmung zwischen Unter- und Überdruck an den schwingenden Stimmlippen nötig, reguliert durch die noch feiner koordinierte Balance zwischen Ein- und Ausatmungsmuskulatur. Vergleichbar ist diese Muskelkoordination mit der von sehr langsamem Absenken eines sehr schweren Gegenstandes, bei der die hebende Muskulatur immer die Kontrolle über die Bewegung behält.
Diese Stimmfunktion ist nur im Tonraum zwischen a und a` möglich. Sie wird von manchen Gesangsschulen als „Mittelstimme“ oder „Mittelregister“ bezeichnet. Nur da besteht eine Wahlmöglichkeit zwischen Masse- und Dehnungsdominanz. Das Stimmfach Tenor ist aus diesem Grund prädestiniert für dieses besonders kunstvolle Ausdrucksmittel.
MIMIKMUSKULATUR
Sie besteht aus 22 Muskeln. Im Gegensatz zu den allermeisten Muskeln bewegen sie keine Gelenke, sondern sind vor allem für emotionale Kommunikation und Schutz zuständig. Die tiefe Schicht der Mimikmuskulatur reagiert autonom und kann nicht bewusst angesteuert werden. Von ihrer Bereitschaft, sich dehnen zu lassen, ist die Formbarkeit des Vokaltrakts abhängig, denn Mimikmuskulatur ist im Wesentlichen schließende Muskulatur. Ein entspanntes Gesicht zeigt keine Mimik. Stirnrunzeln, die Kontraktion der Stirnmuskulatur, bewirkt im Gegenzug Zungendruck. Dadurch wieder senkt sich der weiche Gaumen ab. Zornesfalten bewirken eine Schließung der oberen Atemwege. Das alles hat evolutionäre Gründe. Die Emotionen sind ursächlich damit verbunden, denn sie sind es ja, die diese mimischen Varianten auslösen. Die schließende Kaumuskulatur, Schluckmuskulatur, Stirn- und Augenringmuskulatur muss also erlauben, gedehnt zu werden, sonst behindert sie die Öffnung des Vokaltrakts. Beim Singen schaut man nicht skeptisch und „verkniffen“, sondern „offen“ und „groß“, wie beim Staunen. Jeder Versuch einer Öffnung mithilfe der Mimikmuskulatur bewirkt das Gegenteil: Er zieht das System zu.
Haltungsgewohnheiten in der Mimik aufgrund von speziellen Sprechvarianten, die für die Aussprache der jeweiligen Muttersprache und Mundart nötig sind, können das Timbre und langfristig sogar bestimmte emotionale Dispositionen beeinflussen.
Die Wirkung des Gesichtsausdrucks auf Stimmgebung und Ausdruck ist schon sehr lange bekannt. Schon Christoph Bernhard schreibt um 1650 in seiner berühmten Schrift „Von der Singe-Kunst oder Manier“ über die erwünschte bzw. unerwünschte Mimik eines Sängers: „Er soll die Zähne nicht zusammenschließen, noch den Mund zu weit aufthun, noch die Lippen aufwerfen, noch den Mund krümmen, noch die Wangen und Nasen verstellen wie die Meerkatzen, noch die Augenbrauen zusammen schrumpfen, noch die Stirn runtzeln, noch den Kopf oder die Augen darinnen herumdrehen, noch mit denselben blintzeln, noch mit den Lefzen zittern etc.“
Mit jeder physiologischen Bewegung steht ein emotionaler Ausdruck in Verbindung. Ziel für das funktionale Singen ist eine gelöste, angstfreie Mimik, ein offener Blick wie beim Säugling. Erst, wenn die öffnende Saugmuskulatur für die Aufnahme von fester Nahrung zeitweise durch die Tätigkeit schließender Muskulatur ersetzt wird, lernt der Mensch Lächeln. Eugen Rabine empfahl diesbezüglich, gerne vor und nach dem Singen freundlich zu lächeln, aber nicht währenddessen.
Bei Stress schließt die Mimikmuskulatur in der Schutzfunktion. Dann wird die tiefe Schwingung weggedämpft, und der Klang detoniert nach oben. Es ist also elementar wichtig, sich besonders beim Singen hoher Frequenzen sicher zu fühlen, damit die vollständige Öffnung der Klangräume auch unterbewusst erlaubt werden kann.
Durch Berührung kann man die Mimikmuskeln neuronal beruhigen, indem man den Gesichtsnerven Reize zufügt, etwa am sogenannten Modioluspunkt, einer Kreuzung der beiden Gesichtsnerven Trigeminus und Facialis. Dann wird es möglich, dass die Mimikmuskeln der Rundung der ->Constrictoren von unten nach oben folgen und den Vokaltrakt dehnend mitformen. Klangliches Ergebnis ist eine „runde“ Stimme im Unterschied zu einer „flachen“, „spitzen“ oder „engen“ Stimme.
MISCHUNG
Funktional spricht man von einer koordinierten Stimme statt von einer gemischten Stimme, da das Monochord Stimme nur eine Funktion mit zwei Komponenten besitzt, nämlich Masse und Dehnung. Sie sind aber immer gleichzeitig vorhanden in unterschiedlichem Verhältnis zueinander.
MUNDÖFFNUNG / KIEFERÖFFNUNG
Die Öffnung des Kiefers, (s. Abb. 1,2 und 3), ist ein höchst differenzierter, zum Schutz der Lunge mit fünf Sphinkteren ausgestatteter Vorgang. Ich will versuchen, die dabei ablaufenden, sehr komplexen Bewegungen möglichst übersichtlich zu beschreiben.
Mundöffnung ist ein unbewusstes Grundprogramm im Gehirn. Jede Phase hat dabei eine neurologische Bedeutung. 89 Muskeln und 18 Organe werden davon aktiviert. Die Bewegungen werden von neurologischen, neurophysiologischen, akustischen und muskulären Ketten sowie deren Hierarchien untereinander organisiert. Die jeweilige Art der Mundöffnung beeinflusst die gesamte Mundraummuskulatur, den Vokaltrakt und auch das Atmungs- und Körperhaltungssystem.
Bei der sängerischen Mundöffnung sind es konkret aber nur zwei schwache Muskeln unten im Mundboden, die die Öffnung des Kiefers bewirken. Bevor sie aktiv werden, wird der Unterkiefer „schlittenartig“ durch die Kontraktion zweier kleiner Muskeln rechts und links vor den Ohren sowie der Lippenringmuskulatur nach vorne gezogen. Diese Bewegung ähnelt der beim Saugen durch ein enges Rohr. Dadurch bewegt er sich erst waagerecht nach vorne und dann sogar leicht nach oben wegen der Form des Kiefergelenks. Auch das entspricht der Saugbewegung. Sobald es die Form des Gelenks erlaubt, nähert er sich wie ein Scharnier in sichelförmigem Bogen dem Kinn. Ein kleiner Widerstand markiert die Öffnungsweite der Sprachgewohnheit. Darüber hinaus wird für die sängerische Mundöffnung der Unterkiefer ausschließlich von der Mundbodenmuskulatur zurückgezogen. Die Öffnungsbewegung muss also vorne beginnen. Würde man sie hinten beginnen, müsste man durch Zungendruck den großen Kaumuskel dehnen. Für eine noch größere Mundöffnung müsste ebenfalls die Zunge den Kiefer aufdrücken. Die unerwünschte Folge davon wäre jedoch die Verengung der Luftwege durch den nach hinten geschobenen Zungenrücken.
Im Unterschied zu diesem Bewegungsprogramm wird die sogenannte „Schnute“ von Muskelschlingen gebildet, die zur schließenden Muskulatur gehören (vgl. die Abwehrlaute der Primaten!): Dazu schiebt der Lippenringmuskel die Lippen vor. Das ist ein anderes Programm als das der Rundung beim Saugen.
Die Qualität der vorderen Mundöffnung bestimmt die Qualität der Öffnung der Luftwege.
Sie bestimmt, welche Einatmungsmuskeln aktiv werden und damit die Qualität des erzeugten Tones. Je weniger Widerstände bleiben, desto störungsfreier kann die Atemluft durch den Vokaltrakt „einfallen“. Die Muskulatur braucht dann viel weniger Energie für die Einatmung, und gleichzeitig ist der Vokaltrakt optimal vorbereitet für die Phonation. Darum wird beim Gesangsreflex die Kieferöffnungsbewegung vom Stimmventil geleitet. Die Zunge folgt nur, ähnlich wie beim Saugen. Bei optimaler Öffnung ist beim Einatmen kein Widerstand in den Luftwegen mehr spürbar, so dass das Gehirn erst lernen muss, diese Erweiterungsbewegung als Atmung zu erkennen.
Die Dehnung des Lippenrings ist über den Saugreflex mit der Einatmung verschaltet und aktiviert so die Einatmungsmuskulatur. Beginnt man die Einatmung auf „u“, mit kontrahierter innere Lippenringmuskulatur bei gleichzeitiger Mundwinkelaktivität, entsteht irgendwann ein neurologischer Impuls im Rücken (fünfte bis siebte Rippe) und unter den Armen, den Mund zu öffnen. Durch die Zwerchfellkontraktion wird gleichzeitig der Bauch breiter, sofern die Bauchmuskulatur nicht angespannt ist.
Dieses Programm entspricht der Einatmung zur Erzeugung eines Sogs. Dafür ist es notwendig, dass die Öffnung über Unter- und Oberkiefer gleichmäßig verteilt ist. Das Drehgelenk für die Bewegung des Oberkiefers (und des Schädels) ist daher der Atlas Axis im Nacken. Eine so organisierte Kieferöffnung bewirkt bereits zwei Drittel der Kehlkopfsenkung, was die Sogwirkung noch verstärkt. Auch beim Trinken wird auf diese Weise der dafür nötige Unterdruck erzeugt. Sobald die Zunge den Unterkiefer aufdrückt, um den Mund noch weiter zu öffnen, wird der hintere Zungenrücken breit und verengt dann schützend den Rachenraum. Denn durch die weite Mundöffnung verliert der Lippenring, also der äußerste Schutzring, an Spannung, sodass die Einatmungstendenz zusammenbricht. Außerdem kollabiert dabei die Dehnung der Mund- und Rachenschleimhäute, die für die Klangverstärkung von großer Bedeutung ist. Eine zu weite Kieferöffnung zieht auch eine Überbetonung der Oberlippe sowie die Schließung des weichen Gaumens und eine Kontraktion der ->Constrictoren nach sich. (So entstehen die schnarchenden Geräusche beim Gähnen oder Schlafen.)
Bei der Mundöffnung für die sängerische Artikulation liegt bei den Vokalen „a“ und „o“ der Schwerpunkt auf der vertikalen „Scharnierfunktion“, bei „u“, „e“ und „i“ auf der horizontalen „Schlittenfunktion“. Bei der letzteren verläuft auch die Dehnung der Stimmlippen horizontaler. Das begünstigt die Dehnungsfunktion der Stimmlippen. Bei einer Mundöffnung von etwa zwei bis drei Zentimetern hat auch die Zunge mehr Bewegungsfreiheit. Das erleichtert die sängerische Artikulation.
Die Vokalfolge „u-o-a“ entspricht ebenfalls der Öffnung für die Saugbewegung: Die Mundwinkelaktivität vergrößert sich dabei sukzessive infolge von exzentrischer Kontraktion. Dabei runden die Constrictoren, und der weiche Gaumen sowie alle Sphinktere werden nacheinander durch ein biologisches Programm gedehnt. Gegen Ende dieses Bewegungsablaufs geben die Schläfenmuskeln nach, um die Öffnung in Richtung des sängerischen „a“ zu ermöglichen. Bei alledem ist die Lippenrundung die dominante Wahrnehmung. Diese Vokalfolge nimmt deshalb in den funktionalen Übungsabläufen eine zentrale Stellung ein.
Der jeweilige Grad und die Form der Mundöffnung weisen für die Tonerzeugung in verschiedenen Tonlagen Unterschiede auf. Es ist nicht uneingeschränkt möglich, verbindliche Angaben darüber zu machen, die für alle Stimmfächer gleichermaßen gelten. Vergleichbar ist optimale Mundöffnung daher nur für die entsprechenden Tonlagen, unabhängig davon, welches Stimmfach die oder der Singende hat. Für den stimmfachübergreifenden Unterricht ist es wichtig, diesen Sachverhalt zu beachten.
Zusammenfassend kann man sagen: Die sängerische Mundöffnung ist eine erweiterte Komplexfunktion der Grundfunktion Einatmung. Die Luftwege formen den Resonator, das Ventil öffnet sich, so dass der Vibrator, der Vocalis, ein intaktes „Instrument“ zur Verfügung hat.
MUNDRAUM
Die Resonanz des Mundraumes ist symptomatisch für unwillkürliche Laute, übrigens auch die von Tieren, und die Sprachgewohnheit. Der originale Vokaltraktklang wird dabei gebrochen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, wie lautmalerisch die deutschen Bezeichnungen für reflektorische Lautäußerungen sind: Wir sagen zum Beispiel „Niesen“, „Husten“, „Rülpsen“, „Würgen“ und „Gähnen“. Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Diese Ausdrücke sind in Bezug auf die verwendeten Vokale und Konsonanten alle angelehnt, mit iemlicher Sicherheit sogar abgeleitet von der entsprechenden Form des Mundraumes bei ihrer Entstehung.
NASE
„Ich atme beim Singen, als ob ich an einer Rose rieche.“ Dieses Zitat wird Enrico Caruso zugeschrieben. Die Nase verfügt über drei verschiedene Nasengänge. Der oberste führt über das Riechorgan. Für die Ruheatmung wird der unterste benutzt, denn er ist der direkte Weg zur Luftröhre. Dabei werden keine Reflexe aktiviert. Wir benutzen diesen Atemweg vor allem für den Schlafmodus. Beim Riechen wird der oberste Atemweg verwendet: Der Beginn des Riechens ist die Öffnung dieses oberen Bereichs. Er findet noch ohne Zwerchfellaktivität statt, also, ohne dass Luft in den Körper gesaugt wird. Riechen ist auch die Vorstufe für eine Aufnahme von Flüssigkeit oder auch Nahrung, denn es bahnt die Rundung zur Vorbereitung des Saug- oder Schluckvorgangs an und sorgt für die nötige differenzierte Bewegungsfähigkeit der Zunge. Beim Riechvorgang hebt sich der Zungenrücken an, und der Raum zwischen Rachenwand und Zunge erweitert sich minimal. Das ist auch die einzige Möglichkeit, den weichen Gaumen „willentlich“ zu heben: Die Aufwärtsbewegung wird von der Vorstellung des Riechens unbewusst ausgelöst. Es ist verknüpft mit dem Schmecken, also der Aktivierung der Zungenspitze und dem „Spitzen“ der Lippen.
Die sängerische Einatmung erfolgt daher anfangs durch die Nase und daraufhin durch Mund und Nase zugleich. Ab etwa zwei Zentimetern Mundöffnung schließt das Gaumensegel reflektorisch den Nasenraum. Um das zu verhindern und weiterhin durch Mund und Nase einzuatmen, bedarf es einer Spannung der Zunge im Bereich des Zungenbeins. Die Nase wird bei offenem Mund nämlich von anderen Muskeln offen gehalten als bei geschlossenem Mund. Deren Aktivität verengt jedoch den Rachenraum. Deshalb ist sie zur Vorbereitung der sängerischen Klangproduktion nicht geeignet. Infolge der Schließung durch das Gaumensegel bei entsprechender Öffnungsweite erfolgt ab da reine Mundatmung mit gedehntem oberem Atemweg.
Reine Nasenatmung, besonders forcierte, bewirkt einen Verschluss im gesamten Atemsystem zum Schutz der Lunge. Der Kehlkopf sinkt nicht. Ein anderes Programm der Einatmung mit anderen Präferenzen ist aktiv. Der Raum ist nicht gestaltet, und daher bleibt die tiefe Frequenz schwach. Das Resultat im entstehenden Klang ist die näselnde Frequenz, der dritte Formant, bei etwa 2500 Hz. „Nasalität“ ist das deshalb Gegenteil von „Kopfigkeit“, die sich durch sehr hohe Frequenzen auszeichnet. Der nasale Klang entsteht durch Zungendruck. Als Reaktion darauf senkt sich der weiche Gaumen. „Näseln“ ist eher ein Phänomen von höheren, leichteren Stimmen. Tiefere, schwerere haben mehr Masse, sodass die sogenannte Näselfrequenz nicht ganz so zum Tragen kommt. Durch die Vokaltraktform beim Näseln wird die Ankopplung von Masse aber verhindert. Es ist übrigens sogar möglich, dass näselnde Frequenzen von Instrumenten, zum Beispiel der Viola, ansteckend wirken!
BELCANTOBEGRIFFE UND FACHAUSDRÜCKE FUNKTIONAL ERKLÄRT O - S
ÖFFNUNG
Singen wird durch Öffnung ausgelöst wie bei der Einatmung, statt durch Schließung wie bei der Ausatmung. Öffnung entsteht durch Verlängerung und Erweiterung des Vokaltrakts. „Offenes“ Singen bedeutet daher Singen mit gesenktem Kehlkopf und offenem Vokaltrakt: Der Zungenrücken ist schmal und befindet sich vorne oben, wie beim Saugen. Dadurch ist der Rachendurchmesser vergrößert, was die sängerische Vokalisation erst ermöglicht. Auffallend in diesem Zusammenhang ist auch die Auswahl der Vokale in den Begriffen, die diese Bewegungen in unserer Sprache beschreiben: Wir sagen „offen“ und „öffnen“, jedoch „zu“ und „schließen“. Im ersten Fall werden öffnende Vokale verwendet, im zweiten schließende.
„Gähn-Öffnung“ wird im Unterschied dazu durch Zungendruck auf Unterkiefer und Kehldeckel erzeugt. Dadurch wird aber der Rachen vom hinteren Teil der Zunge verengt. Eine Erhöhung der Lautstärke oder das Singen in tiefer Lage durch Masseankopplung ist dann nur noch sehr eingeschränkt möglich.
Bei optimaler funktionaler „a“-Öffnung dagegen, bei der in den Mundwinkeln eine Restkontraktion bleibt, gibt es keine Schließreaktion mehr. Jeder Widerstand fällt dann weg und damit auch die Orientierung nach der Empfindung davon. Das heißt, funktionale Einatmung ist im Idealfall nicht mehr als solche wahrnehmbar.
Bei zu schneller Atemgeschwindigkeit im Verhältnis zur Öffnung, wie etwa beim Gähnen, reagiert das System zum Schutz mit reflektorischer Schließung. Darum entsteht dabei immer ein keuchendes oder röchelndes Geräusch.
Eine sehr große Öffnung der oberen Luftwege löst reflektorisch die Emotionen von Schutzlosigkeit und Angst aus. Ist der Schutz der Lunge aber gewährleistet durch die hohe Bewegungsbereitschaft der gedehnten Stimmlippen, wird das vom Gehirn als noch effektiver registriert, denn sie schützt das System noch viel differenzierter. Es ist leicht vorstellbar, dass die extrem schnellen Öffnungs- und Schließbewegungen der aktiven Stimmlippen, von denen die Atemluft in kleinste Abschnitte unterteilt, geradezu „gehäckselt“ wird, viel zuverlässiger ein Eindringen von Fremdkörpern in die Atemwege verhindern, als die statische Schließung nur durch die Kontraktion.
OHR
Die Fähigkeit des Hörens entsteht beim Fötus früher als die des Sehens und bleibt lebenslang neuronal dominant. Früher als das Hören entwickelt sich im Mutterleib nur die kinetische Wahrnehmung: Erst wird Schall taktil empfunden, dann lernt man ihn hören. Hören ist zudem wesentlich älter als Singen.
Funktionales Hören ist eine Spezialform des Hörens. Singt man selbst, nimmt man über das Innenohr auch den Knochenklang wahr. Das linke Ohr hört dabei mehr den unteren Vokalformanten, die „tiefe Schwingung“, das rechte mehr den oberen Vokalformanten, die „hohe Schwingung“. Der Klang wird immer genau zwischen den beiden Ohren wahrgenommen, unabhängig von dem Verhältnis von Massefunktion zu Dehnungsfunktion. Der Grund für die unterschiedliche Hörwahrnehmung ist die unterschiedliche Reizleitung vom Gehirn: So, wie ein Auge mehr Grüntöne und das andere mehr Rottöne sieht, hört das linke Ohr mehr mittlere und tiefe Frequenzen und das rechte mehr mittlere und hohe Frequenzen. Das erklärt die bei Sängerinnen und Sängern verbreitete Schiefstellung der Mundöffnung nach links bzw. rechts, je nach gewünschtem Hörerlebnis. Auch für manche Intonationsprobleme ist es eine Erklärung: Wer zu hoch singt, bei dem ist eventuell der linke Gehörgang verstellt. Bei wem der rechte nicht offen ist, der neigt eher zum zu tief Singen. Für die funktionale Phonation muss das interne Gehör so trainiert werden, dass es dominant vor der äußeren Hörwahrnehmung reagiert. Hörsensibilität hat entscheidenden Einfluss auf die Tonproduktion. Bei tiefer Kehlkopfstellung ist die Zungenschleimhaut als vordere Membran stark gedehnt. Dann wird der innere Klang sehr gut reflektiert und über das Innenohr hörbar. Es ist problematisch, Lautstärke über das äußere Ohr zu regeln. Die Information für die Umsetzung durch die Stimmlippen kommt dann zu spät.
Infolge der Hebung des weichen Gaumens öffnen sich die Eustachischen Röhren bei der sängerischen Mundöffnung durch die Dehnung der Kiefermuskulatur, ähnlich wie beim Gähnen. Das ist nur bei guter Kehlkopfsenkung und Unterdruckfunktion der Fall. Nur so kann der Schall im Vokaltrakt ungedämpft zu den Trommelfellen dringen. Bei Überdruckfunktion bleiben die Eustachischen Röhren geschlossen.
Oft sind wir auf den zweiten Vokalformanten fokussiert, weil wir uns an der Sprache orientieren. Ohne die Wahrnehmung des ersten Formanten ist differenziertes Hören aber unmöglich. Im Gegensatz zur Sprachgewohnheit ist es beim Singen elementar wichtig, die tiefe Frequenz im Vokalklang zu akzeptieren. Denn wenn kein Grundton erkannt wird, weiß das Nervensystem nicht, wie es sich einstellen soll. Orientiert man sich also am zweiten Vokalformanten, wird dadurch die Stimmlippenregelung gestört. Dann wird das System zum Überdrucksystem.
Männer haben übrigens eine andere Hörwahrnehmung als Frauen, weil sich beide vom Grundton und den Teiltönen her an ihrer eigenen Sprechlage orientieren. Die Hörerfahrungen zu vergleichen, kann also leicht zu Missverständnissen führen. Beim Singen verlässt man sich daher am besten auf die kinästhetische Wahrnehmung.
Das Ohr ist wegen unserer angeborenen Präferenz für das Hören von Babylauten besonders empfindlich für hohe Klänge. Das Impedanzminimum des Mittelohrs liegt bei 3000, 5000 und 8000 Hz, also in den Frequenzbereichen der Sängerformanten. Die besondere Schalltrichterform der menschlichen Ohrmuschel verstärkt genau diese Frequenzen. Schnelle Schwingungen lösen außerdem deutliche kinästhetische Reaktionen im Trommelfell aus. Die Folge davon ist hohe Tragfähigkeit.
Für das Singen von sehr hohen Tönen ist es wichtig zu wissen, dass sich das Ohr bei großer Lautstärke durch eine das Mittelohr verengende Reflexbewegung schützt. Das bedeutet: Ist der Schall hoher Töne wirklich intensiv, hört sich die Sängerin oder der Sänger von innen leiser. Hört sie oder er sich selbst laut, ist die Klangverstärkung im Vokaltrakt nicht optimal. Der erzeugte Ton ist dann nicht tragfähig.
Das Hören von sehr hohen Frequenzen kann sogar eine Heilung und Energetisierung des Gehirns bewirken. Die Redensarten „einen Vogel haben“ oder „Grillen im Kopf haben“ könnten also auf einen Zusammenhang zwischen psychischen Problemen und die Möglichkeit ihrer Heilung durch hohe Frequenzen hinweisen.
PASSAGGIO
Als „Passaggio" bezeichnet man die Register- bzw. Segmentwechsel, die etwa alle neun Halbtöne aus akustischen und muskulären Gründen auftreten, also bei ca. es`/e`/f`, a`/b´/h`, es``/e``/f``, a``/b``/h`` und d```/es```.
PFEIFREGISTER
Das ist eine Funktion der Stimmlippen, die ab g``` einsetzt, aber auch schon in etwas tieferer Lage, etwa ab Tonhöhe d``` angewendet werden kann. Dabei existiert keine Stimmlippenschwingung und somit auch keine Regelfunktion der Stimmlippen mehr, sondern die Tonhöhenregelung erfolgt über eine Modifizierung des Vokaltrakts.
PORTAMENTO
Damit ist ein ->Glissando gemeint, bei dem keine Vibratodämpfung stattfindet. Die Folge davon ist ein Gleiten der Tonhöhe mit hörbarer Vibratoschwingung. Dadurch wird das Glissando in ingefähr drei Teiltonschritte pro Ganzton unterteilt. Echtes „Portamento“ ist also nur in einer ganz bestimmten Geschwindigkeit möglich, weil die Frequenz von gesundem Vibrato zwischen 5 und 7 Hz liegt.
Im Belcanto heißt diese Funktionsweise der Stimme auch „il ponticello“, „die kleine Brücke“. Die unaufhörliche Verbindung der einzelnen Tonfrequenzen durch eine fortlaufende, ungestörte Stimmlippenschwingung wird dort mit folgenden Worten beschrieben: „Wer il ponticello nicht zu schlagen versteht, der weiß nicht zu singen.“ (Franziska Martienssen-Lohmann, S. 296)
RANDSCHWINGUNG / RANDSTIMME
Dieser Begriff meint die Schwingung des ->Ligaments, von dem der Vocalismuskel umschlossen ist. Diese Schwingung tritt aber nie vom schwingenden Stimmmuskel isoliert auf, außer in pathologischer Form durch zu viel Überdruck.
RAUM
Raum ist stets proportional zur Rundung. Das größtmögliche Volumen hat die Kugel, die größtmögliche Fläche die Kreisform. Raum im Vokaltrakt kann man nur erlauben, aber nicht aktiv herstellen. Beim Singen rundet man „um den Raum herum“ durch die Einatmungspräferenz, statt den Raum selbst zu formen und damit zu verengen.
Durch die Öffnung des Mundraumes erhält die Zunge mehr Bewegungsspielraum. Das erleichtert die Artikulation. Mit Hilfe der Zunge kann jedoch auch ein falsches Raumgefühl suggeriert werden, indem damit der Unterkiefer hinunter gedrückt wird. Dadurch wird zwar der Mundraum größer, aber der für die Klangentwicklung ungleich wichtigere Rachenraum wird gleichzeitig vom Zungenrücken verlegt.
REGISTER
Das menschliche „Instrument“ ist ein Einregisterinstrument mit zwei Komponenten, nämlich Masse und Dehnung. Das ist ein physiologisches, an der Stimme orientiertes System. Beteiligt daran sind die Stimmlippen und der Ring- Schildknorpelmuskel. In Richtung massedominantes Register, für tiefere Töne, erfolgt die Tonhöhenregelung durch Kontraktion und Tonisierung des Vocalis, in Richtung dehnungsdominantes Register, in die Höhe, durch seine Dehnung durch den äußeren Kehlkopfmuskel. Ab etwa fis`` ist der Vocalis vollständig gedehnt. Es ist keine Muskelkontraktion mehr vorhanden, also leistet er dem Kehlkopfkipper keinen Widerstand mehr.
Der Ort der Schwingung beim dehnungsdominanten Register fühlt sich aus zwei Gründen höher an: Bei ihrer Erzeugung sind die Stimmlippen dünner und haben keinen „Bauch“ nach unten. Außerdem werden die hohen Frequenzen aufgrund der akustischen Verhältnisse im Vokaltrakt am weichen Gaumen verstärkt. Bei den massearmen Vokalen „u“ und „i“ entsteht eine entsprechende Wahrnehmung. Tiefe Frequenzen und massereiche Vokale werden eher im Brustbereich verstärkt. Der Stimmmuskel verdickt sich dabei nach unten. Darum empfindet man diese Klänge als tiefer.
In der Übergangsoktave zwischen a und a`, dem sogenannten „Mittelregister“, besteht stimmfachübergreifend die Möglichkeit, sich zu entscheiden, entweder im masse- oder im dehnungsdominanten Register zu singen. Das ist ungefähr damit vergleichbar, auf einem Streichinstrument einen Ton auf einer dickeren oder auf einer dünneren, aber stärker gespannten Saite zu spielen. Die Klangergebnisse unterscheiden sich in der helleren bzw. dunkleren Klangfarbe. Nur in diesem Tonraum ist daher echtes ->„mezza voce“ möglich, eine Masseabgabe um die Hälfte.
Andere Registerbezeichnungen wie Strohbass bzw. Schnarrregister oder ->Vocal Fry, ->Falsett und ->Pfeifregister beschreiben keine echten Register, sondern spezielle Teilfunktionen der Stimmgebung, die bei der funktional gesunden Klangerzeugung nicht benutzt werden.
REGISTERDIVERGENZ
Das bezeichnet eine „Registertrennung“ durch Störungen im Schwingungsablauf: Der Schließreflex der Stimmlippen verhindert in diesem Fall eine Gleichzeitigkeit der Schwingung von Stimmmuskel und ->Ligament.
RESONATOR / RESONANZ
Im Moment des Einsatzes wird aus dem Atemweg ein Resonator. Er besteht aus zwei Teilen, einem unterhalb und einem oberhalb der Zunge.
Auch der Innenbereich des Kehlkopfs ist ein Resonator, ebenso der Raum um den Kehlkopf herum. Damit der erste Vokalformant entstehen kann, muss der fünf bis sieben Mal größer sein als der Kehlkopf, und der Kehlkopf muss gesenkt sein. Beim Sprechen ist er aber eher geschlossen.
Für die Differenzierung der Vokalfarben muss der Resonator beweglich sein: Bei der Phonation wird ein Teil des im Kehlkopf entstehenden Klangspektrums in den Resonator geschickt. Darin werden entsprechend der Vokaltraktgestaltung für den jeweils gewünschten Vokal bestimmte Frequenzbereiche verstärkt. Die Möglichkeit einer besonders feinen Differenzierung zwischen der Stimmlippenschwingung und dem Resonator besteht dabei im dehnungsdominanten Register.
Ein kleiner Teil der Schallwellen wird auch nach unten in die Luftröhre reflektiert. Das ist möglich, weil trotz der Ausatmung beim Singen die Geschwindigkeit der Schallwellen größer ist als die der ausströmenden Luft.
Der Vokaltrakt ist auch ein Reflektor. Er reflektiert die Schallwellen zurück auf die Stimmlippen. Sie sind von der Evolution dafür geschaffen, bei der geringsten Störung reflektorisch zu schließen, zumindest aber ihre Schließbereitschaft zu verstärken. Durch diese Reflexion entsteht eine spürbar einrastende Rückkopplung und somit Verstärkung der harmonischen Schwingung. Wie bei jeder Rückkopplung bedeutet das eine sich sukzessive potenzierende Erhöhung der Grundlautstärke. Hier liegt ein Grund für die immense Tragfähigkeit der menschlichen Stimme.
Die Primärresonanz entsteht in dem Hohlraum direkt über den Stimmlippen, dem sogenannten ->Vestibül. Das ist die „tiefe Schwingung“. In dem Bereich, in dem der zweite, obere Vokalformant in Resonanz zum Vokaltrakt geht, bildet sich die „hohe Schwingung“, eine Sekundärresonanz unter dem gehobenen weichen Gaumen.
Die Resonanz direkt über dem Kehlkopf wird von den Stimmlippen als Luftvibration wahrgenommen. Diese Empfindung verstärkt ihre Bewegungsbereitschaft, denn sie sind ja primär ein Schutzventil für die oberen Atemwege. Ein geöffneter Resonator, durch den diese Verstärkung erst möglich wird, ist also von größter Bedeutung für das Volumen des erzeugten Klanges.
Bei den Vokalen „e“, „i“, „ä“, „ö“ und „ü“ entsteht durch Brechung der stehenden Welle eine dritte Teilresonanz: Infolge einer schrägen Zungenhebung teilt sich die obere Schwingung auf in die „hohe Schwingung“ und einen Schwingungsknoten am harten Gaumen, den ->„Vordersitz“.
RHYTHMUS
Der lebendige Körper ist in vielerlei Hinsicht ein „Rhythmusinstrument“: Das zeigt sich im Zeitablauf der Jahre, in dem Wachstums- und Heilungsprozesse ablaufen, im Zyklus der Jahreszeiten und Monate ( weibliche Menstruation), in Phänomenen, die den Tagesrhythmus wie die Schlaf- und Wachphasen oder die Stoffwechselvorgänge betreffen, vor allem aber im Bereich der rhythmisch organisierten Körperabläufe wie Atmung und Herzschlag, bis hin zu Muskelkontraktionen und Nervenaktionen. Auch die Bewegungen verlaufen idealerweise rhythmisch, wie zum Beispiel Gehen und Laufen. Selbst die Pupillen weiten und verengen sich genau im Rhythmus der wahrgenommenen Laute. Ein Zitat von Eugen Rabine belegt, dass er Rhythmus als grundlegende Basis für alles betrachtete, und natürlich auch für die Funktion des Singens: „Das Wahrhaftige ist die Urkraft und Urbewegung, das heißt Rhythmus.“ (Renate Rabine, „Die theoretischen Werke von Eugen Rabine“, S.7)
Rhythmusgefühl ist uns angeboren: Schon Neugeborene können den Rhythmus von Musik wahrnehmen. Bald strampeln sie auch im Takt dazu. Der Drang, sich zu Musik zu bewegen, besteht fort bis ins hohe Alter. Die Fähigkeit, sich zum Rhythmus von Sprache synchron zu bewegen, sagt sogar den Spracherwerb von Kindern vorher. Neurobiologisch ist das naheliegend, denn das auditorische System hat sich aus dem Gleichgewichtssystem entwickelt. Viele Nervenfasern des Gleichgewichtssystems reagieren unmittelbar auf auditive Reize. Sie feuern und können zu reflexhaften Bewegungen der Arme und Beine führen. Denn die Neuronen, die unmittelbar auf rhythmische Stimuli reagieren, sind mit Nervenfasern verknüpft, die bis in die Beine und Arme reichen. Auch die inneren Organe sind damit verbunden, etwa Herz und Stimmlippen, die im embryonalen Stadium aus derselben Keimzelle hervorgegangen sind. In Hirnscans wird offensichtlich, dass rhythmische Stimulation durch Musik die motorischen Areale auch dann bewegt, wenn man im Magnetresonanztomographen liegt. Nur in unserer Kultur gibt es das merkwürdige Phänomen, dass Menschen im Sitzen bewegungslos Musik und Tanz konsumieren. Andere Kulturen, vor allem in Afrika, haben nicht einmal verschiedene Wörter für Tanz, Sprache und Musik.
Auch Sprache folgt einem bestimmten Rhythmus: Im Deutschen wird das Satzende mit einer Pause markiert, und zusammengehörige Silben werden anders betont als voneinander getrennte. Das Gehirn synchronisiert sich mit Sprache und Musik. Im Gespräch imitieren wir den Takt der Worte des Gegenübers und behalten unterbewusst beim abwechselnden Sprechen den gehörten Rhythmus bei. Dadurch signalisieren wir auf rhythmischer Ebene Harmonie. Einen gemeinsamen Rhythmus zu finden, erzeugt in uns Menschen positive Emotionen. Das hat unter anderem auch evolutionäre Gründe.
Eine rhythmische Vorbereitung auf den Vorgang des Singens, anders gesagt, ein „Timing“ des Einatmungsvorgangs, stellt für die Auslösung des sängerischen Reflexes eine wertvolle Unterstützung dar. Es mündet ja in den regelmäßigen rhythmischen An- und Abspannbewegungen des Vocalismuskels.
Das Vibrato, auch ein regelmäßiger Schwingungsablauf, organisiert dann rhythmisch die gesamte Phonation einschließlich der Tonhöhen- und Lautstärkeveränderungen.
Für das sängerische System ist es naheliegend, die Phasen geringer Muskelspannung zu nutzen für Modifikationen in Stimmlippenschwingung, An- bzw. Abkopplung von Masse oder Anpassung bei Segmentwechseln. Dem selben Prinzip folgen sehr viele Veränderungen in rhythmischen Abläufen, beispielsweise die Gangschaltung bei Fahrzeugen: Für die Veränderungen wird ein spannungsarmer Moment gewählt.
Eugen Rabine sagte einmal dazu: „Für einen Profisänger gibt es keinen Takt mehr“. Das bedeutet etwa: Der vom Schwingungsverhalten der Stimmlippen vorgegebene Rhythmus des Singens rangiert vor von außen vorgegebenen Zeitabläufen.
RIPPEN
Der menschliche Körper ist ausgestattet mit zwölf Rippenpaaren: Zehn echte Rippen gewährleisten den Schutz der Lunge, und zwei Fehlrippen schützen die Nieren.
Atmen bedeutet muskuläre Erweiterung, Entfächerung des knöchernen Thorax in alle Richtungen durch die Einatmungsaktivität des Zwerchfells und der sekundären Einatmungsmuskulatur.
Bei der sängerischen Einatmung setzt sich diese Erweiterungsbewegung aufwärts bis zu den fünften Rippen fort. Während der Phonation bleiben die fünften bis siebten Rippen stabil erweitert, und die achten bis zehnten werden kontrolliert in Richtung Ruheposition losgelassen. Sie müssen also flexibel auf den Ausatmungsvorgang reagieren dürfen.
Bei der Einatmung wird die Bewegung von der Wahrnehmung der Rippenöffnung geleitet. Bauchdecke und schräge Bauchmuskulatur werden gleichzeitig von dieser Erweiterungsbewegung gedehnt. Die Entfächerung des unteren Brustkorbs ist dabei der entscheidende Faktor. Die Empfindung der Bewegung des fünften Rippenbogens bewirkt eine Aktivierung des entsprechenden Wirbels, und der dadurch entstehende neurologische Reiz löst den Gesangsreflex aus. Etwas Ähnliches findet auch beim Niesreflex statt. Der Belcantobegriff dafür ist „con espansione“.
Das fünfte und sechste Rippenpaar stabilisiert die Kehlkopfposition. Die Erweiterung der oberen Rippen aktiviert die Dehnungsfunktion, fördert den Stimmbandschluss und damit die „hohe Schwingung“. Durch die Erweiterung der unteren Rippen wird die Massefunktion intensiviert. Die seitliche Entfächerung ist Voraussetzung für die „sagittale Erweiterung“ vom Rückgrat bis zum Brustbein, den ->„colpo di petto“.
Drückt man den Bauch nach außen, wird die Bauchmuskulatur überdehnt. Das zieht die Rippen wieder zusammen, und das System wechselt zur Überdruckfunktion.
Die Hebung der vier oberen Rippenpaare während der Einatmung („Hochatmung“) verkürzt und verengt den Vokaltrakt und zieht den gesenkten Kehlkopf wieder nach oben. Dann kann der Gesangsreflex nicht ausgelöst werden.
RUNDUNG
Runden ist das Gegenteil von Schlucken. Schlucken ist mit der Ausatmung verknüpft und schließt den Raum, Runden aber mit der Einatmung. Es öffnet und stabilisiert den Rachenraum. Rundung ist deshalb gleichzusetzen mit Klangverstärkung, speziell Grundtonverstärkung, die ohne Rundung gar nicht möglich ist. Ein rundes Gefäß hat das größtmögliche Volumen und gleichzeitig den geringsten Widerstand, weil es den Fließbewegungen der darin enthaltenen Substanz keinerlei Hindernisse bietet. Jeder Versuch von Rundungsaktivität über das größtmögliche Volumen hinaus führt aber unweigerlich zu Verkleinerung und damit Schließung. Der suggestive Satz von Eugen Rabine dazu lautet: „Runder als rund ist zu.“
Weil die Vokalbildung beim Singen vorrangig im Rachenraum stattfindet, gibt es für jeden Vokal eine optimale Rundungsweite. Kontrahieren die ->Constrictoren, also die Würgemuskeln, nochweiter, um die Rundung zu verstärken, wird das Volumen wieder geringer, weil das den Raum verengt. Verwechslungsgefahr besteht auch mit der Anwendung von Zungendruck, um einen gerundeten Raum zu gestalten. Es ist viel Erfahrung nötig, um diese Wahrnehmungen zu unterscheiden.
Die hintere Rundung zwischen Kehlkopf und weichem Gaumen soll beim Singen störungsfrei erhalten bleiben, während die Zunge sich für die Artikulationsbewegung hebt, senkt, verbreitert und verschmälert. Rundung braucht eine flexible Zunge, und eine flexible Zunge braucht Rundung. Die vordere Rundung des Lippenringmuskels verstärkt sich und schwächt sich dabei ab, kollabiert aber nie.
Ausgelöst wird die Rundung durch einen Öffnungsreflex wie beim Saugen. (Caruso hat wohl deshalb mit einem Flaschenkorken zwischen den Lippen geübt.) Dadurch wird der obere Constrictor gedehnt und rundet. Der Kehlkopf senkt sich durch die Rundung tiefer, auch ohne unterstützenden ->Trachealzug. Die Schluckmuskulatur gibt Kontraktion ab und lässt sich nach unten dehnen, um den Raum vorzubereiten. Rundung und Länge zusammen ergeben darum die Empfindung von Schlankheit. Diese Schmalheit rundet den weichen Gaumen. Daher kommt die Kuppel beim „u“.
Die Tonisierung der sich rundenden Rachenwand beginnt dabei direkt über den Stimmlippen und setzt sich nach oben fort: Der obere Constrictor entwickelt einen Tonus, der hinter dem weichen Gaumen senkrecht nach oben weitergeht. Der lange Gaumenbogenmuskel kann nur dann nachgeben, wenn die Rachenwand horizontal gerundet ist. Man kann sich diese Kontraktionsbewegung etwa so vorstellen wie das Zusammenrollen eines Bogens Papier. Durch das Rollen wird das Material und damit die Form selbst stabilisiert.
Die Mimikmuskulatur wird beim Singen horizontal entlang des Wangenmuskels vom Ohrläppchen zum Mundwinkel gedehnt, auch wie beim Saugen, statt schräg nach unten von der Ohrspitze aus mit Hilfe der Zunge, wie bei der Sprachgewohnheit.
Ein Resultat der inneren Rundung ist die Lippenrundung: Eine Schubreaktion nach vorne, unter anderem ausgelöst durch die Kontraktion der inneren Wangenmuskeln, erleichtert die Mundwinkelaktivität. Greift die Oberlippe bei der Rundung ein, wird der Vokaltrakt jedoch verengt.
Durch die sängerische Rundung entsteht eine besonders differenzierte Dehnung der Constrictoren: Je mehr die Dehnungsfunktion dominiert, desto größer wird der Durchmesser. Der dazugehörige Reflex ist der öffnende Würgereflex.
Die Rundung ist über Außen- und Innenwahrnehmung fühlbar. Anfangs erkennt man sie von außen, mit der Zeit kann man lernen, sie von innen zu erspüren. Wesentlich dabei ist vor allem die Fähigkeit, zwischen dunklem Raumklang durch Rundung und Abdunkeln durch Abdämpfen der hohen Frequenzen infolge einer ungünstigen Zungenposition zu unterscheiden. Bei optimaler Rundung bis zum Lippenringmuskel ist der Innenklang der eigenen Stimme einschließlich der Obertöne gut zu hören.
Auch beim Bau der Resonanzrohre und Schallbecher von Blasinstrumenten wird die exzellente Klangverstärkung genutzt, die durch vollkommene Rundung entsteht.
SAUGREFLEX
Der Saugreflex ist ein angeborenes Programm zur Erzeugung von Unterdruck im Rachenraum. Er wird durch die Kontraktion und Rundung des Lippenrings ausgelöst. Bis ungefähr zum siebten Lebensmonat ist Atmen und Saugen gleichzeitig möglich, danach trennen sich die Funktionen.
Das Streichen quer über die Wangen kann den Saugreflex beim Säugling aktivieren, und auch beim erwachsenen Menschen. Gleichzeitig wird stets ein Einatmungsreflex ausgelöst. Berührt man die Mundwinkel, wird reflektorisch eine Rundungsbewegung der ->Constrictoren ausgelöst. Diese Bewegung entspricht einer Art Greifen mit den Lippen. Der Kehlkopf fungiert zur Erzeugung des Luftsogs als Pumpe. Maßgeblich für die Stärke des Sogs ist der Grad der Aktivität in den Mundwinkeln: Je weiter vorne ihre Position ist, desto effektiver ist die Saugwirkung. Bis zum Alter von etwa sechs Monaten existiert sogar ein sogenannter „Zungenstoß- oder Zungenstreckreflex“: Alles, was in den Mund gelangt, wird automatisch wieder hinausgeschoben. Dieser Reflex schützt bei Kontakt mit fester Nahrung kleine Babys vor dem Ersticken. Die Zungenbewegung findet sich als „ng- Position“ in der Gesangsfunktion wieder: Der hintere Mundraum ist für die Erzeugung eines Sogs geöffnet, der vordere gleichzeitig geschützt durch die vorgewölbte Zunge und den kontrahierten Lippenring.
Werden Säuglinge aber nicht oder zu kurz gestillt, entwickelt sich die für das Saugen nötige Muskulatur gelegentlich nur unvollständig. Eine optimale Rundungsaktivität des Lippenrings ist dann auch im späteren Alter nur eingeschränkt möglich, weil die Muskulatur nicht von selbst nachreift. Für eine körpergerechte Gesangsfunktion ist eine stabile Rundung aber von größter Bedeutung. Die Rabineschule hält auch für diese Problematik bestimmte Therapieansätze bereit.
Der Gesangsreflex basiert auf dem Saugreflex. Auf die spezifische Mundöffnung und die dadurch ermöglichte, fast widerstandsfreie sängerische Einatmung folgt eine reflektorische Stimmbandschließung, die die Phonation einleitet.
SCHREIEN
Schreien ist eine Überdruckfunktion. Unterdruckfunktion und Überdruckfunktion können nicht gleichzeitig ablaufen, sie schließen einander aus. Daher sind Schreien, Rufen und lautes Sprechen Komplementärfunktionen zum Singen.
Der Vokaltrakt ist dabei durch die Schluckmuskulatur verengt. Durch die intensive Kontraktion der schrägen Bauchmuskulatur wird von unten Luft an die aktiven Stimmlippen gepresst, die gegen den Luftdruck reflektorisch schließen. So erhöht sich der Druck noch mehr. Beim Schreien nähern sich Taschenfalten und Ringknorpel so weit an, dass kein Raum über den Stimmlippen mehr bleibt. Der Klang ist laut, aber „gepresst“ und „schrill“. Die Beanspruchung des Vocalismuskels ist hoch.
SCHWA
Das ist der Fachbegriff für eine Lautäußerung ohne Tonhöhe, eigene Dauer und definierten Vokal. Ursprünglich ist das die Bezeichnung für das Vokalisationszeichen „`“, genannt „Sch`wa“, zwischen zwei Konsonanten in der hebräischen Sprache. Der nicht definierte Laut dazwischen, irgendetwas zwischen „ä“ und „ö“, wird „Schwa“ oder auch „mittlerer Zentralvokal“ genannt. Er entsteht in vielen Sprachen als An- oder Ablaut vor oder nach Konsonanten, manchmal auch als Verbindungslaut. Auch als Zwischenlaut zur Überbrückung wird er häufig angewendet („Ähh…“).
Auch das Schwa braucht Rundung, sonst rutscht das System hoch und verengt sich. Bleibt aber der Raum oberhalb der Stimmlippen während der Phonation geöffnet, entsteht das „Raumschwa“. Es ist mit der Grundtonverstärkung im Bereich des ersten Vokalformanten identisch, denn es ist ein Teil des ersten Vokalformanten. Außerdem verstärkt es die Eigenfrequenz des unteren Vokaltrakts. Am ehesten klingt es wie ein offenes „ö“. Auffallend in diesem Zusammenhang ist die Vorliebe in der deutschen Sprache für die Verwendung dieses Vokals zur Beschreibung von sehr lauten und undifferenzierten Lautäußerungen: Stöhnen, Röhren, Grölen, Föhnen, Dröhnen, Tröten, Nölen!
Jede Konsonant-Vokalverbindung hat zwei Formanten, das Raumschwa des Konsonanten und den Formantbereich des Vokals. Vokal und Schwa trennen sich oberhalb von etwa e`, also der Eigenfrequenz der Luftröhre. Wird daher über e` der Konsonant auf Tonhöhe gebildet, schließt der Raum. Das ist ein Grund, warum man beim lauten und hohen Sprechen leicht heiser wird.
SCHWINGUNG / SCHWINGUNGSWAHRNEHMUNG
Beim Singen entstehen verschiedene spürbare Schwingungen im Vokaltrakt: Die primäre, grundtönige Schwingung entwickelt sich im Kehlkopf und direkt darüber, eine sekundäre Schwingung unter dem weichen Gaumen. Sie ist beim Vokal „u“ am höchsten, bei „o“ und „a“ jeweils niedriger. Bei „ä“, „e“, „i“, „ö“ und „ü“ entsteht durch Hebung der Zungenmitte eine dritte Schwingungswahrnehmung am harten Gaumen, bei „ä“ am weitesten hinten, bei „i“ am weitesten vorne fühlbar.
Diese Sekundärschwingung ist nicht klangverstärkend, sondern nur ein Indikator für die primären Schwingungen. Bei diesen fünf Vokalen wird die Wahrnehmung der Schwingung am weichen Gaumen schwächer, verschwindet aber nicht.
Bei „a“, „o“ und „u“ fehlt die dritte Schwingungswahrnehmung, weil die Zunge bei diesen Vokalen nicht durch die schräge Hebung eine Brechung der stehenden Welle hervorruft.
Bei einer Verstärkung der unteren Schwingung wird auch die obere Schwingung intensiver, denn sie ist ja die Auswirkung davon. Je geringer der Luftdruck ist, desto deutlicher kann man die hohe Schwingung unter dem Gaumenbogen fühlen. Auch bei Erhöhung der Tonfrequenz wird die obere Schwingungsempfindung immer höher und intensiver. Die untere Schwingung leitet aber immer die Klangerzeugung, auch wenn sie nicht dominant in der Empfindung ist.
In der Schleimhaut sitzen Rezeptoren für Schwingungswahrnehmung. Sowohl die obere als auch die untere Schwingung ist bei jedem gesungenen Vokal fühlbar. Mithilfe der fokussierten Wahrnehmung organisiert sich die Schwingung selbst.
Bei der Vokalfolge „u-ü-i“ entsteht das Gefühl einer Schwingungswanderung nach vorne, vom weichen zum harten Gaumen. Dabei bleibt die hohe Schwingung am weichen Gaumen fühlbar, wenn auch abgeschwächt. Auch bei Kopfneigung ist eine Positionsänderung der hohen Schwingung nach rechts oder links am weichen Gaumen wahrnehmbar. Beim Singen einer Tonfolge schrittweise abwärts entsteht die Empfindung einer absteigenden Schwingung an der Rachenwand: Von oben nach unten wird die Grundtonschwingung immer deutlicher spürbar. Aus akustischen Gründen entsteht dieses Phänomen beim Aufwärts-Singen nicht.
Das alles sind Empfindungen von Primärschwingung. Sie haben direkt etwas mit der Klangerzeugung zu tun, und zeichnen sich durch feine Bewegungsabläufe aus, im Gegensatz zu Sekundärschwingungen, die sich im Vergleich damit viel grober, unpräziser und aufwändiger anfühlen. Durch die Deformation des Instruments kann man nämlich Schwingungsempfindungen an verschiedenen Stellen erzeugen, je nach Brechung der stehenden Welle. Das ist das Konzept der Sitztechnik.
SEGMENT
„Segmente“ sind ein akustisches Phänomen: Durch Interferenz entsteht in der Nähe der Frequenz, von der die Eigenfrequenz der Luftröhre angeregt wird, eine Irritation in der Primärschwingung der Stimmlippen, und sie reagieren mit Schließtendenz.
Weil dieser Frequenzbereich des ->Übergangs auch Teiltöne entwickelt, wiederholt sich diese Irritation in abgeschwächter Form bei allen ganzzahligen Vielfachen der Grundfrequenz, wie bei jeder Obertonreihe.
Das bedeutet im Einzelnen: Der primäre Übergang bei etwa es`/e`/f` löst weitere Übergangsphänomene aus bei etwa a`/b´/h`, es``/e``/f``, a``/b``/h`` und d```/es```.
Ab der dritten Oktave werden die Abstände etwas enger, weil die Tonhöhenregelung sich ab etwa fis`` ändert. Sogar in die Tiefe hat der Übergang Auswirkungen: Auch bei etwa a/b/h entsteht eine Schwingungsirritation der Stimmlippen. Sie kann die Masseankopplung stören, denn auch sie löst einen Schließimpuls aus.
Diese Segmentanpassungen, die immer in Bezug zur Änderung des Verhältnisses von Massedominanz und Dehnungsdominanz stehen, werden von manchen Schulen als kleine Registerübergänge beschrieben. Die Tendenz, die unangenehme Empfindung der Irritation durch Festhalten des Systems zu umgehen, wie es beim Übergang um es`` häufig geschieht, findet man auch bei den Segmentwechseln, weil sie sich wie kleine Brüche anfühlen. Es ist aber sehr wichtig, die Veränderung der Wahrnehmung beim Singen zu erlauben, damit sich das System an die veränderten akustischen Bedingungen anpassen kann. Diese Vorgehensweise ist mit der Konzeption einer Gangschaltung vergleichbar: Für jede Beschleunigung oder Temporeduktion wird die „Übersetzung“ sprunghaft geändert, obwohl die Gesamtfunktion linear verläuft.
In der Sängersprache des italienischen Belcanto wird dieses reflektorisch bedingte Phänomen als ->„Passaggio“ bezeichnet, was ja ebenfalls Übergang bedeutet. Alle Passaggi haben also eine akustische Ursache, und nicht eine anatomische.
SITZ / VORDERSITZ
Die Lehre vom „Stimmsitz“, ist aus der Wahrnehmung von Sekundärvibrationen im Kopf, besonders im Bereich von Nase, Wangenknochen und Stirn, der sogenannten „Maske“, entstanden. Diese Schwingungsphänomene sind aber Folgeerscheinungen der Stimmlippenschwingung. Es ist nicht möglich, die primäre Klangerzeugung Im Kehlkopf dadurch zu optimieren. Eine Wirkung kann ihre Ursache nicht ändern.
Die beiden Schwingungsknotenpunkte, von denen die stehende Welle im Vokaltrakt definiert ist, sind die untere Schwingung direkt über der Stimmfalte und die obere Schwingung am weichen Gaumen. Bei den Vokalen „e“, „i“, „ä“, „ö“ und „ü“ entsteht eine dritte Vibrationswahrnehmung am harten Gaumen aufgrund der diagonalen Position des Zungenrückens. Bei „a“, „o“ und „u“ entsteht sie nicht. Um sie bei diesen Vokalen zu erzeugen, muss der Kehlkopf aus seiner optimalen Tiefposition mit der Zunge leicht hochgezogen und schräg gestellt werden. Dadurch wird der Vokaltrakt verkürzt. Das bedeutet mehr stimmliche Anstrengung und weniger Effizienz wegen der Tonerzeugung mit geringerer Resonanz, und darum höherem Luftdruck. Diese Manipulation vermindert die Schwingungsqualität und Selbstregulation der Stimme und schränkt den Stimmumfang ein. Auf die Dauer kann sie durch Überbelastung zu Stimmschäden führen, etwa zu sogenannten ->„Registerdivergenzen“.
Die Schwingungswahrnehmung des „Vordersitzes“ wird für diese Vokale also durch die Umlenkung der stehenden Welle hergestellt. Ein näselndes Klangergebnis ist die Folge.
Dazu bemerkte der berühmte Stimmforscher Manuel Garcia schon 1894 sinngemäß in seinen „Ratschlägen für den Gesang“: „... Ich lehne all das ab, wovon heutzutage gesprochen wird, nämlich das Führen der Stimme nach vorwärts, rückwärts oder aufwärts... Die Idee ist absurd, man könne den Luftstrom nach vorne oder hinten lenken... Der Sänger hole Luft und beachte die Naturgesetze, der Kehlkopf und der Rest sorgen für sich selbst...“. Es ist physikalisch nicht möglich, eine Welle zu beugen oder umzulenken. Man kann sie nur brechen, im Fall der Klangerzeugung mit Hilfe von Manipulation durch die Zungenstellung.
SOTTO VOCE
Das bedeutet „unter der Stimme“. Gemeint ist Klangerzeugung mit sehr geringem Luftdruck unter der Stimme und mit wenig Stimmlippenschluss, im Gegensatz zu „in voce“, „innerhalb der Stimme“. Dazu muss die ausströmende Luft äußerst fein dosiert, in gewisser Weise „von den Stimmlippen ferngehalten“ werden. Durch die Verstärkung der Einatmungstendenz wird der Klang leiser und weicher.
STACCATO
Staccato ist eine Teilfunktion der Vocalismuskulatur, bei der sie eine vollständige Vibratoschwingung von ca. 0,05-0,07 Sekunden Dauer ausführt. Danach wird der Ton reflektorisch beendet. Sie findet nur in den Stimmlippen statt, ohne Aktivität in Zwerchfell und Vokaltrakt. Das ist nur möglich, wenn im Moment des Einsatzes das Vibrato zu schwingen beginnt. Eine derartige Schwingung ist extrem fein und präzise. Sie entsteht nur bei sehr geringem Luftdruck und völlig entfächertem Vokaltrakt.
Beim Staccato ist die Stellung des Kehlkopfs beim Stimmeinsatz spürbar. Staccato, auf funktionale Weise erzeugt, fördert deshalb die Sicherheit im Einsatz.
STIMMFACH
Das Stimmfach wird von mehreren Parametern bestimmt: Wie viele Muskelfasern im Vocalismuskel sind jeweils angeboren? Je mehr vorhanden sind, desto dunkler ist auch die Stimmfarbe. Dieser Muskel ist frühestens ab einem Alter von 35 Jahren ausgereift, bei Bassstimmen noch später, bis zum Alter von 45 Jahren. Also kann sich das Stimmfach bis zu diesem Alter noch ändern. Die Länge der Stimmlippen spielt für das Stimmfach nur eine untergeordnete Rolle.
Wie ist der Vokaltrakt von Natur aus gestaltet? Wird die hohe oder tiefe Schwingung darin dominant verstärkt?
Welche Teilfunktion wird bevorzugt? Auch diese Vorliebe ist angeboren. Die Präferenz für ->Masse- oder ->Dehnungsfunktion unterscheidet den Mezzosopran vom dramatischen Sopran und den hohen Bariton vom Tenor. Dabei beruht die Vorliebe für Dehnung, exzentrische Kontraktion, auf einer höheren Grundenergie.
Der persönliche Stimmklang ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Aufgrund der Schutzfunktion dieser Körperregion und infolge der extremen Verformbarkeit des Vokaltrakts wird er durch bestimmte emotionale Erfahrungen und Schutzhaltungen mit beeinflusst. Der jeweilige Stimmumfang wird durch die Muskelmasse des Vocalis sowie die Flexibilität und Dehnbarkeit des Systems bestimmt.
Die Empfindung von Schönheit im Stimmklang beruht, wie jede Empfindung von Schönheit, auf dem in den Hörenden erzeugten Wohlgefühl. Sie ist also nicht, wie die verbreitete Ansicht lautet, reine „Geschmacksache“, sondern, von individuellen Vorprägungen und entsprechenden Hörerwartungen einmal abgesehen, von der Empfindung von Natürlichkeit und Zwanglosigkeit bestimmt. Wie der singende Mensch sich körperlich und emotional fühlt, so fühlt sich auch der hörende.
Der körpergerechte, funktionale Stimmklang kann durch seine Ungezwungenheit ein angenehm „stimmiges“ Gefühl auslösen. Er wird daher überwiegend als schön empfunden. Das herausragende Beispiel dafür ist aus meiner Sicht sicher die Stimme von Fritz Wunderlich, deren Schönheit sich wohl kaum jemand entziehen kann.
STIMMLIPPEN
Wir kommen ohne die den Vocalismuskel umhüllenden Schleimhautligamente, die sogenannten Stimmbänder, zur Welt. Erst gegen Ende des 17. Lebensjahres ist die Verbindung zwischen Vocalis und Ligament abgeschlossen. Daraus erklärt sich auch die völlige Ermüdungsfreiheit der Säuglingsstimme.
Der Vocalis ist ein Skelettmuskel. Seine Funktion ist, Gelenke des Knochengerüstes zu bewegen. Er liegt zwei bis drei Millimeter unter der Spitze des „Adams- bzw. Evasapfels“ und ist der komplizierteste Muskel des menschlichen Körpers. Er ist hinten dicker als vorne und besteht aus zahlreichen Muskelspindeln, die unabhängig voneinander kontrahieren können. Die Anzahl dieser Spindeln ist angeboren und bleibt lebenslang unverändert. Allerdings ist es möglich, sie zu trainieren. Dadurch kann der Umfang des Muskels vergrößert werden. Abgesehen vom Herzmuskel ist er der einzige ermüdungsfreie Muskel, denn er gibt entstehende Wärme sofort ab. Seine besondere, nicht ermüdbare Zopfstruktur kommt sonst nur im Herzmuskel vor. (Herz und Stimmmuskel sind aus der selben Keimzelle hervorgegangen.) Er ist in Segmente differenziert: Jede halbe Oktave gibt es einen Übergang in ein anderes Schwingungsverhaltens, was das akustische Phänomen des „Wolfs“ bzw. „Bruchs“ hervorruft. Dabei sind alle daran beteiligten muskulären Vorgänge fließend, aber die akustischen Phänomene und taktilen Wahrnehmungen nicht, sie „springen“.
Die Innenseite besteht aus drei verschiedenen Zellstrukturen. Sie wird innerviert durch eine spezielle Art von Gamma-Nervenfasern und erzeugt so eine isotonische Kontraktion oder Dehnung.
Die Dehnung im Vocalis kann nicht aktiv gehalten werden, nur während des Singens. Die ihn umgebende Schleimhaut schwingt dabei vertikal durch einen neurologischen Impuls etwa fünf bis siebenmal pro Sekunde. Das klangliche Ergebnis davon ist das Vibrato. Die Vibratoschwingung regelt sich in Bezug zu Luftdruck und Schwingung des Muskels selbst.
Durch ihre Primärfunktion als Einatmungsventil sind die Stimmlippen hochsensibel für Luftbewegungen im Vokaltrakt und reagieren darauf mit Tonisierung, Erhöhung der Bewegungsbereitschaft und Differenzierungsfähigkeit. Bei der sängerischen Phonation steuern sie den ganzen Vokaltrakt. Die entstehenden Schwingungen sind die differenzierteste Bewegung des ablaufenden neuronalen Programms und damit der leitende Parameter, auch für Tonhöhen- und Lautstärkeregelung.
Für die Muskelarbeit ist ein hoher Tonus im Vocalis nötig. Diese Tonuswahrnehmung zeichnet sich durch eine Art horizontales „Zentrums- bzw. Effizienzgefühl“ aus.
Die Kontraktion eines Muskels ist aber nur möglich gegen die Gegenspannung des antagonistisch arbeitenden Muskels. Setzt man dem Stimmmuskel keine Spannung entgegen, kann er nicht kontrahieren. Dabei besteht leider Verwechslungsgefahr mit der Empfindung von Luftdruck oder Zungendruck. Durch Reduktion des Luftdruck wird es also leichter, Tonus im Vocalis zu erzeugen.
Die Eigenschwingung der Stimmmuskulatur wird neuronal erzeugt, und nicht durch „Anblaseluft“. Bei der gesunden Stimmfunktion ist daher eine Phasengleichheit der beiden Stimmlippen sowohl im Einsatz, in der Schwingung als auch im Absatz, also der reflektorischen Öffnung zum Abschluss der Schwingung, zu beobachten.
Je stärker der Ring-Schildknorpelmuskel kontrahiert, desto länger und weiter wird der Vokaltrakt geöffnet. Die Stimmlippen werden dabei immer mehr in Richtung Dehnungsfunktion gezogen. Die Öffnung wird immer weiter und runder. Dadurch entsteht bei der Nachatmung ein anderer, vertikalerer Atemweg an der Vorderseite des Vokaltrakts entlang.
Da im Alltag die Luftabgabe durch äußere muskuläre Kontrolle geregelt wird, müssen die Stimmlippen lernen, den Luftfluss beim Singen selbst aktiv zu dosieren. Durch die sängerische Einatmung sind nahezu alle Verengungen und Widerstände aufgehoben, die ihn behindern könnten. Letztlich entscheidet der Vocalis bei der Klangerzeugung über die Dosis der Luftabgabe, den Grad der muskulären Einatmungstendenz.
Durch die Kontraktion der äußeren Kehlkopfmuskeln und die gleichzeitige Drehung der Stellknorpel wird die Stimmfalte gedehnt. Das erzeugt kinetische Energie und einen hohen Tonus. Beides stellt einen optimalen Schutz für die Atemwege dar. Beim Singen wird diese Bewegungsbereitschaft in regelmäßigen Wechsel von Öffnung und Schließung der Stimmritze umgesetzt. Das signalisiert dem Gehirn sogar einen besseren Schutz als komplette Schließung.
Die Stimmlippen sind das Unterdruckventil des Körpers. Neuronal sind sie daher mit dem Bizeps und dem Daumengrundgelenk verschaltet. Durch Kraftanwendung zum Körper hin, wie zum Beispiel beim Klettern, wird durch sie die Lunge vor unwillkürlich einströmender Luft verschlossen, damit Zugkraft aufgebaut werden kann. Daraus ergibt sich auch, dass das Halten von nicht zu schweren Noten in geeigneter Weise im besten Fall sogar die Einatmungstendenz beim Singen unterstützen kann.
Aufgrund dieser Zusammenhänge und ihrer Mittelstellung zwischen rechter und linker Körperhälfte, und vor allem wegen ihrer phasengleichen Bewegungen bei der Tonerzeugung, können die Stimmlippen sogar eine Verbesserung der körperlichen Balance bewirken. Umgekehrt dient das Verhältnis von Stabilität und Flexibilität des gesamten Körpers der Feinregulation des Luftflusses für den Gesangsreflex.
STUMME MASSE
Wenn die Klangquelle mit größerer Masse schwingt, haben auf der gleichen Tonhöhe gebildete Klänge dunklere Klangfarben. Dieses Phänomen wird als „stumme Masse“ bezeichnet. Es ist mit den unterschiedlichen Klangergebnissen verschiedener Saiten eines Instruments beim Spielen der gleichen Tonhöhe vergleichbar.
Bei der menschlichen Stimme ist dafür die Beschaffenheit der untersten Schicht des Vocalismuskels verantwortlich. Je mehr Muskelfasern einer Person zur Verfügung stehen, desto dunkler klingt die Stimme. Ein Fachbegriff dafür ist auch „Timbre“.
BELCANTOBEGRIFFE UND FACHAUSDRÜCKE FUNKTIONAL ERKLÄRT T - Z
TIEFE
Um tiefe, langsame Schwingungen zu erzeugen, wird der dritte, der unterste Teil des Stimmmuskels zugeschaltet. Der Vocalismuskel wird dabei weicher, dicker und auch kürzer. Durch die bei der Tonerzeugung entstehende stärkere Vibration wird die Luft unter der Stimmritze mit in Schwingung versetzt. Die Stimmlippen schließen sich in dieser Bewegung vollständig und öffnen sich weiter. Trotz der höheren Kontraktion in der Muskulatur behalten die Schleimhäute dabei die Fähigkeit, sich unabhängig davon zu bewegen.
Bei tiefen Tönen verstärkt und stabilisiert sich die Rundung der ->Constrictoren, weil der äußere Kehlkopfmuskel der Anspannung des Vocalismuskels nachgibt. Deshalb ist die Position der Zunge bei der Produktion von massedominanten Schwingungen ein wenig anders als bei der von dehnungsdominanten. Die sich daraus ergebende Mundöffnung entspricht der von stärkerer Saugwirkung. Man findet diese spezielle Mund- und Zungenstellung naturgemäß in automatisierter Form immer wieder bei sehr tiefen Bässen.
Tiefe Töne brauchen viel Länge, denn in einem langen Rohr werden tiefe Frequenzen besonders gut verstärkt. Das heißt, dafür steht der Kehlkopf im Idealfall auf seiner tiefsten Position, damit der Vokaltrakt darüber möglichst lang ist. Das Zwerchfell kann hinten tiefer abgesenkt werden, daher wird sie durch Einatmung in den Rücken begünstigt. Durch ihre langsamere Schwingung und die größere schwingende Masse fordern tiefe Töne mehr Luftfluss an. Beim Singen tiefer Frequenzen ist deshalb der Luftfluss dominanter als der Luftdruck. Die kräftigen Schwingungen können über den Knochenschall im ganzen Körper wahrgenommen werden. Dieser „Körperklang“ wird auch in Ergotherapie und Yoga sowie in verschiedenen weiteren ganzheitlichen Heilmethoden gerne unterstützend eingesetzt.
Liegt die Frequenz eines Tones unter der Frequenz des ersten Vokalformanten des gesungenen Vokals, muss ein Decrescendo erfolgen, oder der Raum muss sich zum nächst offeneren Vokal öffnen. Sonst kann der gewünschte Vokal nicht vollständig artikuliert werden. In der Arie des Osmin „O wie will ich triumphieren“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ endet die Phrase mit den Worten „...denn nun hab´ ich vor euch Ruh`!“ auf dem großem D. Kein Sänger kann das Wort „Ruh´“ in dieser Lage noch artikulieren. Deshalb wird traditionell der Text verändert auf „… denn nun hab´ ich Ruh´ vor euch“, wobei das Wort „euch“ meistens auch noch wie „aich“ klingt. Nur der massereichste Vokal, das „a“, ist in so tiefer Lage in der für die geforderte Lautstärke nötigen Vollschwingung noch herstellbar.
TONHÖHENREGELUNG
Tonhöhe ist von Geburt an eines der stärksten emotionalen Signale, die es gibt. Die Regelung der Tonhöhe ist eine horizontale Bewegung. Sie wird gesteuert durch das Agonist/Antagonist-Paar Vocalis/Ring- Schildknorpelmuskel, nicht über Verkürzung oder Verlängerung des Resonanzrohres, wie beim Blasinstrument. Der Ablauf ist im Muskelgedächtnis codiert. Er verläuft ohne aktive Beteiligung des Vokaltrakts. Der Rachenraum muss dafür flexibel auf die Veränderungen reagieren können, damit die Tonhöhenregelung durch die Stimmlippen möglich ist.
Abwärts regelt der Stimmmuskel die Tonhöhe durch seine Kontraktion. Mit seiner Dehnungserlaubnis leitet der Kehlkopfkipper die Bewegung. Aufwärts verhält es sich umgekehrt: Der Vocalis ist der leitende, nachgebende Muskel, der Kehlkopfmuskel kontrahiert und kippt den Schildknorpel nach vorne unten. Damit er das kann, muss die Zunge nach vorne nachgeben, denn der untere ->Constrictor ist am Zungenbein angewachsen. Nur so wird die Stimmlippendehnung möglich. Durch eine parallele Reaktion des Unterkiefers kann diese Bewegung unterstützt werden: Wird sie nämlich auf der Basis des Saugreflexes ausgeführt, ruft diese Kieferöffnung eine Senkung des Kehlkopfs auf zwei Drittel seiner Tiefstposition hervor.
Die Tonhöhe wird unbewusst reguliert, und die dabei entstehenden Veränderungen werden nur wahrgenommen. Der Versuch, sie bewusst zu kontrollieren, stört die Funktion, denn er aktiviert zuallererst Zungenaktivität.
Bei der Sprachgewohnheit und reflektorischen Abläufen wie Erschrecken, Gähnen oder Niesen wird die Tonhöhe verändert, indem der Kehlkopf hinten von der Zunge hochgezogen wird. Das klangliche Ergebnis ist infolge der entstandenen Dehnung der Stimmlippen ein hoher Laut. Bei der Phonation ist die Zunge nicht mit an der Tonhöhensteuerung beteiligt. Da sie aber auch ein Tastorgan ist, neigt sie dazu, sich spontan in Richtung der spürbaren Vibrationen zu bewegen. Diese unwillkürlichen Positionsänderungen können die beschriebene ineffiziente Tonhöhenveränderung bewirken. Für die sängerische Tonhöhenregelung ist also eine Differenzierung der Zungenbewegung nötig. Auch der Tonus der Lippen hat Einfluss darauf.
Bei allen Tonhöhenveränderungen während des Singens leitet die Empfindung der Stimmlippenschwingung. Abwärts verändert der Vokaltrakt daraufhin seine Form, um die neu entstehenden Grundtöne verstärken zu können. Aufwärts sind schon alle Obertöne vorhanden, eine Veränderung ist also nicht nötig.
Im Laufe der sängerischen Entwicklung bildet sich ein Gefühl für Tonhöhen, eine Muskelerinnerung, die es ermöglicht, eine zuvor gehörte Frequenz unterbewusst voreinzustellen und so „den Ton zu treffen“. Dieses Prinzip entspricht in etwa der Treffsicherheit beim Instrumentalspiel. Auch dafür ist es ja nötig, Muskelerinnerung durch Übung zu entwickeln.
TONUS
Tonus wird die muskuläre Grundspannung und Bewegungsbereitschaft genannt. Ein suggestives Bild für hohen Tonus ist das der lauernden Katze. Tonuszunahme in der Aufrichtungsmuskulatur bewirkt dasselbe auch im Stimmapparat: Ein höherer Tonus in der Wirbelsäule löst nur wenige Millisekunden später eine stärkere Rundung im Artikulationssystem aus. Auch der Vokaltrakt gewinnt an Tonus. Verliert dagegen der Brustkorb an Tonus, rutscht der Kehlkopf hoch, denn die Körperaufrichtung stellt die antagonistische Kraft zur Kehlkopfsenkung dar. Durch die Erhöhung des Körpertonus wird die Masseschwingung weich und regelmäßig, statt ungeführt zu schlackern.
Je höher der Tonus ist, desto besser werden die Unterschiede zwischen Masse- und Dehnungsdominanz spürbar. Verschiedene Vokalen, dynamische Abstufungen und Tonhöhen brauchen jeweils auch einen verschiedenen Tonus.
Gewichtige Menschen haben meist einen höheren Grundtonus, um die Aufrichtung stabil zu halten. Das ist eine der Ursachen dafür, warum es unter professionellen Sängerinnen und Sängern überdurchschnittlich viele füllige Menschen gibt.
TRACHEALZUG
Dieser Begriff beschreibt die Kehlkopfsenkung infolge der Einatmungsbewegung. Durch sie bewegt sich die Zwerchfellkuppel um bis zu sieben Zentimeter unter die Ruheposition. Die Luftröhre wird dabei schräg nach hinten unten gezogen. Dafür müssen sich alle hebenden Einhängemuskeln dehnen lassen. Trachealer Zug ist die Hauptaktivität, um den Kehlkopf auf die sängerisch günstige Tiefposition zu senken. Fehlt er, wird oft versucht, diese Senkung durch Zungendruck herzustellen. Deshalb ist die tiefe Einatmung von mindestens 50% Lungenvolumen so wichtig.
Es gibt dazu einen interessanten Versuch: Setzt man ein Gefäß an den Mund, ohne die für das Trinken nötige Saugbewegung zu machen, und atmet dann durch die Nase ein, wird der Rachenraum durch den Trachealzug verlängert. Durch den Unterdruck wird die Flüssigkeit ohne weitere Muskelaktivität in den Mundraum gezogen.
TRAGFÄHIGKEIT
Bei einem starken Grundton durch optimale Verstärkung der tiefen Frequenzen im geöffneten Vokaltrakt entstehen immer auch hohe und starke Obertöne. Wie bei jedem Klangkörper verbessert sich die Klangverstärkung proportional zur Länge und dem Durchmesser des Resonators. Beim menschlichen „Instrument“ wird sie durch eine laserartige Potenzierung des Klanges noch gesteigert aufgrund der besonderen akustischen und neurologischen Gegebenheiten.
Für die Entstehung der Sängerformanten, also die Frequenzen bei etwa 3000, 5000 und 8000 Hz, ist eine maximale Öffnung des Vokaltrakts unbedingt nötig.
Sie bilden sich bei geringem Stimmlippenschluss aus, durch den hohen Anteil an gedehnter, fein schwingender Schleimhaut.
Da hohe Frequenzen aus evolutionären Gründen von der Form des menschlichen Ohres am besten verstärkt werden, entsteht das „Lautheit“ genannte Phänomen, dass hoher, akustisch leiserer Schall als dominant wahrgenommen wird vor tiefem, objektiv lauterem Schall, der „Lautstärke“.
ÜBERGANG
Die primäre, von der Evolution vorgesehene Funktion des Stimmlippenventils ist, auf jede kleinste Luftbewegung mit sofortiger Schließung zu reagieren, um die Lunge vor dem lebensgefährlichen Eindringen von Fremdkörpern zu schützen.
Gleichzeitig hat die Luftröhre eine Eigenfrequenz, denn sie bildet einen Hohlraum.
Das Erzeugen von Klängen nahe an dieser Eigenfrequenz bewirkt Schwebungen, die ihrerseits Luftverwirbelungen hervorrufen. Weil der Durchmesser der Luftröhre eine mehr oder weniger feste Größeneinheit im menschlichen Körper ist, wie etwa auch die ungefähre Größe von Herz oder Leber, liegt bei allen erwachsenen Menschen ihre Eigenfrequenz auf der Tonhöhe von ca. es`/e`.
Treffen die von der Schwebung erzeugten Luftwirbel auf die Stimmlippen, löst das einen Schließreflex aus, ähnlich, wie auf einen Luftzug der Blinzelreflex folgt. Diese Schließung stört aber die Klangerzeugung. Zum Schutz springt daraufhin entweder das Massesystem oder das Dehnungssystem ein und bewirkt eine Schließung. Durch die Verengung erhöht sich der Luftdruck unterhalb der schwingenden Stimmlippen, der Ton bekommt plötzlich mehr Energie, und das entsprechende Register setzt sich durch. Das ist die akustisch-physikalische Erklärung des Phänomens „Bruch“.
Die Empfindung des Schließimpulses ist unangenehm. Um sie zu vermeiden, wird häufig das System festgehalten. Wenn der Kehlkopf hoch steht, ist der Grundton des gesungenen Tones gegenüber der Eigenfrequenz der Luftröhrenspangen nicht stark genug, um dominant zu wirken. Das verstärkt den störenden Effekt noch. Dazu stellt sich in der Oktave zwischen a und a` die Stimmfunktion um von Massedominanz auf Dehnungsdominanz. Das kann eine weitere Irritation in den Stimmlippen bewirken.
Interessanterweise hört man es immer wieder, dass Sopranistinnen ihre bevorzugte Sprechlage eher tief, um ihren „phonischen Nullpunkt“ herum wählen. So entspannt sich die Stimmmuskulatur, die bei ihnen viel in Dehnungsfunktion arbeitet. Manche Altistinnen sprechen dagegen vergleichsweise hoch, teils sogar über dem Übergang. Infolge der höheren Anzahl an Muskelfasern entstehen bei schweren Stimmen mehr Schwebungen im Übergang. Zudem fühlt sich die Eigenresonanz der Luftröhre bei ihnen störender an als bei leichten Stimmen mit weniger Masse.
Das Ziel beim funktionalen Gesang ist, die Irritationen durch Rundung zu minimieren. Das kann nur gelingen, wenn die Grundtonfrequenz dominant bleibt gegenüber der Luftröhrenfrequenz, also bei gerundeten Rachenmuskeln und gesenktem Kehlkopf.
Am leichtesten fällt der Übergang auf Vokal „o“. Die gerundete Artikulationsform des Vokals verbessert die Resonanz im Vokaltrakt und minimiert so die störenden Luftwirbel. Auch das noch mehr rundende „u“ hat diese Wirkung. Ein möglichst weiter Rachendurchmesser erleichtert ebenfalls den Übergang.
Wenn der mittlere Constrictor aktiv bleibt und die Rundung aufrechterhält, kann die Zunge dagegen stabilisieren. Hält sie ihren Tonus bei, erhöht sich die obere, vordere Resonanz, und die Vibratoempfindung wird stärker. Schließt das System jedoch im Übergang, was infolge von Schutzreflexen leicht geschehen kann, verliert die Zunge ihren Tonus. Je geringer der Zungentonus ist, desto stärker ist also der Übergang.
Mehr Einatmungstendenz im Übergang verringert ebenfalls den unangenehmen Schließimpuls der Stimmlippen, weil dadurch der subglottale Luftdruck minimiert wird. Entsteht also viel Irritation, ist möglicherweise der Luftdruck zu hoch. Durch Reduktion des Drucks und den Wechsel zu einer leiseren dynamischen Stufe oder zu einem dehnungsdominanteren Vokal kann sie reduziert und annähernd behoben werden. Auch körperliche Balance unterstützt eine Feinabstimmung im Übergang.
Bei Männerstimmen, die Massedominanz gewöhnt sind, ist die Strategie verbreitet, den Übergang durch die Erhöhung des Luftdrucks zu vermeiden und solange im massedominanten Register zu singen, bis die Schwingung abbricht. Das ist auch die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Bruch“. Sie müssen lernen, zu erlauben, dass die Stimmlippen, ähnlich wie bei einem Decrescendo, Masse abgeben, um für die Klangerzeugung sukzessive ins dehnungsdominante Register wechseln zu können. Besonders bei Tenorstimmen ist das eine ständige Gratwanderung, ein „Ritt auf der Rasierklinge“. In der Übergangslage bleibt ihre Klangfarbe auch bei Crescendo hell auf Grund der besonderen Technik dieser Stimmgruppe, die ein wenig dem ->Belting ähnelt. Die Empfindung in der Lage um etwa e` ist trotzdem dehnungsdominant. Der Sänger gibt beim Aufwärtssingen Masse ab und wechselt abwärts nicht zu Überdruck und Massedominanz, auch wenn das klangliche Ergebnis das oft vermuten lässt.
Zur Gewöhnung an das evolutionär immer etwas unangenehme Gefühl bei dieser unvermeidbaren Irritation kann man den Fokus auf angenehme Wahrnehmungen lenken, so dass der Organismus diese Störung im Laufe der Zeit als ungefährlich abspeichert. Durch Veränderung verschiedener Parameter ist es auch möglich, den Übergang zu „umgehen“, aber immer nur durch Manipulation des Vokaltrakts und Verminderung der optimalen Voraussetzungen für die Stimmlippenfunktion.
VENTRIKEL / VESTIBÜL
Mit Ventrikel, übersetzt „Bäuchlein“ oder Vestibül, „Vorhalle“, wird der Raum direkt über der Stimmfalte bezeichnet. Er reicht vom Vocalis bis zum Kehldeckel und ist mit den Taschenfalten und dem Ringknorpel verbunden. Der Vestibülresonator verstärkt die tiefen Frequenzen. Ist er geöffnet und der Kehlkopf gesenkt, wird der Grundton gut verstärkt. Ist er geschlossen, ist die Grundtonverstärkung gering.
In der Form ähneln Vokaltrakt und Vestibül einer Oboe d`amore. Ihre Klangfarbe ist dunkler als die der Oboe, denn der kugelig geweitete Raum am Ende des Rohres, der sogenannte „Liebesfuß“, verstärkt vor allem die tiefen Frequenzen des Klanges.
Bei von unten angeschliffenen Konsonantenanlauten mit ->Schwa, so, wie es in der russischen Sprache üblich ist, bläht sich das Vestibül leicht auf. Das verstärkt die Resonanz dieses Hohlraumes und damit die tiefen Frequenzen des individuellen Timbres. Hier liegt wohl ein Grund für den typischen „russischen“ Stimmklang: Die dunklen Klanganteile werden durch diese spezielle Konsonantenbildung begünstigt.
VIBRATO
Jeder Muskel besitzt Tremorfähigkeit. Dieser „physiologische Tremor“ wird durch neurologische Impulse an die Muskeln ausgelöst. Die Frequenz des Grundtremors hängt dabei von der Größe des jeweiligen Muskels ab. Bei den Bauchmuskeln liegt sie bei 4 Hz, bei den Fingern bei 5-7 Hz. Dieses „neuronale Entlastungszittern“ dient dem Erhalt der Spannkraft und Belastbarkeit der Muskeln. Um Dauerbelastungen zu ermöglichen, stellt es sich in antagonistisch arbeitender Muskulatur von selbst ein.
Die Tremorfrequenz beim Vocalismuskel und seinem Antagonisten, dem äußeren Kehlkopfmuskel, liegt bei 5-7-Hz. Darum ist das die Frequenz von gesundem Vibrato. Die entstehende Tonhöhenveränderung dabei beträgt etwa einen Viertel- bis Halbton. Sie wird beim Singen als zusätzliche Schwingungsform hörbar.
Das Vibrato wird erzeugt durch abwechselndes Kontrahieren und Nachgeben der Vocalismuskulatur. Es findet auf Stimmlippenebene statt, an den Rändern der Stimmlippen. Die neurologischen Impulse für die Vibratoschwingung werden auch beim Absatz und dem neuen Toneinsatz nicht gestört. Durch das neuronale Zittern entsteht außerdem eine Wellenschwingung an der Oberfläche des ->Ligaments.
Ist das Vibrato zwischen Stimmlippen und Zungenbein dominant vor der Empfindung von Masse spürbar, organisiert es zusammen mit der Wahrnehmung der stehenden Welle im Vokaltrakt die gesamte Funktion, nämlich Tonhöhenwechsel einschließlich ->Portamento, ->Koloraturen, ->Staccato, Verzierungen, Triller sowie viele weitere komplexe Bewegungsabläufe. Der weiche Gaumen reagiert darauf mit Tonisierung. Sogar die Abstufung des Luftflusses durch die Stimmritze, also die Veränderungen in Bezug auf Muskelmasse, Dynamik, Tonhöhe und Vokal, vollziehen sich im Rhythmus des Vibratos. Auch der Stimmeinsatz sowie der Absatz liegen zeitlich am Beginn bzw. am Ende von einer Vibratoschwingung. Alle Parameteränderungen folgen dann der ungestörten Vibratoempfindung. Umgekehrt ermöglicht Vibrato eine noch feinere Koordination der beteiligten Muskeln. Weil der physiologische Grundtremor der Muskulatur von Natur aus zur Verfügung steht, entwickelt sich echtes Vibrato bei guten Bedingungen von selbst. Willentlich kann es nicht hergestellt werden.
Vibratounterdrückung ist ein Eingreifen in die natürlichen Körpervorgänge und kann Intonationsprobleme nach sich ziehen: Ein Zuviel bzw. Zuwenig an Muskelmasse im Verhältnis zur Dehnung des Ligaments oder ein Zuviel an Luftdruck unter den Stimmlippen erzeugt zu tief bzw. zu hoch erscheinende Klangergebnisse.
Unregelmäßiges Vibrato kann an unregelmäßiger Tonisierung des Vokaltrakts liegen: Dann schwingt eine Stimmlippe langsamer als die andere. Zu schnelles Vibrato mit zu kleiner Amplitude nennt man „Tremolo“. Es entsteht durch zu hohen subglottalen Luftdruck, ungünstige Spannungsverhältnisse und zu wenig Raum im Vokaltrakt. Der erhöhte Stimmbandschluss wird durch die kontrahierende Schluckmuskulatur noch unterstützt. Deshalb findet es nicht nur in den Stimmlippen statt, sondern auch im Vokaltrakt. Häufig sieht man sogar ein Mitvibrieren der Zunge im Mundraum durch Haltungen im Atem- und Artikulationsapparat. Durch Bereitstellung von mehr Raum und Rundung der ->Constrictoren kann es verlangsamt werden. Zu langsames, zu großes Vibrato heißt „Wobble“. Auch das entsteht durch zu viel Masse oder Druck. Die Vorstellung von Nonvibrato kann eine Schwingungsreduktion bewirken. Durch schnelle Bewegungen des Zungenrückens kann man ein Pseudovibrato herstellen: Der zu- und abnehmende Zungendruck erzeugt Luftdruckveränderungen. Darauf reagieren die Stimmlippen mit An- und Abkopplung von Masse.
Bei dominanter Überdruckfunktion stellt sich kein Vibrato ein. Wird der Luftdruck während des Singens zu stark erhöht, hört das Vibrato auf, weil das die Balance im System stört. Echtes Nonvibrato wird bei fast komplett gesenktem Kehlkopf durch leichte Kontraktion zweier Muskeln gebildet. Sie verlaufen innerhalb des Kehlkopfs vom Schildknorpel zum Kehldeckel. So wird die Schwingung abgebremst. Diese Funktion stellt sich für ->Glissando von selbst ein. Wird also ein Glissando geplant, die Tonhöhe aber dann doch nicht verlassen, sondern beibehalten, ist das Ergebnis ein funktional gesunder Nonvibratoklang.
Vibrato ist innerer Rhythmus. Auch das Rhythmusempfinden ist daher untrennbar mit einem gesunden Vibrato verbunden. Der Vocalismuskel reagiert auf diese Weise auf rhythmische Veränderungen in der Musik und gleicht seine Frequenz leicht an. So können Tempoveränderungen trotz der vorgegebenen Grundfrequenz von 5-7 Hz bis zu einem gewissen Grad mitvollzogen werden.
Aus funktionaler Sicht ist die menschliche Stimme nicht für vibratoloses Singen geschaffen. Vibrato ist offenbar so erwünscht, dass auch das Spiel von Instrumenten seit jeher damit bereichert worden ist, sogar mit möglichst ähnlicher Frequenz und Amplitude. Allerdings ergibt sich daraus für die Interpretation von mehrstimmiger Musik eine natürliche Diskrepanz: Die vibratoimmanenten Tonhöhenschwankungen können die Durchhörbarkeit der Klänge stören. In Traktaten wie dem „Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen“ von Johann Joachim Quantz aus dem Jahr 1789 wird daher zwischen solistischem und Tuttispiel unterschieden: „Ein jeder Concertist muß, wenn er eine Ripienstimme spielet, seiner Geschicklichkeit… auf gewisse Art entsagen, und sich aus der Freyheit… in eine Art Sklaverei versetzen.“
Dass Vibrato immer wieder als unnatürlich wahrgenommen wird, liegt vermutlich daran, dass ungesunde Vibrati mit zu viel Druck und zu großer oder zu kleiner Frequenz bzw. Amplitude leider weit verbreitet sind. Das unangenehme Gefühl beim Hören sowie die Einschätzung, so ein Vibrato sei unnatürlich, kann also durchaus einem natürlichen Gespür für gesundes Vibrato entspringen.
VOCAL FRY
Der Begriff „Vocal Fry“, auch Strohbass oder Schnarrregister genannt, meint die Stimmlippenschwingung am „phonischen Nullpunkt“, der jeweiligen Tonhöhe mit der geringsten Stimmlippendehnung. Der äußere Kehlkopfmuskel ist dann beinahe vollständig entspannt, darum bietet er den Stimmlippen keinerlei Widerstand. Der Vocalis schwingt also mit maximaler Kontraktion und gleichzeitig minimalem Tonus. Bei dieser Schwingungsform sind alle drei Regelfunktionen der Stimmlippen, also Tonhöhenregelung, Lautstärkeregelung und ->mediale Kompression außer Kraft. Der Geräuschanteil ist gegenüber dem Tonhöhenanteil dominant.
VOCE BIANCA
Damit ist die Sopran- oder Altstimme von Kindern vor dem Stimmbruch gemeint. Sie zeichnet sich durch Nonvibrato und kaum dunkle Klanganteile aus, weil aufgrund der der unreifen Stimmmuskulatur, der unvollständigen Aufrichtung und des kürzeren Vokaltrakts die muskulären und akustischen Verhältnisse bei Kindern anders sind als bei Erwachsenen.
VOKAL
Ontogenetisch ist der Vokal älter als der Konsonant. Das Lallen des jungen Säuglings findet ausschließlich auf Vokalen statt. In diesem Alter ist Saugen die dominante Funktion der Mund- und Rachenregion. Mit dem Spracherwerb wird ein neues, von schließender Muskulatur geprägtes Programm installiert, das auch Vorstufen von Konsonanten enthält. Der Zeitpunkt fällt zusammen mit dem Übergang von flüssiger zu fester Nahrung und dem Erlernen des dafür nötigen Kau- und Schluckvorgangs.
Die sängerische Vokalisation muss also im Gehirn wieder erneut verlinkt und dann eintrainiert werden, denn ihre evolutionären Wurzeln stammen aus der Zeit vor dem Kauen und Sprechen. Die Artikulation von gesprochener Sprache wird das ganze Leben hindurch verwendet, auch parallel zur spezifischen Sängervokalisation. Auch bei der gesungenen Artikulation von Text ist sie am Anfang dominant, solange noch keine geeignete Alternative zur Verfügung steht. Es gilt, die Programme auseinander halten zu lernen. Optimalerweise ist das eine der Hauptaufgaben von Stimmbildung.
Wenn man als Kind die Möglichkeit hat, funktional gesund singende Erwachsene zu hören, können dadurch Verbindungen im Gehirn entstehen, die den Übergang zur natürlichen Gesangsfunktion im Erwachsenenalter deutlich erleichtern.
Der Vokal, die „Mutter der Silbe“, definiert die Klangdauer nicht nur beim Singen, sondern auch beim Sprechen. 87 Grundvokale existieren allein in der deutschen Sprache. Andere Sprachen haben noch weitere Vokalfarben. Alle werden erkennbar durch ihre spezifischen Formantbereiche. Entscheidend dabei ist nur die Form des Resonators, nicht die Größe. Dieses Prinzip gilt aber nicht nur für menschliche Lautäußerungen. Auch Tierstimmen und sogar unbelebte Gegenstände können aus diesem Grund erkennbare Vokale hervorbringen. Sie sind ebenfalls definiert durch die jeweilige Form des Resonators. Das Muhen der Kuh und das Tuten der Hupe auf dem Vokal „u“, das Röhren der Hirsche auf „ö“ oder das Piepen der Vögel auf „i“ sind nur einige wenige Beispiele dafür. Schon die dafür gewählten Bezeichnungen sind lautmalend. Sogar das „mieaou“ der Katze entsteht durch die nahtlose Veränderung der Form ihres Mäulchens.
Beim funktionalen Singen entsteht der Vokal im Vokaltrakt, dem senkrechten Rachenraum von den Stimmlippen bis hinauf zum weichen Gaumen, statt wie bei der Sprachgewohnheit im Mundraum. Echte sängerische Vokalisation ist nur möglich bei vollständiger Kehlkopfsenkung und optimaler Vokaltraktlänge. Nur dann bilden sich auch die Sängerformanten. Ist aber die Rachenrückwand nicht genügend aktiv für eine ausreichende Rundung und somit für die Leitung der Vokalbildung anstelle der Mundwinkel, rutscht die Artikulation in den Mundraum, in die Sprachebene.
Es gibt Rundungs- und Zungenhebungsvokale. Anders als bei der Sprachgewohnheit werden beide beim Singen anstatt mit Zungenaktivität mit einer der Saugbewegung ähnlichen Lippenöffnung, also mit Tonus im Lippenringmuskel und Rundung der Rachenrückwand gebildet. Lippen und Zunge reagieren nur.
Vereinfacht kann man sagen, dass „a“, „o“ und „u“ Rundungsvokale sind, verknüpft mit der Erweiterung der zehnten bis achten Rippenpaare. Die Vokalfolge „u-o-a“ entspricht genau der Mundöffnung bei der sängerischen Einatmung. Enrico Caruso sagt dazu: „Alle Vokale haben in der (sängerischen) Artikulation die gleiche ovale Form.“ Und die Belcantolehre meint: „In jedem (gesungenen) Vokal ist ein „a“ enthalten.“ Tatsächlich wird ein funktionales sängerisches „a“ mit viel größerem horizontalen Durchmesser und viel runder gebildet als in der Sprachgewohnheit.
„E“ und „i“ sind Zungenhebungsvokale, verknüpft mit der Erweiterung der siebten bis fünften Rippen. Beim Schlürfen, einer Aktion im Einatmungsmodus, entsteht aus diesen Gründen ein ungefähr der Vokalfolge „u-o-a-e-i“ entsprechendes Geräusch, genau entgegengesetzt zu den Lauten, die Katzen erzeugen. Der Laut „Ui!“ ist das emotionale Pendant dazu: Auch beim Erstaunen atmet man ein!
In der Überdruckfunktion des Sprechens ist das „i“ der am meisten schließende Vokal. Der verbreitete Ausruf des Ekels, “iiih!“ ist wohl in diesem Zusammenhang entstanden. Beim Singen dagegen hat es den größten Vokaltraktdurchmesser. Das ist auch der Grund, warum HNO-Ärzte manchmal ihre Patienten auffordern, mit geöffnetem Unterkiefer ein „i“ zu artikulieren: Dadurch wird der Vokaltrakt weit, und sie haben einen freien Blick auf Kehlkopf und Luftröhre.
Alle Zungenbewegungen sind bei sängerischen Vokalwechseln entkoppelt von der Kontraktion der Lippenrundung. Auch diese Unabhängigkeit von Zunge und Lippen entspricht den Vorgängen beim Saugen. Die Vokalwechsel erfolgen auf der Basis des ersten Vokalformanten. Bei allen Vokalen hat der untere Formant Priorität in der Klangsäule, auch bei den „hellen“ Vokalen „ä“, „e“, „ü“ und „i“.
Verschwindet der erste Formant, ist das ein klares Zeichen dafür, dass das System sich geschlossen hat.
Gesangsvokale haben ähnliche Formantbereiche wie die Sprachvokale, werden aber durch andere Artikulationsbewegungen und teilweise sogar von anderen Muskeln gebildet. Der Raum ist dabei viel länger und der Durchmesser größer.
Grundsätzlich werden alle sängerischen Vokale da definiert, wo sie am offensten und am meisten gerundet, aber schon klar in der Vokalfarbe erkennbar sind.
Durch die Phonation optimiert sich die Vokaltraktform des gesungenen Vokals von selbst. Nach der Nachatmung hat er daher eine optimalere Form als davor.
Die Vokalwechsel erfolgen beim Singen über Vokalglissandi wie „u-ü-i“ oder durch „Sprünge über Vibratotäler“. In der Artikulationsbewegung zum nächsten Vokal hin sollten auch die dazwischenliegenden Konsonanten möglichst akzentfrei innerhalb dieser Form gebildet werden.
Auch während des Singens auf der „bequemen“ Tonebene des Sprechens verläuft die Artikulation mit sängerisch optimierten Vokalen. Vor allem für Männerstimmen ist diese Unterscheidung wichtig, denn ihre Stimmlage überschneidet sich mit ihrer Sprechlage.
VOKALAUSGLEICH
Damit ist eine interne Änderung und Angleichung der Formantbereiche gemeint, soweit das innerhalb der optimalen Vokaltraktgestaltung möglich und nötig ist. Ab der zweigestrichenen Oktave fehlen für die Vokalfarben „u“, „o“ und „a“ nach und nach die Formantbereiche für den ersten, bei noch größerer Tonhöhe auch für den zweiten Vokalformanten. Nur für „ä“, „e“ und „i“ bleiben sie bis zur dreigestrichenen Oktave erhalten. Das Vokaltraktsystem muss deshalb seine Form verändern, damit diese Vokale noch gebildet werden können. Dafür ist eine teilweise Umfärbung der Vokale in die nächst dunklere Vokalfarbe nötig. Versucht man, sie zu vermeiden, verkürzt sich der Vokaltrakt, und der Kehlkopf steigt hoch.
VOKALFARBE
Sie wird durch die unterschiedlichen Lautstärken der Teiltöne bestimmt, die im Vokalklang enthalten sind. Geändert wird sie durch Kiefer, Zunge und Lippen: Lippen und Zunge verstärken oder dämpfen durch ihre Formung manche Teiltöne. Dadurch werden bestimmte Vokalfarben definiert. Für die Vokalfarbenänderung wird nur eine Frequenz geändert, der ganze Rest bleibt als Klangfarbe konstant.
VOKALTRAKT
Der Vokaltrakt, der ->Resonator der menschlichen Stimme, erstreckt sich von der Stimmfalte bis zum weichen Gaumen. Die Stimmlippen bilden dabei eine Einheit mit dem unteren Vokaltrakt. Sowohl die Differenzierungsfähigkeit des menschlichen Vokaltrakts als auch seine Effizienz in der Klangverstärkung sind unerreicht. Bei den Instrumenten existiert nichts Vergleichbares. Der Vokaltrakt ist nämlich zugleich ein Reflektor: Er reflektiert die Schallwellen auf die schwingenden Stimmlippen zurück und erhöht damit ihre Bewegungsbereitschaft. Das führt nach dem Prinzip der Rückkopplung zu einer sukzessiven Verstärkung der Klangintensität.
Die Länge des Vokaltrakts ist nur über seine Akustik, also durch die Empfindung der unteren und oberen Schwingung erkennbar. Denn in dieser für die Klangverstärkung günstigen Form existiert er nur während der Phonation. Er erhält sie im Verlauf der sängerischen Einatmung durch die Kehlkopfsenkung infolge von ->Trachealzug und Kieferöffnung. Auch eine antagonistische Hebung des weichen Gaumens wird davon ausgelöst. Die Zunge bildet seine vordere Wand. Alle verkürzenden Kontraktionen, ob bewusst oder unbewusst, müssen dafür größtmögliche Dehnung erlauben. Die Raumöffnung, die bei der sängerischen Vokalisation entsteht, wird dann wieder für die folgende Einatmung genutzt.
Während der Phonation wird der Klang im Vokaltrakt intensiviert. Seine stabile Tubusform verstärkt die Luftschwingung vor allem vertikal, aber auch horizontal.
Die Form des Vokaltrakts sollte während der Phonation möglichst stabil bleiben. Nur dann kann eine störungsfreie Differenzierung der Bewegungen stattfinden. Durch die Eigenfrequenz der Luftröhre hervorgerufene Vibrationswahrnehmungen etwa können die Klangerzeugung stören. Eine stabilisierende Wirkung hat da die erzeugte Grundschwingung. Die Erweiterung des ->Vestibüls über den Stimmlippen verstärkt diese tiefe Frequenz. Dadurch werden auch die Schwingungen regelmäßiger, denn die Vokaltraktweite hat Einfluss auf ihr Schwingungsverhalten.
Die Rachenwand ist ein Teil des Reflexionssystems. Die Rundung der ->Constrictoren ist daher für die Resonanz unerlässlich. In der Rachenschleimhaut sitzen Rezeptoren, die fähig sind, Schwingungen wahrzunehmen. Durch sie können vokaltraktbezogene Veränderungen in der Raumempfindung erkannt werden. Der mittlere Constrictor ist der Schlüssel zur Lautstärke: Wenn der obere und der untere Constrictor runden und der mittlere nachgibt, kann sich aus den drei Schlundmuskeln ein einheitliches Rohr formen, das den Klang optimal verstärkt. Je länger es wird, desto dunkler und obertonreicher wird der Stimmklang. Mit gedehntem Vokaltrakt läuft auch die Tonhöhenregelung effektiver und ungestörter ab. Die individuellen körperlichen Voraussetzungen für eine optimale Klangverstärkung haben also einen bedeutenden Einfluss auf das jeweilige persönliche Timbre.
Jede willentliche Manipulation am Vokaltrakt und auch jede bewusste Leitung der Schwingungsverstärkung bewirkt eine Deformation des „Instruments“ mit der Zunge und eine Abflachung der Rachenmuskulatur. Dadurch entstehen kompensatorische Spannungen sowohl im Vokaltrakt als auch in anderen Körperbereichen. Denn sie sind über funktionale Muskelschlingen mit dem Vokaltrakt verbunden.
WAHRNEHMUNG
Die höchste, schnellste, feinste und präziseste Form von „Kontrolle“ und der erste Schritt zu jeder bewussten Aktivierung ist die Wahrnehmung. Sie kann auf vielen unterschiedlichen Ebenen zugleich stattfinden: Als sinnliche Körperwahrnehmung, als Fühlen von Emotionen, auf mentaler Ebene in Form von Bewertung bis hin zum bewussten Erkennen, dass man überhaupt etwas wahrnimmt, und was das ist.
Wertfreie Wahrnehmung generiert Bewusstsein ohne willentliches Eingreifen in das Geschehen und Urteilen. Je tiefer man dabei in einen Mikrokosmos eintaucht, desto größer erscheinen darin die Dimensionen des Wahrgenommenen. Dabei gilt es zu erkennen, ob man wirklich wahrnimmt oder aufgrund von theoretischem Wissen schon zu weit springt und die Wahrnehmung denkt oder sich vorstellt. Es geht um ein Bewusstwerden dessen, was geschieht und darum, es geschehen zu lassen, ohne es zu beeinflussen. Das ist der Unterschied zwischen Wahrnehmen und Beobachten, zwischen Kontemplation und Konzentration. Diverse mentale Konzepte beschreiben diesen Geisteszustand als vegetative Steuerung, Intuition, Erkenntnis, Eingebung, Alpha-Zustand oder Zen. Die Reihenfolge ist immer die gleiche: Am Anfang steht die fließende Wahrnehmung, der „flow“. Erst danach folgt die Reflexion. Weil sie sich ähnlich wie theoretisches Wissen anfühlt, muss man lernen, beides voneinander zu unterscheiden. Wissen ist ein gedanklicher Vorgang, Wahrnehmen eine Empfindung.
Der Ansatz der Feldenkrais-Lehre, einem Grundpfeiler des funktionalen Konzepts, besagt, dass Wahrnehmung durch Bewegung gelernt wird. Was mit Aufmerksamkeit bedacht wird, vergrößert das entsprechende Areal im Gehirn. Um die Wahrnehmung zu verstärken und zu verfeinern, ist es daher hilfreich, sie sich bewusst zu machen. Das bedeutet aber auch: Wer seine Wahrnehmung vor allem auf Körperbereiche richtet, die nur sekundär an der Phonation beteiligt sind, stört die natürliche Balance der Gesangsfunktion, statt sie zu optimieren. Beispiele dafür sind das Gehör, das nicht aktiv in die Klangerzeugung eingreifen kann, sondern die erzeugten Klänge nur retrospektiv erkennt und die Zunge, die durch erhöhte Aufmerksamkeit zu stärkerer Kontraktion angeregt werden kann. Auch bei der Schwingungswahrnehmung, die die Folge der Phonation ist und nicht ihre Ursache, kann eine Fokussierung auf die Position der Empfindung den Kehlkopf in die entsprechende Richtung auslenken.
Bewusste Wahrnehmung ist für die funktionale Phonation von größter Bedeutung. Ein Gefühl des Erkennens, ein „Aha-Effekt“, stellt sich dabei aber nur beim ersten Mal ein. Die Wiederholung ist schon nicht mehr so neu, und das Gehirn reagiert nicht mehr mit der gleichen freudigen Überraschung. Der Wunsch, diesen Effekt mehrfach zu erleben, führt zur Übertreibung seiner Auslöser und so zu einem Eingriff in die Selbstregulation. Dadurch kann eine Dysbalance in der Funktion entstehen.
Läuft die Phonation irgendwann weitgehend störungsfrei und selbstregulierend ab, wird sie von erhöhter Feinwahrnehmung ohne konkrete lokale Empfindungen geleitet. Dadurch dreht sich die mentale Hierarchie um von der „Programmierung“ zur Anwendung: Die Zielsetzung ist dann nicht die Wahrnehmung selbst, sondern die Aktion, die durch sie ermöglicht wird. Das ist das Ziel der funktionalen Ausbildung. Es gibt aber auch begnadete Naturbegabungen, denen die autonome Regulation der Stimmfunktion praktisch in die Wiege gelegt wurde. Bei ihnen war es nie nötig, sich die komplexen Empfindungen überhaupt bewusst zu machen aufgrund ihres Talents für körpergerechtes Singen. Wenn sie unterrichten, geben sie daher vor allem die Details weiter, die für die Optimierung ihres eigenen Könnens noch nötig waren. Oft sind diese Informationen sehr speziell und wenig geeignet, gerade Schülerinnen und Schülern, die noch am Anfang stehen, verlässlich grundsätzliche, allgemein gültige Informationen über die Vorgänge beim Singen zu vermitteln. Die Lernenden müssen dann mehr oder weniger eigenständig den Instinkt für das Singen entwickeln.
Je feiner die Wahrnehmung wird, desto präziser wird auch die Ausführung. Das, worauf man seine Feinwahrnehmung richtet, übernimmt die leitende Funktion. Das ist die Quelle der Entwicklung, aber auch die Quelle aller Fehler. Da Richtungen zu weisen, ist die Aufgabe der lehrenden Person.
Das ist eine sehr diffizile Aufgabe, denn externe Wahrnehmung und Beurteilung sind nicht leicht zu trennen. Die Lehrkraft muss selbst lernen, urteilsfrei wahrzunehmen und der körperlichen Intelligenz zu vertrauen, ihrer eigenen und der Intuition der Person, die vor ihr steht. Stimmen Vorstellung und Wahrnehmung nicht überein, ob bei der Lehrkraft oder bei den Lernenden, ist es das Gegebene, der Wahrnehmung, den sogenannten „somatischen Markern“ zu folgen. Von Eugen Rabine wurde dieser Ansatz als „funktionale Empathie“ bezeichnet. Bei der Phonation geht es dabei sogar fast immer um Mehrfachwahrnehmungen, ihre Differenzierung und das Wissen um ihre funktionalen Hierarchien.
Wahrnehmung hat dazu eine heilende Komponente, die sich sehr viele Heilverfahren zu Nutze machen: Eigenwahrnehmung und Schmerz schließen einander aus.
WIRBELSÄULE
Sie ist unser „Segelmast“, der für die Aufrichtung nötig ist. Ihre doppelte S-Form ist erst im Alter von sieben Jahren vollständig ausgebildet. Daher ist funktionales Singen erst ab diesem Alter möglich. Die Halswirbelsäule mit ihren sieben Halswirbeln ist maßgeblich mit an der Form des Resonators beteiligt, denn sie liegt genau dahinter. Sie reagiert daher direkt auf die Bewegungen der Rachenrückwand. Die Streckung der Wirbelsäule begünstigt und unterstützt darum die Kehlkopfsenkung.
Alle Bewegungen der Wirbelsäule sind miteinander verbunden, bedingen einander sogar, wie bei einer Schlange. Für das Singen bedeutet das: Wenn am oberen Ende der Wirbelsäule etwas nicht funktioniert, liegt die eigentliche Ursache nicht selten am unteren Ende, weil die sängerische Aufrichtung von unten nach oben stattfindet.
WISSEN
Wissenschaft ist subjektiv. Nur, was man denken kann, kann man auch untersuchen. Wenn das Interesse für etwas nicht da ist, weil nicht bekannt ist, dass es überhaupt existiert, wird auch nicht in diese Richtung geforscht.
Umgekehrt ist gerade in Bezug auf körperliche Tätigkeiten wie das Singen ein rein theoretisches Faktenwissen sinnlos, oft sogar kontraproduktiv. Eine ausschließlich intellektuelle Beschäftigung mit diesen Abläufen verhindert ja gerade, sie real im Augenblick wahrzunehmen. Nachdenken, Reflektieren über abstrakte Sachverhalte ist nicht gleichzeitig möglich mit bewusster körperlicher Empfindung. Wer sich selbst beim Kopfrechnen beobachtet, merkt, dass dabei sogar die Atmung ins Stocken gerät. Denn Konzentration steht in diametralem Gegensatz zur Kontemplation.
Eugen Rabine hat zu diesem Thema einiges zu sagen: „Wissen ohne Wahrnehmung bleibt intellektuelle Theorie und führt zu Selbstüberschätzung.“, „Wahrnehmung ohne Wissen führt zu Missverständnissen.“, oder „Wahrnehmung mit Wissen und Wissen mit Wahrnehmung zusammen führen zu Realität und Weisheit.“ (Renate Rabine, „Die theoretischen Werke von Eugen Rabine – vol. 1“, S. 6) Und zu guter Letzt: „Ohne Wissen gibt es keine wahre Intuition; ohne Intuition gibt es keinen Aufbau von Wissen.“ (Renata Parussel, „ Lieber Lehrer, lieber Schüler“, S. 9)
WÜNSCHEN
Das ist der Schlüssel zur vegetativen Steuerung, die den Gesangsreflex organisiert. Wünschen bedeutet Auftrag ohne Kontrolle über die Ausführung. Die Frage ist: Was wünsche ich mir zu erleben? Je präziser die Wunschvorstellung ist, desto präziser ist die Wunscherfüllung. Darum lautet die zweite Frage: Wo wünsche ich was wie zu erleben? Der Körper versucht immer, alle Wünsche in die Tat umzusetzen, auch die unterbewussten. Deshalb ist es sinnvoll, über die Körperfunktionen beim Singen so gut Bescheid zu wissen, dass man bewusst und auch unterbewusst körpergerechte Aufträge geben kann. Sonst kommt es zu Irritationen, weil das Gewünschte nicht effizient und ohne Kompensationsspannungen ausgeführt werden kann.
ZUNGE
Die Zunge ist neben ihren anderen evolutionären Aufgaben, nämlich dem Schutz der Luftwege und der Nahrungsaufnahme, vom ersten Lebenstag an ein Tastorgan. Von jeder Wahrnehmung kann sie aktiviert werden. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie vielfältige, unwillkürliche Bewegungen sie beim Essen und Trinken macht. Sie neigt dazu, sich dahin zu orientieren, wo Bewegung stattfindet, und sie passt sich stets der Raumgestaltung an. Dazu gehört auch das Nachspüren von Vibrationen, die von der stehenden Klangwelle während der Phonation erzeugt werden.
Die leitende Wahrnehmung für die Veränderung von Zungenpositionen beim Singen muss deshalb der entstehende Vokalklang sein. Ohne diese Rückmeldung über das Hören ist keine differenzierte Positionsänderung der Zunge möglich, denn dann ist sie orientierungslos. Der Versuch, ohne die entsprechenden akustischen Signale bestimmte Zungenstellungen willentlich anzusteuern, kann daher nicht gelingen.
Die Zunge ist am Kinn angewachsen und reicht abwärts bis zum flexibel beweglichen Zungenbein. Etwa zwei Fingerbreit darunter sind die Stimmlippen. Dieser Abstand bleibt immer etwa gleich bei allen sich ändernden Parametern.
Die Lendenwirbelsäule und die Zunge hängen unmittelbar zusammen: Erst wenn die Lendenwirbelsäule tonisiert ist, kann die Zunge differenziert arbeiten. Umgekehrt stabilisiert die Zunge die Aufrichtung mit, denn sie ist der Hauptgegenspieler zur Nackenmuskulatur.
Die Zunge ist immer in Bewegung und außerdem sehr flexibel beweglich. Daher kann man den vorderen, mittleren, hinteren und unteren Zungenbereich unabhängig voneinander ansteuern. Ein Hauptziel der funktionalen Stimmarbeit ist deshalb die Differenzierung der Wahrnehmung ihrer meistens unterbewussten Bewegungen.
In der Einatmung muss man der Zunge erlauben, sich zu bewegen, damit auch das Zungenbein reagieren kann. Nur dann wird eine vollständige Kehlkopfsenkung durch den ->Trachealzug möglich, der ganz am Ende der Einatmung die Zunge leicht mit abwärts zieht.
Für die sängerische Kieferöffnung zieht der untere vordere Muskelanteil die Zunge in Richtung Kinn, mit der flexiblen, nach unten gerichteten Spitze an der Innenseite der vorderen unteren Zahnwurzeln. Dabei wird sie schmal durch die ovale Formung der Mundöffnung und die Rundung der ->Constrictoren. Die leider missverständliche Aufforderung aus der Belcantoschule dazu ist: „Die Zunge soll vorne liegen.“ Gemeint ist höchstwahrscheinlich, dass die Zunge während der Klangerzeugung als vordere Vokaltraktmembran fungiert. Damit sie diese Funktion auch optimal erfüllen kann, muss der Zungengrund aktiv nach oben gedehnt werden können. Sie darf nicht „schlappmachen“.
Damit die Zunge nicht in den Rachen fällt, muss auch die Mundbodenmuskulatur tonisiert sein. Für Artikulation und Tonhöhenregelung bewegt sie sich vorne nach unten. Dafür ist eine noch größere Dehnung des Zungengrundes und Zungenrückens nötig, sonst wird durch den entstehenden Zug der Kehlkopf ausgelenkt.
Die Rachenrückwand leitet die Zungenbewegung: Sie rundet, und dadurch hebt sich im Mundraum das hintere Drittel des Zungenrückens. Der Zungengrund darunter bewegt sich waagrecht nach vorne. Je weiter vorne und tonisierter die Zunge ist, desto leichter funktioniert im Gegenzug die Rundung der Constrictoren.
Die alte italienische Schule spricht von „ng-Position“: Der Zungenrücken beschreibt einen Bogen, die mittleren Zungenränder berühren die oberen Backenzähne, und die Zungenspitze ruht an den unteren Schneidezähnen. Diese Stellung ist bis etwa zur Öffnungsweite des Vokals „ä“ möglich. Dazu muss die Zunge allerdings zu sehr differenzierter Bewegung fähig sein, denn eine zu hoch stehende Zunge verschließt die Rachenöffnung wieder. Wenn die Zunge dagegen zu breit wird, geht bei der Tonerzeugung das Gefühl für die tiefe Schwingung verloren.
Die Intensität der Zungenbewegung und -dehnung ist abhängig von der Größe der Kieferöffnung. Bei Zungenstellungen wie beim Sprechen mit geringer Öffnungsweite passiert es häufig, dass die tiefen Klanganteile nur unvollständig nach außen dringen, weil sie abgedämpft werden. Das verzerrt dann die Intonation für die Zuhörenden. Die singende Person hört aber über das Innenohr das ganze Klangspektrum, also die tatsächliche Intonation. Damit sind Missverständnisse vorprogrammiert.
Bei der Artikulation ist die Zungenspitze, der kleinste bewegte Muskel, dominant wirksam. Den größten Anteil an der Artikulationsbewegung hat die Mittelzunge. Der Zungengrund ist für die Änderung des Vokaltraktdurchmessers bei der Vokalbildung zuständig. Er kann die horizontal verlaufenden Tonhöhenveränderung unterstützen. Oft ist die Assoziation der Zungenposition mit der „Position des Tones“ unbewusst verknüpft: Liegt die Zunge hinten oder vorne, entsteht die Illusion, der Ton befinde sich „hinten“ oder „vorne“. Auch die Zungenform wird mit der „Form des Tones“ assoziiert: So existiert die Vorstellung eines „schlanken“ oder „dicken“ Tones.
Die Anweisung, schon den höchsten Ton der Phrase in die mentale Planung des Einsatzes einzubeziehen, ist daher ein unterbewusster „Auftrag“ an die Richtung der Zungenbewegung. Infolgedessen wird der Raum vorab für die Verstärkung dieses hohen Tones gestaltet anstatt für die des ersten Tones. Dass diese Vorgehensweise kontraproduktiv ist, versteht sich von selbst. Um der Gesangsfunktion entsprechend agieren zu können, braucht die Zunge immer den Bezug zu der gerade entstehenden Schwingungsempfindung.
Für die Zungenflexibilität sind hohe körperliche Koordinationsfähigkeit und große Flexibilität im Brustkorb absolut nötige Voraussetzungen. Alle primären Funktionen der Zunge sind mit der Atmung gekoppelt: Kauen und Schlucken sind verknüpft mit der Ausatmung, Würgen, Trinken und Saugen sind einatmungsgesteuert. Wenn zum Beispiel die Unterlippe im Saugreflex den Tonus erhöht, tut die Zunge das auch. Würde sie nach hinten fallen, würde das die Saugbewegung unmöglich machen.
Die Flexibilisierung der Muskelfasern der Zunge für die Bildung einer optimalen Vokaltraktform wird beim Singen von den Stimmlippen selbst geleitet, weil sie der raumerweiternden Schildknorpelkippung folgen und nach unten vorne flexibel nachgeben können muss. Sonst kann der Schildknorpel die Dehnungsposition nicht einnehmen.
Eine Haltung in der mittleren Zunge bewirkt die Fixierung des weichen Gaumens. Dadurch wird der Vokaltrakt kürzer, und die Resonanzverhältnisse verschlechtern sich. Das wieder zieht zu hohen Luftdruck nach sich. Je mehr Dehnung, Zug in der Zunge dagegen erlaubt wird, desto mehr Luftfluss und infolgedessen mehr Klang kann entstehen. Bei Haltungen in der Zunge und mangelnder Flexibilität überträgt sich außerdem die Vibratobewegung: Sie wackelt dann im Rhythmus des Vibratos.
Die Tonhöhenregelung verläuft ohne Zungenbeteiligung. Bei Tonhöhenveränderung nach unten tonisiert sie aber antagonistisch zur Massezunahme im Vocalis in die Gegenrichtung. Ein hoher Zungentonus erleichtert also die Masseankopplung.
Es ist wichtig, dass die Zunge auf beiden Seiten gleichmäßig agiert, sonst entstehen Störungen in der Funktion. Wird etwa der Kopf schief gehalten, gerät die Zunge in eine asymmetrische Position. Dann lenkt sie bei der Artikulation den Kehlkopf aus seiner horizontalen Lage aus, und die Stimmlippen schwingen nicht synchron. Oder der Zungengrund wird unterschiedlich gedehnt, so dass auf einer Seite zu viel Zungendruck entsteht. Daraus resultiert dann ein einseitiger „harter Knödel“.
Erst, wenn der Schutz der Luftwege gewährleistet ist aufgrund der funktionalen Klangerzeugung, kann sich die Zunge auch feinmotorisch neu organisieren. Denn evolutionär stehen die mittleren drei der fünf Sphinktere in den oberen Atemwegen im Zusammenhang mit Zungenbewegungen: Wenn der äußere Lippenring kollabiert, muss die Zunge ihre sängerisch günstige Position zugunsten ihrer Primärfunktion aufgeben und „einen Rückzieher machen“.
Je flexibler die Zunge im Verlauf der Ausbildung wird, je feiner ihre Bewegungen werden, desto weniger stört die Artikulation von Text die Stimmlippenschwingung.
ZWERCHFELL
Das Zwerchfell ist der primäre Einatmungsmuskel. Es ist, wie der Name schon sagt, ein quer („zwerch“) im oberen Bauchbereich verlaufender Muskel und etwa einen Zentimeter dick. Es trennt den Verdauungstrakt vollständig vom Atemtrakt und ist nahtlos mit der Lunge verbunden. Durch Kontraktion nach unten kann es einen Unterdruck im Lungengewebe erzeugen, das durch den Rippenkorb in seiner Form festgelegt ist. So wird ein Sog aufgebaut, der die Außenluft in die Lunge zieht.
Das Zwerchfell ist der einzige reine Atmungsmuskel Alle anderen an der Atmung beteiligten Muskeln sind primär für die Körperaufrichtung zuständig. Deshalb ist ein ständiger Ausgleich zwischen Aufrichtungs- und Atmungsaktivität nötig, nicht nur beim Singen: Eine gute Körperaufrichtung ist die Voraussetzung für eine effektive Atmung. Speziell die Zwerchfellschenkel, zwei Muskelfortsätze links und rechts an der Wirbelsäule auf Höhe des Beckenrandes, können nur dann kontrahieren, wenn durch eine stabile Aufrichtung ein antagonistischer Zug hergestellt wird.
Wie jeder Muskel ist das Zwerchfell zu nichts anderem fähig als zu kontrahieren oder zu entspannen. Durch seine Kontraktion kann man also nur einatmen, niemals aus.
Mit zunehmendem Alter besteht auch bei der Zwerchfellmuskulatur die Gefahr einer unbewussten Dauerkontraktion. Die Schwerkraft wirkt auf das Zwerchfell genauso wie auf die anderen inneren Organe. Da seine Kontraktion aber von oben nach unten verläuft und seine Entspannung entgegengesetzt von unten nach oben, kann es passieren, dass durch den Einfluss der Schwerkraft mit der Zeit keine vollständige Entspannung mehr eintritt. Verstärkend kann noch dazukommen, dass Gefühle wie Erschrecken oder Angst eine reflektorische Einatmungstendenz auslösen. Wird diese Gefühlslage chronisch, was infolge verschiedenster Lebensumstände sehr häufig der Fall ist, bleibt auch eine chronische Restkontraktion in der Einatmungsmuskulatur bestehen. Dann wird die Elastizität der Muskulatur nach und nach immer geringer und damit auch das Atemvolumen. In der Lunge bleibt dann etwas Restluft, und ein vollständiger Luftaustausch wird unmöglich. Dadurch wird das Bedürfnis ausgelöst, immer noch mehr einzuatmen.
Durch bewusste Aktivierung der Ausatmungsmuskulatur, vor allem der schrägen Bauchmuskeln, kann eine Lösung dieser Dauerkontraktion herbeigeführt werden, damit eine vollständige Einatmung wieder möglich wird. In diesem Zusammenhang, zu diesem Zweck können stoßweise Ausatmungsübungen durchaus sinnvoll sein. Sie trainieren jedoch nicht das Zwerchfell, sondern die schrägen Bauchmuskeln. Bei isolierter Anwendung entsteht auf diese Weise leicht ein Ungleichgewicht zwischen Ein- und Ausatmungsmuskeln. Weil gesundes Singen aber eine Einatmungsdominanz erfordert, ist es ratsam und sinnvoll, die Einatmungsmuskulatur zum Ausgleich durch spezifische Übungen noch stärker zu trainieren als die Ausatmungsmuskulatur.
Die Zwerchfellsenkung vollzieht sich in drei Etappen: Erst senkt sich die obere fasziale Platte. Danach hebt sich die Zwerchfellkuppe leicht nach oben. Gleichzeitig kontrahieren von der zehnten Rippe aufwärts die äußeren Anteile von außen nach innen. Darauf folgt die Kontraktion der Kuppel nach unten.
Die Zwerchfellkuppel kann sich auch unabhängig von der Atemtätigkeit senken, um Druck in Richtung Unterleib auszuüben. Wird eine Erweiterung der seitlichen Rippen mit Hilfe der schrägen Bauchmuskulatur verhindert, schiebt diese Bewegung die Bauchdecke nach außen. Leider wird dieser Vorgang oft mit echter Bauchatmung, der Ruheatmung verwechselt: Dabei hebt sich ganz ohne Bauchmuskelkontraktion der Bauch im Liegen, und die Ausatmung erfolgt allein durch Rückstellkräfte und die Schwerkraft, ohne zusätzliche Muskelarbeit. Der sehr geringe Luftaustausch reicht aus für die minimale Körperaktivität in Ruhe. Nur kleine Kinder, denen aufgrund der annähernd dreieckigen Form ihres Brustkorbs die Entfächerung der Rippen noch nicht möglich ist, atmen auch bei Aktivität in dieser Weise in den Bauch.
Die Zwerchfellsenkung agiert dominant vor der Rippenhebung und -erweiterung. Darum kann es passieren, dass die Zwerchfellschenkel bei einer großen Einatmung die Wirbelsäule ins Hohlkreuz ziehen. Für die Stabilität der Aufrichtung ist darum eine Gegenkontraktion der seitlichen Brustmuskulatur nötig.
Eine stärkere Tonisierung des Zwerchfells bewirkt das Gleiche beim Stimmmuskel. Die hinteren Zwerchfellanteile aktivieren dabei die Massefunktion, die vorderen die Dehnungsfunktion: Je größer der Sog durch Vokaltrakterweiterung ist, desto weiter hinten reagiert das Zwerchfell, denn zwei Drittel des Lungengewebes befinden sich im Rücken. Die öffnende Artikulationsbewegung entspricht der Vokalfolge „u-o-a“.
Zwerchfellbewegungen wirken etwa ab dem sechsten Lebensmonat ansteckend und lösen die Emotion aus, die das Gegenüber zeigt. Das gilt auch für den Gesang, der ja vom Ursprung her eine emotionale Kommunikationsform ist. Zusätzliche emotionale Ausdrucksmittel können also den authentischen Ausdruck eventuell auch überladen und als Doppelbotschaften irritierend auf die Zuhörenden wirken.
Die im funktionalen Gesang fortwirkende Einatmungstendenz, das ->„Inalare la voce“ bedeutet, die Zwerchfellaktivierung weiter zu verstärken, statt sie nach und nach erschlaffen zu lassen, wie das sonst bei exspiratorischen Körperaktivitäten der Fall ist. Auch die Emotionsebene wird fortlaufend davon aktiviert, weil sie ja direkt mit dem Zwerchfell verknüpft ist. So wird aus einer Körperfunktion Gesang.
EPILOG
Zu wissen, welche sängerischen Konzepte funktional sinnvoll sowie anatomisch, akustisch und neuronal begründbar sind und welche Kompensationen oder Vermeidungsstrategien sind, ist ein wichtiger Wegweiser. Um die eigenen Gewohnheiten und die der Schülerinnen und Schüler von der funktionalen Warte aus einordnen und entsprechende Wege und Teilziele verantwortungsvoll wählen zu können, ist es notwendig, die zielführenden Konzepte von denen unterscheiden zu können, die in die Irre leiten.
Dieses theoretische Wissen ersetzt aber in keiner Weise die praktische intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper und den eigenen Gewohnheiten und Glaubenssätzen. Da sich niemand von außen beobachten kann, da ein lernender Mensch zwar ein Gespür für gangbare Wege und gesunden Umgang mit der eigenen psychosomatischen Konstitution hat, aber weder eigene Erfahrungswerte im Hinblick auf eine realistische Zielsetzung und potentielle Möglichkeiten, die er selbst bisher nicht erlebt hat, noch Kenntnis von unbewussten Prägungen, Haltungen, Gewohnheiten, Strategien und Traumata, ist es ihm nicht möglich, eine reale Vision von dem Weg zu entwickeln, der ihn dorthin führen kann. Dazu kommt, dass die täglich ausgeübte Sprachgewohnheit mit der sängerischen Artikulation nur sehr eingeschränkt kompatibel ist, und bestimmte artikulatorische Bewegungsabläufe ganz neu erlernt werden müssen. Dafür ist es unbedingt notwendig, sich einer erfahrenen Lehrperson anzuvertrauen. Wer das nötige Fachwissen und die erforderlichen Fähigkeiten des funktionalen Hörens, Sehens und Fühlens entwickelt und Wege des Unterrichtens gelernt hat, kann im Unterricht sicher und ohne Umwege auf das angestrebte Resultat hinleiten, funktional gesund und lustvoll singen zu können bis ins hohe Alter.
INDEX DER ERKLÄRTEN BEGRIFFE
Aperto ma cuperto
Appoggiare la voce
Artikulation
Atmung
Aufrichtung
Ausdruck
Bauchmuskulatur
Belting
Bewegung
Bewusstsein
Bocca ridente
Canto fiorito
Canto sul fiato
Chiaroscuro
Colpo di petto
Constrictoren
Cuperto / la cupula
Decken
Dehnung
Dehnungsfunktion
Doppelventilfunktion
Dynamik / Lautstärke
Einsatz
Einschwingvorgang
Einsingen
Emotion
Falsett
Filare la voce
Formant
Gaumen
Gesangsreflex
Gestaltung
Glissando
Glottisschlag
Gola aperta
Höhe
Inalare la voce
Intonation
Kehlkopf
Kehlkopfsenkung
Klang
Klangfarbe
Knödel
Koloratur
Konsonanten
Legato
Ligament
Lippen
Luftwege / Luftdruckregelung
Lunge
Mangiare la voce
Markieren
Masse
Mediakompression
Messa di voce
Mezza voce
Mimikmuskulatur
Mischung
Mundöffnung / Kieferöffnung
Mundraum
Muskulatur
Nase
Öffnung
Ohr
Passaggio
Pfeifregister
Portamento
Randschwingung / Randstimme
Raum
Register
Registerdivergenz
Resonator / Resonanz
Rhythmus
Rippen
Rundung
Saugreflex
Schnute
Schreien
Schwa
Schwingung / Schwingungswahrnehmung
Segment
Sitz / Vordersitz
Sotto voce
Staccato
Stimmfach
Stimmlippen
Stumme Masse
Tiefe
Tonhöhenregelung
Tonus
Trachelazug
Tragfähigkeit
Übergang
Ventrikel / Vestibül
Vibrato
Vocal fry
Voce bianca
Vokal
Vokalausgleich
Vokalfarbe
Vokaltrakt
Wahrnehmung
Wirbelsäule
Wissen
Wünschen
Zunge
Zwerchfell
EUGEN RABINE UND SEIN FUNKTIONALES KONZEPT
Der Opernsänger Eugen Rabine wurde am 10. 11. 1940 in North Dakota in den USA geboren. Nach seinem Studium in den Fächern Gesang, Musikerziehung, Dirigieren, Theologie und Pädagogik arbeitete er zunächst als freier Sänger und Gesangslehrer sowie als Chor-, Band- und Orchesterleiter. Ab 1967 war er an verschiedenen Bühnen in den USA und in Europa als Opernsänger engagiert. 1976 beendete er die aktive Sängerlaufbahn auf eigenen Wunsch, um sich seiner Tätigkeit als Gesangspädagoge sowie der Entwicklung der funktionalen Theorie vollständig widmen zu können. 1979 bekam er einen Lehrauftrag für Gesang an der Universität in Gießen. 1980 wurde er an das Institut für Arbeitswissenschaft an der TU Darmstadt als Wissenschaftlichen Mitarbeiter berufen und übernahm die Co-Leitung eines interdisziplinären Teams zur Erforschung der Grundlagen der menschlichen Stimmfunktion unter der Leitung von Professor Dr. Walter Rohmert. Sein eigenes Rabine-Institut für funktionales Stimmtraining und funktionale Stimmpädagogik gründete er 1987. Er wurde 1988 Professor für Gesang an der Hochschule in Dresden und 1998 an der Hochschule in Weimar. Im Jahr 2018 ist Eugen Rabine verstorben.
Eugen Rabine war als unvergleichlich einfühlsamer Pädagoge und als unermüdlich forschender Wissenschaftler auf den Gebieten der menschlichen Anatomie in Bezug auf die Gesangsfunktion, der Akustik und der Neurologie ein wahrer Leuchtturm der Gesangslehre für das 20. Und 21. Jahrhundert. Sein ganzheitlicher Ansatz basiert auf der individuellen Feinwahrnehmung der subtilen Abläufe beim Singen. Nach seiner Lehre sind sämtliche für die Stimmfunktion relevanten körperlichen, neuronalen und psychischen Abläufe miteinander verbunden. Daher wirkt sich eine Differenzierung der Wahrnehmung immer positiv auf die gesamte Funktion aus, unabhängig davon, welches spezielle Detail gerade betrachtet wird. Diese Sichtweise erinnert an das Prinzip des Kaleidoskops: Jede kleinste Drehung verändert das Gesamtbild. Im Vergleich zur Wirkung ist der Aufwand minimal, der Vorgang äußerst effizient.
Die hierarchischen Strukturen zwischen den beteiligten Funktionen zu kennen, ist wichtig und nützlich für systematischen Unterricht. Dieses Wissen ersetzt aber nicht die individuelle Entwicklung eines feinen Gespürs für die momentanen Erfordernisse in Bezug auf die Stimme. Die außerordentliche Vielschichtigkeit der physischen und mentalen Abläufe kann nur durch ganzheitliche Wahrnehmung erkannt werden. Ihre Komplexität ist viel zu kleingliedrig für einen starren theoretischen Überbau. Eine schematisch auf alle anwendbare Methode kann es darum nicht geben.
Die ausgewählten Übungen sind bewusst logisch und schlicht aufgebaut. Keine komplizierten musikalischen Aufgaben sollen die neu entdeckten Empfindungen und den sensiblen Entwicklungsprozess überfrachten. Unterbewusste Bewegungsmuster können nur dann effektiv umprogrammiert werden, wenn keinerlei Assoziationen zu eingefahrenen Strategien geweckt werden. Denn bei der kleinsten Irritation greift das Gehirn sonst auf die gewohnte autonome Steuerung zurück, und der Lernerfolg wird zunichtegemacht. Die sängerische Öffnung der oberen Atemwege ist nur durch eine behutsame und langsame Vorgehensweise erreichbar. Die zugrundeliegenden funktionalen Bewegungsabläufe müssen dafür selbst erfahren, geduldig eingeübt und sukzessive automatisiert werden, um stabil angesteuert werden zu können.
Um seinen spezifischen Blickwinkel auf das funktionale Unterrichten zu beleuchten, lasse ich Eugen Rabine hier am besten selbst zu Wort kommen: „… Die funktionale Stimmpädagogik fordert einen Prozess der positiven Verstärkung. Das Lernen kann dabei als Weg (Erkenntnisprozess) beschrieben werden. Daraus folgt, dass wir bei jedem Entwicklungsschritt einen Prozess der Entdeckung und des Aufbaus der einzigartigen Stimme dieses Menschen als physischen Äußerung seiner Identität und seines Fortschritts folgen und gleichzeitig stets die universellen Gesetze der Physik, Physiologie und Psychologie berücksichtigen. Durch eine trainierte und sensibilisierte Wahrnehmung erlebt und vergleicht der Singende die momentanen physiologischen-akustischen Empfindungen mit seinem mentalen Konzept und seiner kommunikativen Absicht. Der daraus resultierende reflektorische Regelkreis zwischen Gehirn und Körper ist die Grundlage der Stimmkontrolle. So wie der Lehrer nach seinem Konzept lehrt, so singt der Sänger seinen Vorstellungen entsprechend, weil sein Bewusstsein, sein Körper und seine Gefühle eine Einheit sind.“ (Eugen Rabine, August 2001, aus Renata Parussel, „Lieber Lehrer, lieber Schüler“, S. 9 f.)
Seine Schüler führen in seinem Sinne sein Lebenswerk weiter. Auf den folgenden Websites sind weitere Informationen zu finden zum Thema Funktional Singen sowie zu Schulen und Lehrkräften, die nach seinen Erkenntnissen arbeiten:
www.rabine-institut.de; www.susanne-eisch.de; hilkea-knies.de
Für detailliertere Anleitungen zur funktionalen Vokal- und Konsonantenartikulation empfehle ich die praktischen Einheiten auf der Website von Susanne Eisch sowie in dem Buch „Lieber Lehrer, lieber Schüler“ von Renata Parussel.
Hier möchte ich nur einen kurzen Überblick darüber geben, welche Übungen im funktionalen Unterricht übereinstimmend bevorzugt verwendet werden. Die unten aufgeführten Übungssequenzen sollen ein vielseitig anwendbares Grundprinzip skizzieren. Sie stehen exemplarisch für eine Fülle an Variationsmöglichkeiten, je nach angestrebter Zielsetzung. Die tonalen Abfolgen, Vokalverbindungen und Varianten in Bezug auf die musikalische Artikulation werden dafür in sinnvoller Weise an die gerade anstehenden Lernschritte angepasst. Alle funktionalen Übungsabläufe sind vom Aufbau her nach logischen, in physischer und psychischer Hinsicht funktional begründbaren stimmtechnischen Aspekten ausgewählt. Ihre Kombinationen eignen sich für sämtliche unterschiedlichen pädagogischen Zielsetzungen.
Auch in Verbindung mit Konsonanten werden sie eingesetzt, aber sinnvollerweise erst zu einem späteren Zeitpunkt der Ausbildung. Im Unterschied zum Sprechen geht es beim Singen um die Optimierung der klangtragenden Vokale. Am Anfang wirkt Konsonantengebrauch meistens eher störend für den funktionalen Ablauf. Aufgrund der besonders im Deutschen vorherrschenden Dominanz von Konsonanten in der Sprache muss die Gesangsfunktion dafür schon so sicher abrufbar sein, dass sie beim Singen von Texten nicht mehr durch Konsonanten ausgehebelt werden kann. Sobald das gewährleistet ist, ist es möglich, sie in geeigneter Weise in die Gesangsübungen einzubauen, um ihre Bildung im Sinne der Gesangsfunktion zu optimieren.
ÜBEN UND UNTERRICHTEN
Aus funktionaler Sicht bedeutet singen Lernen und Üben das Programmieren neuer, erweiterter Anwendungen, das „Updaten“ von bestehenden Mustern, aber auch das Verbessern oder Löschen von bereits bestehenden, fehlerhaften oder ineffektiven Programmen und Gewohnheiten. Das kann sicher und effektiv nur eine Lehrperson mit Fachwissen und geübter Beobachtungsgabe leisten, die sich mit den komplexen Vorgängen der Gesangsfunktion auskennt, im besten Fall sogar selbst professionell im Sängerberuf unterwegs ist, und sich mit den Anforderungen dieser Berufssparte deshalb gut auskennt. Funktionales Hören, Sehen und Fühlen wird über Empathie gesteuert. Sie verstärkt sich durch Übung in der Selbstwahrnehmung und in der Wahrnehmung der Person, die vor einem steht. Jede Situation ist im Hinblick auf die Einzigartigkeit jedes Menschen, seine Prägungen, Gewohnheiten und Erfahrungen sowie seine Entwicklungsstufe und Tagesform unwiederholbar und daher nur durch wissendes Beobachten erkennbar.
Ein genetisch angelegter, selbstregulierender und selbstoptimierender Prozess muss eigentlich nicht geübt werden. Die Tonproduktion für den Prozess des Singens läuft bei Kindern aber noch anders ab als bei Erwachsenen, nämlich im Überdruckmodus. Das liegt an den anderen akustischen Verhältnissen und der nicht fertig ausgereiften Muskulatur im kindlichen Körper. Jeder erwachsene Mensch muss darum seine von Kindheit an gewohnte Singweise ändern und lernen, im Unterdruckmodus zu singen. Dafür gibt es heute fast keine Vorbilder mehr, so dass eine entsprechende Prägung über das Hören im frühen Kindesalter gewöhnlich nicht mehr stattfindet.
In der Popkultur wird das Singen im Überdruck, ohne Vibrato, ins Erwachsenenalter mit hinübergenommen. Die Hörgewohnheiten und die Hörerwartungen der meisten Menschen sind daher heute maßgeblich davon bestimmt. In früheren Generationen wurde oft auch Unterhaltungsmusik oder Volksmusik mit Vibrato gesungen. Das galt sogar teilweise für Laien. In anderen Ländern ist es partiell auch heute noch so. Der sprichwörtliche italienische Pizzabäcker ist ein bekanntes, typisches Beispiel dafür. Wie man anhand alter Tonaufnahmen aus der Zeit feststellen kann, hat sich diese Veränderung um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts vollzogen.
Eine Erklärung dafür könnte vielleicht sein, dass durch die Situation in dieser Zeit eine angstfreie und friedliche Atmosphäre in der Gesellschaft nur sehr eingeschränkt vorhanden war. Singen ist ein alle Bereiche öffnender Vorgang. Alle Schutzhaltungen müssen dazu aufgegeben werden. Die elementar wichtige Voraussetzung dafür ist darum das Gefühl von Sicherheit. Es braucht aber eine Entsprechung im sozialen Umfeld. Sind die Voraussetzungen also nicht günstig, liegt eine Klangerzeugung im Überdruck möglicherweise emotional näher. Auf der anderen Seite erzeugt und verstärkt gerade Singen im Menschen genau diese positiven Emotionen von Freude und Gelöstheit, im singenden selbst und auch in allen, die ihm zuhören.
In diesem Sinne hat auch Eugen Rabine unterrichtet: Seine Philosophie war es, durch die Kultivierung der öffnenden, gleichsam einladenden Komponenten beim Singen und die so entstehenden angenehmen Empfindungen und Emotionen, die nichts von Angst, Enge oder Aggressivität haben, in den Menschen den Zustand von innerem Frieden und Versöhnung zu verstärken. Für ihn war das ein ganz wesentliches Ziel von funktionalem Gesang und deshalb auch von funktionalem Gesangsunterricht.
Bei der sängerischen Tonproduktion sind die Zusammenhänge auf der körperlichen, neuronalen und psychischen Ebene äußerst komplex, und die Abläufe entsprechend störanfällig. Ein sehr feinfühliges Einwirken auf unterbewusst gewordene Prozesse ist nötig, um sie zu optimieren. In Anlehnung an die Feldenkraismethode bedeutet das die Beobachtung des Ist-Zustandes, ohne zu werten. Das gilt sowohl für lernende als auch für lehrende Menschen. In der Wahrnehmung des Zustandes im Augenblick ist die Unterscheidung von richtig und falsch nicht existent. Sie ist zentriert auf das „Positive“, das Seiende, statt auf den Mangel, das „Negative“, Nicht-Seiende.
Sehr wichtig sind Pausen während des Übens, damit sich das Gehirn das Erkannte einprägen kann. Gleichzeitig mit dem Speichern der motorischen Abläufe wird auch das emotionale Gedächtnis umprogrammiert.
Für das Unterrichten bedeutet das, zuerst mit positivem Blick einen Gesamteindruck von der Schülerin, dem Schüler zu gewinnen: Wie ist die momentane körperliche und mentale Verfassung, wo liegen im Augenblick die Interessen und Zielvorstellungen? Durch ausgewählte weiterführende Impulse können daraufhin Dinge neu verknüpft sowie Teilbereiche der inneren Konzepte verändert oder verfeinert werden.
Das geschieht am besten durch Lenkung der kinästhetischen Wahrnehmung seitens der Lehrkraft, statt über Vorsingen und darauffolgende Nachahmung. Sonst besteht die Gefahr, dass ihre Gewohnheiten unbewusst übernommen werden, anstatt dass sich die Gesangsfunktion selbstständig optimiert. Schülerinnen und Schüler könnten sich außerdem vom Klang der professionell ausgebildeten Stimme überfordert fühlen. Sie können naturgemäß noch nicht eins zu eins nachmachen, was sie hören, und in Versuchung kommen, den gehörten Klang auf für ihre stimmliche Entwicklung ungünstige Weise zu kopieren.
Da funktionales Singen ein hochenergetischer Vorgang ist, ist es sehr wichtig, beim Unterrichten die dafür nötige Energie als Lehrperson selbst körperlich und emotional bereitzustellen. So kann dieses Energielevel durch Empathie von einem zum anderen Menschen übergehen. Vielleicht könnte man es sogar so formulieren, dass die besondere mentale Energie von wertfreier Beobachtung das beobachtete Subjekt energetisiert. Dieses Phänomen im Zusammenhang mit der menschlichen Psyche wird für therapeutische Ziele ja in vielerlei Hinsicht genutzt. Beim Gesangsunterricht kann diese Verbindung die Kreativität beider Beteiligten intensivieren, denn die Tätigkeit des Singens ist eng mit der Intuition verknüpft. So entwickeln sich im besten Falle während des Unterrichts bei beiden neue Einfälle, Assoziationen und Konzepte.
Den funktionalen Unterricht bestimmt ein spiralförmiger Fortgang von groß nach klein: Erst muss man lernen, große Bewegungen wahrzunehmen, um danach in die Feinwahrnehmung gehen zu können. Diese Reihenfolge ist beim Lernen komplexer Bewegungsmuster die effektivste. Bestes Beispiel dafür ist die Kunst des Strickens.
Je differenzierter und klarer der zusammengesetzte Reflex der Phonation abläuft, desto leichter stellen sich Assoziationen zu anderen reflektorischen Abläufen ein, die damit verknüpft sind. Das ist ein Grund für die empirische Art des Unterrichtens, die die Gesangsschulen jahrhundertelang geprägt hat, und genauso für die assoziative Formulierung vieler Lehrsätze aus dem Belcanto. Oft ist sogar zu beobachten, dass sich je nach den individuellen Vorerfahrungen und Standpunkten die Assoziationen verschiedener professioneller Gesangslehrkräfte unterscheiden, ihre unbewussten Gesamtkonzepte aber mehr oder weniger übereinstimmen. Die Neurokopplungen, von denen sie hervorgerufen werden, können von verschiedenen Teilfunktionen des zusammengesetzten Reflexes aktiviert werden.
Wenn die Lehrkraft aber die auf solchen Assoziationen beruhenden Teilaspekte der Gesangsfunktion ungefiltert weitergibt und dazu vielleicht auch allgemeine oder ungenaue Bilder verwendet, kann das unter Umständen zu Missverständnissen im Unterricht führen, die den Lernprozess in falsche Richtungen lenken. Besonders im Anfangsstadium der Ausbildung sind die Abläufe beim Singen ja oft noch störanfällig.
Ein Beispiel ist die Assoziation zum Gähnen: Die intensive Rundung der Constrictoren und die gleichzeitige Aktivierung des inneren Lippenrings kann beim Singen die Empfindung auslösen, die dadurch erreichte Stabilität und Weite im Mund- und Rachenraum sei die gleiche wie beim Gähnen. Es gibt aber einen grundlegenden Unterschied in den Bewegungsmustern: Beim Gähnen drückt der hintere Teil der Zunge den Unterkiefer nach unten und verschließt so teilweise den Vokaltrakt, beim Singen kontrahiert er eher vertikal und gibt ihn damit frei.
Ein anderes Beispiel ist die Nasenatmung: Der Beginn der sängerischen Einatmung ist die Bereitstellung des oberen Riechweges. Im Verlauf der Öffnungsbewegung wird die Nase aber reflektorisch von innen durch die Gaumenhebung geschlossen. Wenn das Hauptaugenmerk der Lehrkraft auf dem ersten Abschnitt liegt ohne ausreichende Beachtung des zweiten, kann das bei den Lernenden zu der falschen Annahme führen, die optimale sängerische Einatmung sei Nasenatmung. Das zeigt, wie wichtig es für das Unterrichten ist, die funktionalen Abläufe genau zu kennen.
Eugen Rabine hat für den funktionalen Unterricht einen speziellen Ablauf eingeführt: Die lehrende Person stellt an die lernende eine auf eine Wahrnehmung bezogene Frage, und im direkten Anschluss daran folgt eine Gesangsübung. Die Antwort wird erst nach der gesungenen Sequenz formuliert. Die Frage an sich entwickelt eine suggestive Wirkung, ganz ohne lenkende Anweisungen seitens der Lehrkraft. Der Körper der Schülerin oder des Schülers, beantwortet sie unwillkürlich mit seiner veränderten Reaktion, ohne dass der analytische Verstand eingreift. Würde man die Frage vor dem Singen der Übung aus der Vorerfahrung heraus beantworten, müsste man zuerst darüber nachdenken. Dadurch würden aber andere, rational arbeitende Hirnareale angeregt. Dann könnte die Antwort durch ungenaue oder fehlerhafte Erinnerungen und Überzeugungen oder durch frühere, nicht zielführende Strategien und darauf aufbauende bewusste Vorsätze verfälscht werden.
Das Formulieren einer Antwort mit eigenen Worten nach der Erfahrung des Singens ist sehr wichtig für den Lernprozess und wesentlich effektiver, als es durch von der Lehrkraft vorformulierte Worte nur zu hören. So wird das, was man erlebt hat, noch bewusster und kann daraufhin in der Erinnerung abgespeichert werden. Außerdem wird so ein Raum geöffnet für eigene Assoziationen. Das ermöglicht der Lehrkraft eine direkte Kommunikation über die individuelle Feinwahrnehmung und auch die Schlüsse, die die Lernenden daraus ziehen. Aufgrund der von Mensch zu Mensch unterschiedlichen Synästhesie werden durch die Beschäftigung mit den subtilen Empfindungen beim Singen bei jedem Einzelnen individuelle Marker gesetzt, die das Wahrgenommene codieren und dadurch für später abrufbar machen.
Im Anschluss daran ist es wichtig, die erkannten neuen oder wiederentdeckten und verbesserten Bewegungsabläufe auch muskulär einzutrainieren.
Sowohl der Tonus als auch die Aktivität beinahe der gesamten Muskulatur sind beim funktionalen Singen außergewöhnlich hoch, die dabei ablaufenden Bewegungen aber äußerst subtil und nuanciert. Um beides zusammen leisten zu können, ist in den daran beteiligten Muskelgruppen eine extrem hohe Spannkraft und Elastizität nötig: Nur ein wirklich starker Muskel ist auf die Dauer fähig zu der dafür erforderlichen Differenzierung seiner Bewegungen. Deshalb muss die Fähigkeit, funktional gesund und effizient zu singen, trainiert werden wie eine Hochleistungssportart.
TRANSFER IN DIE LITERATUR
Die Funktion des Singens ist von Natur aus im Körper angelegt. Die Primärfunktionen der daran beteiligten Körperbereiche werden in dieser speziellen Weise nur für die Phonation variiert und zusammengesetzt. Gesangsunterricht kann man darum eher mit dem Bau eines Instruments vergleichen als mit dem Erlernen einer bestimmten Spieltechnik oder der künstlerischen Ausbildung, deren Ziel die Interpretation von Musikwerken ist. In welcher Weise sich die Ausführenden zu diesen Zwecken der einzelnen Faktoren bedienen, um damit „Musik zu machen“, ist ein zweiter Schritt, der nur bedingt mit dem ersten zu tun hat. Eigentlich müsste es sogar verschieden ausgebildete Lehrkräfte für die Sparten Gesangsausbildung sowie künstlerische, interpretatorisch-stilistische und auch musikhistorische Ausbildung geben. Die dafür nötigen Wissensgebiete unterscheiden sich grundlegend voneinander und sind bei Gesangslehrkräften bislang auch nur relativ selten gemeinsam anzutreffen. Für die Sängerin, den Sänger ist ein gelingender Transfer vom „Programm“ für funktionale Tonerzeugung, das im Unterricht erfahren und optimiert worden ist, zur Ausübung der Kunst des Singens aber elementar wichtig.
Um verschiedene Musikstile adäquat und aufführungspraktisch stimmig anbieten zu können, muss die jeweilige Art zu singen teilweise stark modifiziert werden. Dabei ist es leider oft unvermeidlich, dass zugunsten der Werktreue und der Umsetzung von bestimmten klanglichen oder künstlerischen Vorstellungen Abstriche gemacht werden müssen im Bereich der gesunden Phonation. Besonders die Interpretation von spätromantischer und zeitgenössischer Musik, bei der der Orchesterapparat oft außergewöhnlich groß ist, oder die klanglichen Erwartungen an die Singstimme stark von den Möglichkeiten einer gesunden Stimmbehandlung abweichen, erfordert oft grenzwertige Kompromisse.
Das ist sicher ein Grund für die unter Gesangslehrkräften verbreitete Ausrichtung auf Sitztechniken für den Unterricht. Sie verstärken vor allem die Frequenzen von 2000-4000 Hz, die im Gehirn ein Alarmsignal auslösen, weil sie auch beim Schreien erzeugt werden. Sie stimmen mit der Eigenresonanz des menschlichen Außenohrkanals überein und sind so besonders gut wahrnehmbar. Aus diesem evolutionär bedingten Grund „kommen solche Klänge über das Orchester“. Das Ziel ist, sich trotz der auch durch die Entwicklungen im Instrumentenbau für die menschliche Stimme viel ungünstiger gewordenen Umstände auf der Bühne bemerkbar zu machen, Gehör zu verschaffen. Die sogenannte „Durchschlagskraft“ der Sängerstimme ist zu einem entscheidenden Faktor geworden, mit dem eine Karriere steht und fällt.
Umso wichtiger ist es, einen möglichst nachhaltigen Umgang mit den eigenen stimmlichen Ressourcen zu pflegen. Zum Glück stellen geringfügige Abweichungen von einer optimalen Stimmbehandlung jedoch kein grundsätzliches Problem dar, solange die Gesangsfunktion dabei der stabil leitende Parameter bleibt. Zum Vergleich: Auch beim professionellen Tanz und im Ballett ist eine der körperlichen Funktionsweise entsprechende, gesunde und nachhaltige Technik von größter Wichtigkeit. Trotzdem kommt es auch da oft zu unfunktionalen, asymmetrischen Belastungen. Durch die gut trainierte Muskulatur ist der Körper aber imstande, sie abzufedern und sich wieder vollständig zu regenerieren, wenn ihm genügend Pausen gewährt werden. Auch beim professionellen Singen ist es bis zu einem gewissen Grad möglich, die Anforderungen, die die Interpretation stellt, in geeigneter Weise körpergerecht zu „übersetzen“, um eine möglichst große Annäherung an die funktionale Zielsetzung zu erreichen. Es ist eine der Aufgaben von praxisnahem funktionalem Unterricht, das anzuleiten,.
Eugen Rabine, selbst neun Jahre lang praktizierender Opernsänger auf diversen Bühnen in den USA und in Europa, war auch in dieser Hinsicht ein sehr erfahrener und pragmatischer Lehrer und Ratgeber. Zwar war sein Unterricht ausgerichtet auf die „Neu- und Umprogrammierung“ der sängerischen Strategien, die er bei seinen Schülerinnen und Schülern vorfand, denn das war für ihn die primäre Aufgabe von Gesangspädagogik. Künstlerische und bühnentechnische Aspekte waren ihm aber natürlich trotzdem vertraut aufgrund seiner beruflichen Laufbahn. Daher hatte er immer im Blick, dass das Hauptziel der Entwicklung von funktionalem Singen bei angehenden Sängerpersönlichkeiten eine langjährige professionelle Ausübung des Sängerberufs bei durchgehender stimmlicher Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist. In Bezug auf die Vorgehensweise beim Unterrichten vertrat er allerdings die Ansicht, dass vor allem von funktional arbeitenden Lehrkräften „viel Wissen verlangt wird, das außerhalb der musikalischen Gesangsnotenwelt liegt.“ (Renate Rabine, „Die theoretischen Werke von Eugen Rabine - vol.1“, S. 118)
Sind die Grundlagen für die spezielle sängerische Artikulation gelegt, bietet sich aus rein funktionaler Sicht eine ganz bestimmte Vorgehensweise an, um ein Stück zu erarbeiten. In der Unterrichtspraxis ist es sicher eher realisierbar, situationsbezogen funktionale Details in die Literaturarbeit einzuflechten, besonders bei der Arbeit mit Studierenden, die schon im Beruf unterwegs sind.
Trotzdem möchte ich im Folgenden exemplarisch einen detaillierten Ablauf für den Transfer des funktionalen Gesangskonzeptes in ein Musikstück mit Text beschreiben, gewissermaßen als Gerüst, an dem man sich gegebenenfalls orientieren kann:
Zu Beginn wird die Melodie auf einem bequemen Vokal gesungen, vorzugsweise auf offenem „o“, oder auf zwei wechselnden Vokalen, zum Beispiel dunklem „a“ und offenem „o“. Das erhöht die Flexibilität und beugt starren Artikulationshaltungen vor. Im nächsten Schritt ist es wichtig, sich die klingenden Vokale des Textes bewusst zu machen. Sie stimmen sehr oft nicht mit den geschriebenen Vokalen überein.
Diese Vokalfolge kann dann auf einem Ton bzw. auf zwei Tönen im lockeren Wechsel gesungen werden. Daraufhin werden Melodie und Vokalfolgen zusammengefügt.
Um die Konsonanten in der gewünschten Feinheit und Präzision zu erkennen, kann danach beispielsweise der vollständige Text präzise flüsternd gesprochen werden, mit möglichst wenig Luftdruck, am besten sogar während einer Einatmung. Das löst nämlich ein öffnendes Programm der Mundraumgestaltung aus, was dann dominant vor der schließenden Konsonantenbildung wirkt. Man bleibt „auf dem Körper“.
Die sängerische Konsonantenartikulation von der Sprachgewohnheit abzugrenzen ist ein komplexes Unterfangen, das im funktionalen Unterricht normalerweise erst dann in Angriff genommen wird, wenn die Funktion schon stabil verfügbar ist.
Im letzten Schritt fügt man die Konsonanten zum Stück dazu, ohne dadurch die stehende Klangwelle im Rachenraum zu stören. Der Kiefer muss für die Bildung der meisten Konsonanten geschlossen werden. Das bedeutet aber, dass der Kehlkopf dann zu hoch steht für eine gesunde funktionale Tonerzeugung. Deshalb werden Klinger immer ungefähr auf Sprachtonhöhe artikuliert, denn für ihre Bildung ist Stimmlippenschwingung nötig. Damit der Übergang zum gesungenen Vokal jedoch unhörbar abläuft, stellt man sich dafür am besten einen Oktav- oder Quintsprung vor. Diese Intervalle stehen in den größtmöglichen ganzzahligen Verhältnissen zur angestrebten Tonhöhe. Das erleichtert den Stimmlippen den gedachten Tonsprung. Auch ein echter Tonsprung wird ja nicht willentlich angesteuert, sondern über die Tonvorstellung unwillkürlich ausgeführt. Dafür ist allerdings einige Übung nötig.
Ist während des Stücks ein Nachatmen nötig, so geschieht das im Idealfall sehr schnell, effektiv, mühelos und geräuschlos. Die dauernd vorhandene Dominanz der Einatmungsmuskeln löst augenblicklich eine Einatmungsbewegung aus, sobald die Ausatmungsaktivität endet. Die reflektorische Öffnung der Stimmlippen im Moment der Beendigung der Schwingung sowie die optimierte Raumgestaltung durch die vorausgegangene Phonation beseitigen alle Widerstände in den Atemwegen. Diese sängerische Nachatmung führt dann genauso effektiv und mühelos zum nächsten Toneinsatz durch die Selbstschließung der Stimmlippen.
Anders ausgedrückt, der Modus des dunktionalen Singens wird das ganze Stück hindurch beibehalten und erst nach dem letzten Ton beendet.
ERSTE HILFE UND FORTBILDUNGSANGEBOTE
Nachdem Singen ein ganzkörperlicher Vorgang ist, der durch eine spezielle Nutzung der körperlichen Ressourcen und Gegebenheiten erzeugt wird, können die einzelnen Bereiche auch im alltäglichen Leben erkannt und trainiert werden. Das geschieht vor allem durch Selbstbeobachtung und die Verfeinerung der Selbstwahrnehmung bei reflektorischen Handlungen im Alltag.
Es gibt einatmungsdominant und ausatmungsdominant gesteuerte Muskelaktionen, anders ausgedrückt „hin zu...“ oder „weg von...“ gerichtet: Schnuppern ist mit der Einatmung verknüpft, Hecheln dagegen mit der Ausatmung. Ein gutes Beispiel ist auch die Atemtendenz beim Schieben (Trizeps) und genüsslichen Räkeln (ebenfalls Trizeps): Beide Bewegungen laufen ja in die gleiche Richtung ab, aber sie sind mit unterschiedlichen Atempräferenzen verschaltet. Beim Wegschieben, auch beim sich von etwas Wegschieben, wird die Ausatmung aktiviert, der Stimmlippenschluss durch Überdruck und auch eine Verengung des Rumpfes. Das sich Ausstrecken nach etwas, das Räkeln, stimuliert dagegen die Einatmung, den Stimmlippenschluss durch Sog und eine Erweiterung des Rumpfes.
Ähnliche Beobachtungen kann man machen beim Kauen bzw. Schlucken versus Trinken bzw. Schlucken, Husten versus Niesen und Pressen versus Würgen. Die reflektorischen Abläufe beim Schluckauf und Gähnen sind einatmungsdominant, aber durch ihren jeweiligen Zweck nicht eins zu eins auf das Singen übertragbar.
Auch Emotionen lösen entweder den Einatmungs- oder den Ausatmungsreiz aus: Freude, Erstaunen, Wohlgefühl lässt uns ein- bzw. aufatmen, („oh!“, „ah!“), die Stimmritze öffnet sich. Bei Angst, Zorn und Ekel atmen wir aus, verschließen uns, („iiih, eklig...!“), und verengen die Stimmritze. Bei Kummer sinkt der Körpertonus, und die Atmung flacht sich ab oder stockt fast.
Es ist also möglich, die aufrichtende, tonisierende und öffnende Muskulatur gezielt wahrzunehmen und damit auch zu trainieren: Strecken oder Stretching kann auch im „Räkelmodus“ mit Wohlgefühl und Einatmungstendenz ausgeführt werden statt im Schiebemodus. Beim Aufrichten aus der Hocke, Treppensteigen und Bergsteigen, sogar beim Gehen kann bewusst der Schub aus den Waden genutzt werden. Diese Muskulatur besitzt nur der Mensch. Ohne sie wäre aufrechter Stand und Gang nicht möglich. Auch das kann als Räkeln wahrgenommen werden statt als Schieben.
Es gibt auch besonders geeignete Sportarten, die die sängerische Muskulatur stärken: Das sind vor allem Klettern, Klimmzüge, Hanteltraining, Kniebeugen, schnelles Gehen, Bergsteigen, Reiten, Radfahren und ganz besonders Schwimmen. Aufgrund der Tatsache, dass gerade diese Bewegungsform im Wasser vermutlich maßgeblich mit beteiligt war an der Entwicklung der Gesangsfunktion, ist sie auch besonders förderlich für ein entsprechendes ganzkörperliches Training. Speziell das Brustschwimmen eignet sich durch das kräftige Vorwärtsstoßen mithilfe der Beine im Wechsel mit dem Heranziehen der Hände zum Oberkörper gegen den Widerstand des Wassers ganz hervorragend dafür: Die typische stoßweise, vom umgebenden Wasserdruck unterstützte Ausatmung, die gleichzeitig mit der Beinarbeit erfolgt, und die schnelle, kraftvolle Einatmung in den sich krümmenden Rücken während des Zuges mit den Armen bilden ein äußerst effizientes Training für die Atemmuskeln und fördert zudem deren Elastizität.
Ungeeignet als Sport sind Situps, denn dadurch werden die schrägen Bauchmuskeln trainiert, die primären Ausatmungsmuskeln. Gewichtheben über die Schulterebene hinaus ist ebenfalls kontraproduktiv, weil es nur im Überdruckmodus möglich ist.
Zu wissen, welche sängerischen Konzepte funktional sinnvoll und auch anatomisch, akustisch und neuronal begründbar sind, und welche aus Kompensationen oder Vermeidungsstrategien entstanden sind, kann als wichtiger Wegweiser dienen. Um die eigenen Gewohnheiten von der funktionalen Warte aus einordnen zu können und daraufhin verantwortungsvoll geeignete weiterführende Schritte zu wählen, ist es unerlässlich, funktional sinnvolle Konzepte von denen unterscheiden zu lernen, die in die Irre leiten. Rein theoretisches Wissen kann aber eine intensive praktische Beschäftigung mit dem eigenen Körper, mit Gewohnheiten und Glaubenssätzen nicht ersetzen.
Ein lernender Mensch hat zwar bis zu einem gewissen Grad ein Gespür für gangbare Wege und auch für einen gesunden Umgang mit der eigenen psychosomatischen Konstitution, verfügt aber noch nicht über Erfahrungswerte im Hinblick auf eine realistische Zielsetzung und seine eigenen potentiellen Möglichkeiten, weil er selbst bisher ja nichts Entsprechendes erlebt hat. Es hat auch niemand Kenntnis von den eigenen unbewussten und unterbewussten Prägungen, Haltungen, Gewohnheiten, Strategien und Traumata. Darum ist es nicht möglich, selbstständig eine reale Vision von dem Weg zu entwickeln, der zu einer funktional gesunden Stimmbehandlung führen kann. Dazu kommt, dass die täglich ausgeübte Sprachgewohnheit mit der sängerischen Artikulation nur sehr eingeschränkt kompatibel ist, und bestimmte artikulatorische Bewegungsabläufe ganz neu erlernt werden müssen.
Um für sich selbst und den persönlichen Entwicklungsstand gezielte Körperübungen zum funktionalen Singen zu erhalten, ist es daher am besten, Unterricht bei einer funktional ausgebildeten Lehrkraft zu nehmen. Auf der Website des Rabine-Instituts sind die Namen von zahlreichen professionell ausgebildeten Gesangslehrkräften zu finden, ebenso auf der Website von Susanne Eisch.
Für Informationen zur Umsetzung des funktionalen Ansatzes und grundsätzliche Übungen, effektive Vorbereitung für Einzelunterricht, als Trainingssequenzen, oder auch für Chorleitende zur chorischen Stimmbildung, verweise ich auf die ausführlich erklärten Stimmbildungseinheiten im Potential Oriented Vocal Training (POVT): www.susanne-eisch.de und auf die Website https://www.hilkea-knies.de
Die Beschreibungen von ein paar sehr effektiven und zielführenden Körperübungen aus dem Grundlagenkurs der POVT-Seite möchte ich hier gerne wiedergeben:
1 Stimme als Instrument
Wir beginnen mit einem ersten Überblick über unser stimmliches Instrument. Von Kopf bis Fuß erfahren wir die Zusammenhänge zwischen unserem Körper und unserem Singen und erleben, wie wir durch einfache Übungen für mehr Klang, Leichtigkeit und Stimmgenuss sorgen können.
2 Einfach erweitert – Armhebung
Wir massieren sanft und diagonal unseren schrägen Bauchmuskel und erleben, wie wir so eine mühelose und widerstandslose Brustkorberweiterung fördern und Einatmung erleichtern können. Wir werden uns unserer schrägen Bauchmuskeln bewusst und vertiefen unsere Wahrnehmung für einen vollständigen Einatmungsablauf.
3 Hoch das Bein
Durch zentrale Funktionsketten ist unsere Einatmung mit unserem Oberschenkel verbunden. In dieser Einheit erleben wir, wie wir durch das Anheben des Beines unsere Atmung positiv beeinflussen und für einen deutlichen Klangzuwachs innerhalb unserer Stimme sorgen können.
4 Geneigt – geatmet
In dieser Übung flexiblisieren wir zentrale Muskelgruppen im Bereich des Nackens, Schultergürtels und der Bauchmuskulatur und sorgen so für eine differenzierte Beweglichkeit unserer Atmungsmukulatur. Die Einatmungsaktivität wird größer und müheloser und unsere Stimme reagiert darauf mit mehr Volumen und Klang.
5 Gebeugt – geatmet
Zentrale Teile unserer Einatmungsmuskulatur liegen auf unserer Körperrückseite. Gleichzeitig sind wichtige Teile unserer Körperaufrichtungsmuskulatur auch dafür verantwortlich, dass wir effizient und vollständig einatmen können. Wir erleben das differenzierte Zusammenspiel zwischen Aufrichtung und Einatmung genießen die positiven Auswirkungen auf unser Singen.
6 Sanft zum Raum – Kieferöffnung
Wie wir den Kiefer für die Einatmung öffnen, beeinflusst grundlegend die Gestaltung unserer oberen Luftwege. Diese sind wiederum die Voraussetzung für einen offen schwingenden Raum. Allzu häufig wird eine einfache Kieferöffnung durch starke Muskel(ver)spannungen verhindert. Mit sanften Massagen lösen wir hartnäckige Widerstände in unserer Kiefer- und Mimikmuskulatur. So kommen wir zu einer großen, schnellen Einatmung und erleben einen frei schwingenden Klang.
7 Artikulation klingt 1
Artikulation ist ein wichtiger Aspekt für unsere Textverständlichkeit beim Singen – aber auch für unseren Klang. Die Gestaltung unseres Klang-Raumes wird wesentlich von unserer Artikulationsbewegung beeinflusst. In dieser Einheit beschäftigen wir uns mit den Vokalen „a-o-u“ und erleben Lippenrundung als Weg zu einem vollständigen und runden Klangerlebnis.
8 Artikulation klingt 2
Wir erforschen weiter die Artikulationsbewegungen und erleben eine differenzierte Zungenbewegung bei den Vokalen „a“, „ä“, „e“ und „i“. So sind Klangverstärkung und Textverständlichkeit nicht länger ein Widerspruch.
9 Was schwingt wo?
Diese grundlegende Übung klärt die unterschiedlichen Schwingungsebenen in unserem sängerischen Instrument. Wir erleben, dass wir gleichzeitig die Schwingung der Stimmlippen und die Schwingungen in unserem Vokaltrakt wahrnehmen können. Und dass diese Schwingungswahrnehmungen uns zu einer vollständigen Klangverstärkung und differenzierten Artikulation leiten können.
Diese Übungen werden in dem Buch „Be vocal“ aus dem Jahr 2024 von Susanne Eisch detailliert beschrieben und erklärt, genauso in dem dazugehörigen gleichnamigen Übungsheft. Beides kann ich für eine eingehendere praktische Beschäftigung mit funktionaler Stimmentfaltung sehr empfehlen.
Es ist auch möglich, eine Ausbildung zur Lehrkraft für funktionales Singen zu machen. Das Rabine-Institut (https://rabine-institut.de) unter der Leitung von Uwe Götz bietet dazu Lehrgänge an. Auch die POVT-Kurse bei Susanne Eisch mit diesem Ziel sind in diesem Zusammenhang empfehlenswert.
SÄNGERISCHE REDEWENDUNGEN UND IHRE FUNKTIONALE ZUORDNUNG
ATMUNG / AUFRICHTUNG:
Auf dem Atem -> Canto sul fiato
Auf dem Körper -> Aufrichtung
In den Bauch / Beckenboden atmen -> Atmung, Zwerchfell
Nachächzen -> Mediakompression
Stütze / Überstützen -> Bauchmuskulatur, Doppelventilfunktion, Inalare la voce
EINSATZ:
Ansatz -> Sitz / Vordersitz
Freier Ansatz -> Einsatz
Von oben / von unten -> Doppelventilfunktion
KLANGFARBEN:
Dunkel / hell -> Chiaroscuro
Durchschlagskraft -> Mediakompression
Eng / gepresst -> Kehlkopfsenkung, Zunge
Gaumig -> Gaumen
Hauchig -> Mediakompression
Klangkern -> Mediakompression
Körperklang -> Register
Nasenresonanz -> Nase
Maske -> Sitz / Vordersitz
Metall / Strahlkraft -> Formant, Mediakompression, Sitz / Vordersitz
Rund / spitz / flach -> Mundöffnung / Kieferöffnung, Kehlkopfsenkung, Zunge
Weich / hart -> Doppelventilfunktion, Formant, Mediakompression
MIMIK:
Bäckchen -> Bocca ridente
Breitspannung -> Bocca ridente
Freudiges Staunen -> Bocca ridente, Saugreflex
Schnute -> Mundöffnung / Kieferöffnung
PHONATION:
Den Ton halten -> Legato
Den Ton trinken -> Inalare la voce
Es singt -> Gesangsreflex
Glottisschlag -> Einsatz
Kopfigkeit, Kopfton -> Dehnungsfunktion, Schwingung / Schwingungswahrnehmung
Schieben -> Bauchmuskulatur, Doppelventilfunktion
Vorne singen -> Artikulation, Sitz / Vordersitz
REGISTER:
Mittelstimme -> Register, Mezza voce
Randstimme -> Randschwingung / Randstimme, Register
Schnarrregister, Strohbass -> Register, Vocal Fry
Verstärktes, gestütztes Falsett -> Doppelventilfunktion
Voix mixte -> Register
SPRACHBEHANDLUNG:
Offen Singen -> Aperto ma cuperto, Mundöffnung / Kieferöffnung, Öffnung, Zunge
Parlando -> Ausdruck, Gesangsreflex, Konsonanten
Textdeutlichkeit -> Artikulation, Ausdruck, Konsonanten, Vokal
Vokalausgleich -> Formant, Vokalausgleich, Vokal
VOKALTRAKT:
Abdunkeln -> Chiaroscuro, Rundunge, Zunge
Ansatzrohr -> Vokaltrakt
Dämpfen -> Aperto ma cuperto, Cuperto
Decken -> Aperto ma cuperto, Cuperto
Gähnweite, Gähnstellung -> Dehnung, Dehnungsfunktion, Gaumen,
Mundöffnung / Kieferöffnung, Mundraum, Öffnung
Hinter der Nase -> Gaumen, Schwingung / Schwingungswahrnehmung,
Sitz / Vordersitz
In den Unterkiefer singen -> Aperto ma cuperto, Mundöffnung / Kieferöffnung
Knödel -> Knödel, Zunge
Staunen -> Mundöffnung / Kieferöffnung, Inalare la voce, Vokal
Summen -> Kehlkopfsenkung, Mundöffnung / Kieferöffnung
Verbrustetes Singen -> Kehlkopfsenkung
ANDERE GESANGSTECHNIKEN IM FUNKTIONALEN BLICKWINKEL
Atemtypenlehre Solar-Lunar (Terlusollogie): Atmung, Doppelventilfunktion, Inalare la voce, Luftwege / Luftdruckregelung, Trachealzug
Complete Vocal Technique (CVT): Appoggiare la voce, Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Kehlkopfsenkung, Mediakompression, Mundöffnung / Kieferöffnung, Saugreflex, Vibrato
Estill Voice Training (EVT): Atmung, Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Inalare la voce, Luftwege / Luftdruckregelung, Mundöffnung / Kieferöffnung, Trachealzug
Gesangsmethode nach Christian Halseband: Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Inalare la voce, Kehlkopfsenkung
Diagnostik und Pädagogik der Stimmbildung von Otto Iro: Atmung, Appoggiare la voce, Doppelventilfunktion, Höhe, Luftwege / Luftdruckregelung, Massefunktion, Mundöffnung / Kieferöffnung, Randschwingung / Randstimme, Register, Registerdivergenz, Rundung, Segment, Tiefe, Übergang, Vibrato
Schwedisch-italienische Gesangstechnik nach David L. Jones: Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Inalare la voce, Kehlkopfsenkung
Laxvox: Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Inalare la voce, Mundöffnung / Kieferöffnung
Lichtenbergermethode (Gisela und Walter Rohmert): Chiaroscuro, Einsatz, Formant, Gesangsreflex, Inalare la voce, Kehlkopfsenkung, Klang, Ohr, Tonus, Vibrato, Wahrnehmung
Minimallufttheorie nach Paul Bruns: Atmung, Inalare la voce
Methode nach Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen: Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Inalare la voce, Kehlkopfsenkung, Konsonanten, Vokal, Zwerchfell
Singen und Bewegung nach Kurt Widmer: Aufrichtung, Atmung, Bewegung, Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Inalare la voce, Kehlkopfsenkung, Mundöffnung / Kieferöffnung,
Luftwege / Luftdruckregelung, Trachealzug, Zunge, Zwerchfell
Sitztechnik nach Frederick Husler: Aperto ma cuperto, Atmung, Chiaroscuro, Inalare la voce, Kehlkopfsenkung, Schwingung / Schwingungswahrnehmung, Sitz / Vordersitz, Vokal, Zwerchfell
Schule der Stimmenthüllung nach Valborg Werbeck-Svärdström: Doppelventilfunktion, Gesangsreflex, Luftwege / Luftdruckregelung,
Mundöffnung / Kieferöffnung
Speech Level Singing (SLS): Belting, Falsett, Konsonanten, Luftwege / Luftdruckregelung, Mischung,Mundöffnung / Kieferöffnung, Register, Schwingung / Schwingungswahrnehmung, Trachealzug, Register
Staumethode nach George Armin: Appoggiare la voce, Doppelventilfunktion, Glottisschlag, Einsatz, Inalare la voce,
Luftwege / Luftdruckregelung, Trachealzug
Der wissende Sänger (Franziska Martienssen-Lohmann): Appoggiare la voce, Ausdruck, Formant, Nase, Kehlkopfsenkung, Konsonanten,
Randschwingung / Randstimme, Register, Sitz / Vordersitz, Vibrato, Zunge, Zwerchfell
WISSENSWERTES IN KÜRZE FÜR DIE CHORLEITUNG
Einen Chor zu leiten bedeutet nicht zuletzt auch, Verantwortung für die stimmliche Gesundheit der Chormitglieder zu übernehmen, sie zu pflegen und zu fördern. Wenn man diese Position bekleidet ist man automatisch eine Hauptbezugsperson in Bezug auf Singen für alle Chormitglieder und oft die einzige professionelle Quelle für alle Fragen rund um Gesang und Stimmpflege. Daher ist ein umfassendes Wissen über die anatomischen, neurologischen und psychischen Voraussetzungen des Singens für Chorleitende ein ebenso grundlegendes Thema wie für diejenigen Menschen, die sich professionell mit Gesang oder Gesangspädagogik beschäftigen.
Bedauerlicherweise gibt es im Chorleitungsstudium noch keine flächendeckende funktionale Gesangsausbildung. Deshalb möchte ich hier ein paar grundlegende Informationen zu den möglichen Wirkungen der nonverbalen, sowohl körperlichen als auch emotionalen Botschaften von Chorleitenden an ihre Chormitglieder geben. Auch einige Missverständnisse und Irrmeinungen über das Singen werde ich von der funktionalen Sichtweise her beleuchten und gegebenenfalls auszuräumen.
Genauere Erklärungen rund um die einzelnen Teilbereiche finden sich in der Enzyklopädie. An dieser Stelle werde ich nur auf spezielle Themenbereiche in Bezug auf Chorsingen und Chorleitung eingehen.
DIRIGIERBEWEGUNGEN UND IHR EINFLUSS AUF DIE SINGENDEN
Viele Bewegungen beim Dirigieren können die Gesangsfunktion unterstützen oder sogar auslösen, indem sie sängerisch günstige Körperfunktionen der Chormitglieder anregen. Bestimmte Dirigierbewegungen haben aber auch eine hemmende Wirkung auf das Singen. Es ist wichtig, die eigene Selbstwahrnehmung hinsichtlich dieser Wechselwirkungen zu schärfen, um nicht durch unterbewusste Gewohnheiten die eigenen Zielsetzungen versehentlich zu untergraben. Die innere Befindlichkeit der Leiterin, des Leiters teilt sich über die Empathie den Singenden ungefiltert mit.
Die Zwerchfellbewegungen etwa, also auch unbewusste Dauerkontraktionen dieses Muskels, haben immer eine ansteckende Wirkung auf andere Menschen. Für die Chormitglieder ist es deshalb von größter Wichtigkeit, dass sowohl eine bewusste Atmung als auch eine positive emotionale Disposition der leitenden Person ihre Phonation unterstützt. Die Atmung sollte daher tief sein, gleichmäßig strömen und auch die Lungenanteile auf der Körperrückseite einbeziehen oder sogar bevorzugen.
Die Tongebung beim Sprechen und Vorsingen ruft immer Reaktionen im Körper der Zuhörenden hervor. Dabei auf eine unangestrengte, vollkommen aggressionsfreie Stimmgebung größten Wert zu legen, ist also sehr wichtig.
Auch die Mimik, die die Singenden sehen, übt einen starken Einfluss auf sie aus. Ein positives, entspanntes Gesicht mit offenen Augen und etwas Tonus in den Lippen, etwa wie beim Staunen, unterstützt die Einatmungstendenz.
Der ganze Körpertonus soll beim Chorleiten hoch sein, denn die Singenden brauchen für ihre Tonerzeugung eine Körperspannung wie beim Sport, damit das Stimmsystem die für das Singen nötige Einatmungstendenz herstellen kann. Entscheidend dabei ist eine gute Kombination von Stabilität und Flexibilität, von den Beinen über Becken, Bauch, Brust, Rücken und Schultern bis zum Nacken und Kopf. Sogar die Position des Körperschwerpunkts beim Dirigieren hat Einfluss auf den Klang des Chores.
Alle Dirigierbewegungen mit Armen, Händen und Fingern sind über Reflexleitungen direkt mit dem Atemsteuerung verbunden. Beim Dirigieren sollten daher die Arme die Erweiterung der Rippen ermöglichen. Das unterstützt die Einatmungstendenz der Chormitglieder. Der Auftakt etwa ist ein Pendant zu der brustkorberweiternden Bewegung, die so wichtig für die sängerische Einatmung ist. Das heißt auch: Federt der Abschlag elastisch zurück, unterstützt er effektiv die Nachatmung der Singenden. Bleibt die Bewegung aber unten stecken, „verschlägt es ihnen den Atem“.
Nach unten gerichtete Handflächen sowie geballte Fäuste triggern Überdruck und machen so den Chorklang hart und unflexibel. Die Handflächen sollten möglichst oft nach oben zeigen, und die Hände unverkrampft und normalerweise geöffnet sein.
Durch das Aufeinanderlegen von Daumen und Fingerspitzen wird, abhängig vom dabei ausgeübten Druck, der Stimmlippenschluss mehr oder weniger stark angeregt.
Schnelle, besonders auch ruckartige Dirigierbewegungen können die Assoziation von Erschrecken triggern und daher Schließimpulse bei den Singenden aktivieren. Weich fließende, öffnende Bewegungen dagegen unterstützen die Abläufe beim Singen.
IST SINGEN LOCKER?
Oft wird zu Recht in der Chorarbeit darauf hingewiesen, dass man beim Singen locker bleiben sollte. Die Assoziation von unverkrampfter, entspannter Muskulatur beim Singen ist verständlich: Es ist sehr wichtig, dass die Mimikmuskulatur in Gesicht und Hals frei von Dauerkontraktionen ist, die die Dehnung dieser Muskeln verhindern würden. Das fühlt sich emotional an wie Lockerlassen, ungehemmt Sein, weil die Mimik direkt mit der Gefühlsebene verknüpft ist. Singen spielt sich aber nicht nur im Gesicht und oberen Rachen ab, auch wenn das Augenmerk meist auf dieser Region liegt, weil da der Klang erzeugt wird. Und auch in diesem Bereich gibt es Muskeln, deren Kontraktion die Gesangsfunktion überhaupt erst möglich machen.
Der innere Lippenring als äußerster Schutz der Atemwege, vor allem im Bereich der Mundwinkel, muss beim Singen immer aktiv sein. Sonst übernehmen reflektorisch andere Muskeln diese Aufgabe, speziell Zunge und Schluckmuskeln, und verengen den Vokaltrakt, um den Schutz zu gewährleisten. Schlundmuskulatur und Zunge sind beim Singen aktiv, aber öffnend wie zu einer großen Einatmung, nicht schließend wie zum Schlucken. Die Bewegung ähnelt der Atmung beim Schwimmen. Das dient der Weitung und Stabilisierung des Vokaltrakts als Resonator.
Das Zwerchfell spannt sich in der sängerischen Einatmung so stark an wie bei keiner anderen Körperaktivität. Es verliert diese Kontraktion während des Singens niemals ganz, ist also nie locker. Das gleiche gilt für die sekundären Einatmungsmuskeln, also Brust- und obere Zwischenrippenmuskeln. Die bei der Ausatmung aktiven, schräge Bauchmuskeln dagegen sind bei vielen Menschen unbewusst dauerhaft angespannt auf Grund eines automatisierten Schutzreflexes, manchmal auch aus ästhetischen Gründen. Damit sich die Ausatmungsmuskulatur bei der Einatmung dehnen lässt, ist es elementar wichtig, sie zu entspannen. Das kann auch als Loslassen psychischer Anspannung empfunden werden, weil die Schutzhaltung ja psychische Ursachen hat.
Die stimmerzeugenden Muskeln selbst arbeiten im Wechsel von Anspannung und Dehnung und erzeugen so langsame, laute und schnelle, leise Schwingungen, also tiefe und hohe Klänge. Dominant aktiv ist dabei immer der Muskel, der sich dehnen lässt. Das kann auch ein Grund für die Assoziation sein, Singen sei primär locker. Denn der Muskel, der beim Singen den ganzen Körper koordiniert, ist der Vocalis selbst. Und der muss für die Erzeugung von hohen Tönen erlauben, sich dehnen zu lassen, bis zur vollständigen Ausdehnung bei etwa fis“.
Damit der komplexe Vorgang des Singens überhaupt stattfinden kann, muss die gesamte Aufrichtungsmuskulatur des Körpers einen sehr hohen Tonus bereitstellen. Es geht, vereinfacht gesagt, darum, den Atemdruck unter den Stimmlippen genau zu dosieren, um die extrem feinen Schwingungen nicht durch „wilde Luft“ zu stören.
Das alles ist mit großer Aktivität des ganzen Körpers verbunden und, so betrachtet, alles andere als locker. Die Muskulatur ist mit Ausnahme einiger Anteile der Mimik, wie der Augenringmuskulatur, entweder aktiv kontrahiert oder gedehnt. Funktional gesundes Singen mit all seinen Facetten ist Hochleistungssport im Stehen. Das gilt, wie bei jeder Sportart, für Profis genauso wie für Nicht-Profis.
MÄNNERSTIMME / FRAUENSTIMME
Männerstimmen und Frauenstimmen sind anatomisch fast gleich. Die Stimmlippen beim Mann sind um mindestens ein Viertel länger als bei der Frau. Der Unterschied im Klang beruht nur auf der stumm mitschwingenden Masse. Dieses Phänomen ist vergleichbar mit dem Unterschied im Klang einer Violine und eines Violoncellos beim Spielen der selben Tonhöhe. Die Männerstimme hat aber mehr Muskelmasse und dadurch auch mehr Potential, um Kontraktionsspannung aufzubauen. Sie kann also von der Phonstärke her lautere Töne erzeugen. Frauenstimmen sind wieder dadurch gut hörbar, dass ihr Frequenzspektrum vor allem in einem von den Ohren besonders intensiv wahrnehmbaren Bereich liegt. Das ist evolutionär bedingt, weil Babys sich hauptsächlich in diesem Frequenzbereich bemerkbar machen. Die reale Lautstärke ist bei Frauenstimmen aber geringer als bei Männerstimmen.
Der Übergang zwischen der „Bruststimme“ und der „Kopfstimme“ ist bei Männer- und Frauenstimmen annähernd auf der gleichen Tonhöhe, nämlich ungefähr bei es`. Er ist also kein anatomisches, sondern ein akustisches Phänomen: Die Eigenresonanz der Luftröhre, die bei Männern und Frauen fast gleich gestaltet ist, hat etwa diese Frequenz. Beim Singen dieser Tonhöhe wird sie zur Vibration angeregt, ähnlich, wie ein Gefäß bei bestimmten Frequenzen mitvibriert. Dadurch wird die regelmäßige Stimmlippenschwingung gestört. Der Vocalis reagiert mit einer Schließtendenz, denn seine Primärfunktion ist ja Schließen bei jeder unerwarteten Luftbewegung, um die Lunge zu schützen. Bassstimmen singen also meistens in der Bruststimme, die nach eben dieser Eigenvibration der Luftröhre benannt ist, Sopranstimmen dagegen in der Kopfstimme, deren Namen von der Verstärkung hoher Frequenzen im Bereich des weichen Gaumenbereich herrührt. Tenor- und Altstimmen müssen den Übergang ausgleichen. Das Falsett der Männerstimme folgt den gleichen akustischen Gesetzmäßigkeiten wie die Höhe der Frauenstimme. Die Sprachebene liegt bei beiden normalerweise im Frequenzbereich der Bruststimme.
KINDERSTIMME
Das Schreien des Säuglings ist ermüdungsfrei, weil wir ohne Stimmbänder, also ohne den Vocalismuskel umhüllende Schleimhautligamente zur Welt kommen. Erst mit Vollendung des 17. Lebensjahres ist die Verbindung zwischen Vocalis und Ligament abgeschlossen. Außerdem steht beim Säugling der Kehlkopf ganz hoch. Seine Art der Tonerzeugung ähnelt einem Pfeifen. Der Mundraum fungiert als Resonator.
Je jünger ein Kind ist, desto mehr atmet es in den Bauch. Die Form des Brustkorbs beim Kleinkind ist im Verhältnis zu der beim erwachsenen Menschen viel weniger gebogen, eigentlich dreieckig. Eine Entfächerung der Rippen durch die Kontraktion des Zwerchfells und der sekundären Einatmungsmuskeln ist je nach Alter noch gar nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. So muss bei der Atmung die Bauchdecke reagieren. Auch die Körperaufrichtung ist noch nicht vollständig herstellbar, und der Vokaltrakt ist viel kürzer. Kinder singen in einem Überdruckmodus bis mindestens zum achten Lebensjahr, meistens aber bis zur Pubertät. Darum haben sie auch kein Vibrato. Das ist ein Phänomen der Stimme des erwachsenen Menschen, das sich erst bei abgeschlossener Aufrichtung einstellen kann.
Wegen der geringen Muskelmasse haben sie einen schwachen Grundton und tiefen Vokalformanten. Der weiche Gaumen kann noch nicht gehoben, und der Vokaltrakt daher nicht ganz aufgespannt werden. Darum klingen Kinderstimmen heller als die von Frauen („voce bianca“). Aufgrund des kurzen Vokaltrakts ist es Kindern möglich, bis in hohe Lagen praktisch alle Vokale vollständig zu bilden. Die Formantbereiche werden wegen der anderen akustischen Verhältnisse nicht überschritten. Darum ist die Sprachverständlichkeit bei ihnen besser als bei Frauenstimmen.
MITSPRECHEN
Viele Chorleitende sprechen die vom Chor gesungenen Texte beim Dirigieren mit. Das bietet die Gelegenheit für sie, dabei den Chormitgliedern sängerisch vorteilhafte Artikulationsbewegungen zu vermitteln. Wenn man nicht selbst singt, eröffnet das die Möglichkeit, die Texte statt ausatmend in Einatmungstendenz zu artikulieren. Das System ist dann im Öffnungsmodus, wo die verengenden oder schließenden Artikulationsbewegungen, die für die Bildung der konsonantentypischen Geräusche nötig sind, entfallen, denn der mitartikulierte Text kann und soll ja unhörbar sein. Dadurch ergibt sich ein völlig anderes, öffnendes Konzept der Mundöffnung, das der Konsonantenartikulation der funktionalen Phonation bemerkenswert nahekommt.
Die Begriffe „Schlabbern“, Schlecken“ und „Schlürfen“ verdeutlichen lautmalerisch diese Öffnungsbewegungen. Die Entstehung der Bezeichnungen erklärt sich aus der Tatsache, dass alle diese Tätigkeiten entsprechende Geräusche produzieren, weil sie im Einatmungsmodus ausgeführt werden.
MUNDÖFFNUNG
Die optimale Kieferöffnung beim Singen beträgt ungefähr zwei bis drei Zentimeter, gemessen am vorderen Zahnreihenabstand. Weiter kann man den Kiefer nur durch Zungendruck öffnen. Das schließt den Rachenraum wieder, denn der Zungenrücken wird dabei nach hinten gedrängt und drückt wie beim Schlucken den Kehldeckel über den Vokaltrakt. Auch das Gaumensegel wird mit nach unten gezogen. Wegen der zu großen Öffnung ist die Wirkung der in Chören oft erwünschten „Gähnstellung“ also kontraproduktiv. Die optimale Vokaltraktweite wird dadurch wieder verringert. Beträgt die Entfernung der vorderen Zahnreihen weniger als ein bis zwei Fingerbreit, steht der Kehlkopf zu hoch. Manchmal werden in der Rabineschule Übungen mit zwei Fingerspitzen zwischen den Schneidezähnen gesungen. Dabei muss unbedingt darauf geachtet werden, dass der Kiefer nicht mit Zungendruck geöffnet wird, sondern wie beim Saugen nach vorne und danach erst nach unten gleitet. (Caruso hat übrigens mit einem Korken im Mund geübt.)
Es ist sinnvoll, Einsingeübungen zu wählen, bei denen der Kiefer geöffnet und der Lippenring aktiv gedehnt ist. Günstige Vokale sind dafür beispielsweise ein dunkles „a“ oder ein offenes „o“. Sie sollten auch in Bezug auf den Konsonantengebrauch so sängerisch wie möglich gewählt sein, mit drucklosen, öffnenden oder ganz ohne Konsonanten. Summen, auch „Ansummen“ vor Beginn des Stücks, ist darum nicht empfehlenswert, denn der Kehlkopf steht dann wegen des geschlossenen Kiefers für die funktionale Tonerzeugung nicht tief genug. Das gilt besonders für hohe Töne. Das „Lippenschwirren“ oder auch „Kutscher-r“ hat aus den selben Gründen den gleichen, ungünstigen Effekt. Dass auf diese Weise oft sehr hohe Frequenzen erreicht werden, liegt daran, dass das ganze System durch die Kieferschließung verkleinert und der Vokaltrakt wieder verkürzt wird. Man imitiert damit die akustischen Verhältnisse, die bei Kindern gegeben sind. Darum ist der dabei erzeugte Klang auch so hell. Für eine Klangproduktion beim Singen mit offenem, weitem Vokaltrakt, also mit akustisch und funktional günstigen Voraussetzungen, hat das keinen Nutzen. Man trainiert nur etwas ein, was so für den angestrebten Zweck nicht verwendbar ist.
NASENATMUNG / MUNDATMUNG
Caruso wird der Satz zugeschrieben: „Ich atme beim Singen, als ob ich an einer Rose rieche.“ Die Nase ist mit einem unteren „Ruheluftweg“ und einem oberen Luftweg über das Riechorgan ausgestattet. Man kann den weichen Gaumen „willentlich“ nur über die Vorstellung des Riechens heben. Sie ist verknüpft mit der des Schmeckens und damit der Aktivierung der Zungenspitze und dem „Spitzen“ der Lippen.
Die sängerische Einatmung beginnt, wie das Riechen, durch die Nase und setzt sich fort durch Mund und Nase zugleich. Ab etwa zwei Zentimeter Mundöffnung schließt das Gaumensegel von innen die Nase ab. Von da an erfolgt reine Mundatmung mit gedehntem oberem Atemweg. Bei geöffnetem Mund ist es ab einer bestimmten Position nur noch mit gehobener Zunge möglich, durch die Nase einzuatmen. Reine Nasenatmung löst obendrein im gesamten Atemsystem eine Verengung aus. Das ist ihr evolutionärer Zweck. Sie ist deshalb für sängerische Atmung ungeeignet.
Nasalität ist das Gegenteil von Kopfigkeit. Sie wird erzeugt durch Zungendruck und eine flache Position des weichen Gaumens als Reaktion darauf.
REGISTER
Der Begriff Register ist irreführend. Die Stimme ist ein Einregisterinstrument, wie eine Saite, mit zwei Komponenten, nämlich Masse und Dehnung. Wie beim Stimmen einer Saite wird durch Dehnen des elastischen Materials eine Verlängerung und Verschmälerung erreicht. Das lässt die Tonhöhe des davon erzeugten Klanges höher werden. Oder, was eine Saite nicht kann, der Muskel kontrahiert aktiv und wird dadurch dicker und kürzer. Der Klang wird tiefer. Der den Stimmmuskel dehnende Antagonist ist der Ring-Schildknorpelmuskel. Er ist am Schildknorpel vorne unten angewachsen. Das dehnungsdominante Register wird durch die Kontraktion dieses Muskels erzeugt. Er dehnt das Ligament, das den Vocalismuskel umschließt, die eigentlichen Stimmbänder. Der entstehende Klang fühlt sich wirklich höher an, weil hohe Frequenzen vor allem im weichen Gaumen verstärkt werden. Daher kommt der Begriff „Kopfstimme“.
Bis zur Tonhöhe fis`` ist noch ein Masseanteil in den Stimmlippen vorhanden. Er wird immer geringer, je höher der Ton wird. Darüber hinaus ist die Muskelmasse nicht abgekoppelt, sondern so lang wie möglich gedehnt und passt sich der Schwingung des Ligaments an. Genauso ist es mit den Vokalen „u“ und „i“: Sie werden aus dem gleichen Grund, wegen der Aktivierung der Dehnungsfunktion bei ihrer Bildung, als „kopfig“ bezeichnet. Die „Bruststimme“ wird so genannt wegen der beim Singen fühlbaren Vibrationen im Brust- und Bronchialbereich. Durch die Kontraktion des Vocalis entstehen tiefe Frequenzen, die die Resonanz der Luftröhre anregen.
Das Phänomen von Brust- und Kopfstimme ist also rein akustischer Natur: Entweder wird die Luftröhre zur Eigenvibration angeregt, oder eben nicht. Dabei besteht kein qualitativer Unterschied in der Funktion des Vocalismuskels. Funktional gesehen ist die Dehnung der Stimmlippen ein gradueller Vorgang ohne Brüche, wie bei der Saite. Der Fachausdruck für diese Mischung von Masse und Dehnung ist „voix mixte“.
SINGEN BIOLOGISCH BETRACHTET
Singen ist laut Eugen Rabine der komplizierteste zusammengesetzte Reflex des menschlichen Körpers, gehört aber, wie alle Reflexe, mit zu seinem Grundpotential. Beginn ist ein neurologischer Impuls durch den Bewegungsreiz der sich weitenden achten bis fünften Rippenpaare an die Nerven, die in der Wirbelsäule verlaufen. Eine spezielle Form der tiefen Einatmung löst ihn aus, ähnlich wie den Niesreflex, der ja auch einer sehr tiefen Einatmung bedarf. Durch eine Mundöffnung wie beim Trinken also ohne Zungendruck, und den Zug des Zwerchfells auf die Bronchien wird der Kehlkopf gesenkt. Gegenläufig, als Reaktion darauf, hebt sich der weiche Gaumen. Auch hier erzeugt Zug Gegenzug, wie bei jedem elastischen Material. Das bedeutet im Umkehrschluss: Bei zu geringem Einatmungsvolumen, unter ungefähr 50% der Lungenkapazität, wird der Gesangsreflex nicht ausgelöst. Auch das haben Singen und Niesen gemeinsam: Bei beiden erfolgt keine Reflexreaktion, wenn das erforderliche Einatmungsvolumen nicht erreicht wird. Bei zu geringem Lungenvolumen wird die Tonproduktion anders organisiert und ähnelt dann eher dem Rufen.
Ist der Gesangsreflex soweit von ihm zuwider laufenden Gewohnheiten befreit, dass er dominant die Vorgänge beim Singen leiten kann, ist er selbstregulierend und selbstoptimierend. Allein die Wahrnehmung von angenehm und „stimmig“ reguliert ihn. Ein Bewegungsablauf wird immer von der neuronal feinsten Bewegung geleitet, und die finden in dem Fall in den Stimmlippen statt („Fingerspitzengefühl“). Die primäre, schließende Schutzfunktion des Vocalismuskels wird beim Singen durch seine kinetische Energie, anders gesagt, durch seine Schließbereitschaft ersetzt. Er schließt aber nicht dauerhaft, sondern vollführt durch den Gesangsreflex ausgelöste regelmäßige, sehr schnelle Schwingungen. Das erhöht die Schutzwirkung noch.
Wie alle anderen Reflexe auch, wird dieser Reflex ausschließlich von den intuitiven Hirnregionen gesteuert, ohne Eingreifen der analytischen Funktionen des Gehirns. Das hat weitreichende Konsequenzen auf die Herangehensweise beim Unterrichten, und auch bei der individuellen Selbstoptimierung: Über theoretisches Wissen ist es nicht möglich, etwas so unbewusst Ablaufendes, Komplexes und mit dem Verstand überhaupt nicht Erfassbares sinnvoll zu beeinflussen. Die Regulationsmechanismen dafür laufen außerhalb der bewusst steuerbaren Hirnareale ab.
Das ist ein Grund, warum Sängerinnen und Sänger sich wehren, wenn sich durch zu viele analytische Vorgaben das Körpersystem von der intuitiven auf die rationale Regulierung umschaltet: Dann funktioniert das eigene „Instrument“ nicht mehr optimal. Dadurch kann sich die Fehlerquote immer weiter erhöhen, ohne dass die ausübende Sängerin, der ausübende Sänger etwas dagegen tun könnte. Natürlich ist das unbefriedigend und frustrierend, besonders für die Singenden selbst, weil der Ansatz von vorne kontraproduktiv ist. Hier liegt vermutlich einer der Gründe für die sprichwörtliche Emotionalität, die in der Sängergarde weit verbreitet ist: Rationales Überdenken der „Technik“ kann störend wirken. Bei intuitiver Herangehensweise, begleitet von positiver Gefühlslage, funktioniert sie am besten.
STIMMSITZ
Wo „sitzt“ die Stimme? Was bedeutet dieser Begriff genau? Während der Phonation entstehen verschiedene Vibrationswahrnehmungen, sowohl an und über den Stimmlippen als auch am oberen Ende des Vokaltrakts, am geschlossenen weichen Gaumen. Durch das Dazwischenschieben einer Art „Rampe“ mit Hilfe von schräger Zungenhebung entsteht eine Brechung der stehenden Klangwelle. So wird die Bildung der Vokale „e“, „i“, „ä“, „ö“ und „ü“ ermöglicht, und zugleich eine dritte Vibrationswahrnehmung am harten Gaumen erzeugt. Diese Wahrnehmung wird gerne als „Sitz“ bezeichnet. Sie ist sehr deutlich spürbar, weil sie an einem Knochen resoniert. Meistens wird sie sogar viel deutlicher wahrgenommen als die primären Schwingungswahrnehmungen am unteren und oberen Ende der Klangsäule.
Daraus hat sich die „Sitztechnik“ entwickelt. Da die oben genannten Vokale alle viele helle Frequenzen aufweisen, wollte man dies bei den dunkleren Vokalen „a“, „o“ und „u“ auch erreichen durch die gleiche schräge Zungenhebung. Diese Vokale werden sängerisch aber hauptsächlich durch Kontraktion des Lippenrings gebildet, wie beim Saugen. Eine schräge Hebung des Zungenrückens für diese Vokale zieht den Kehlkopf hoch. Dadurch wird der Stimmklang zwar heller, verliert aber an tiefen Frequenzen und somit an Phonstärke.
In einer Klangsäule bilden sich immer so viele Teilfrequenzen des Grundtons, wie es die Länge des Rohres ermöglicht. Sehr hohe Frequenzen, wie der sprichwörtliche Sängerformant, können daher nur in einem optimal langen Vokaltrakt entstehen, also bei tiefstmöglicher Position des Kehlkopfs. Bei der Sitztechnik werden aufgrund der Verkürzung des Vokaltrakts tiefere Teiltöne mit eher näselndem Klang erzeugt, die ganz hohen Frequenzen, die „Sängerformanten“, aber nicht ausgebildet. Die bestimmen aber die Tragfähigkeit, weil sie vom menschlichen Ohr besonders gut verstärkt werden. Außerdem können sie von Orchesterinstrumenten nicht erzeugt werden. Gleichzeitig ist das Ganze durch die suboptimale Kehlkopfposition auf Dauer stimmschädigend. Für die gleiche Phonstärke muss mehr Luftdruck aufgewendet werden: Durch den Überdruck werden die Stimmlippen zur Ankopplung von zu vielen Muskelfasern anregt, um den Klangverlust durch das Hochziehen wieder auszugleichen.
TONVORSTELLUNG / VOR- UND NACHSINGEN
Wie ist es praktisch möglich, „die Tonhöhe sauber zu treffen“? Weil die Tonhöhe unbewusst reguliert wird, nämlich über das interne Spannungsverhältnis der beiden Antagonisten Stimmlippen und äußerer Kehlkopfmuskel, ist es auch nicht möglich, sie willentlich anzusteuern. Wir nehmen erst dann die Frequenz des Tones wahr, wenn wir eine Kontrolle der entstandenen Schwingung über das Hören gewonnen haben. Aber im Laufe der Zeit bildet sich eine Muskelerinnerung heran, ein Gefühl für Tonhöhen, und dadurch kann eine zuvor gehörte oder auch nur vorgestellte Frequenz voreingestellt werden. Normalerweise lernen wir das in der Kindheit.
Das ist im Grunde dasselbe Muskelspannungsgedächtnis, das jeder Mensch braucht, der ein Instrument lernt: Am Anfang hat man keine Anhaltspunkte für Tonabstände. Aber durch Übung bekommt man ein Gespür dafür und muss dann immer weniger korrigieren. Auf diese Weise kann man spielen lernen, ohne hinzuschauen, ohne zu kontrollieren, wohin sich die Finger bewegen sollen. Es wird möglich, durch eine Art „Wünschen“ die Finger dazu zu bringen, die Töne zu treffen.
Wird der Versuch gemacht, sich „schon den höchsten Ton der folgenden Phrase vor dem Toneinsatz vorzustellen“, führt das dazu, dass sich das System aufgrund seiner Vorerfahrung genau auf diese Frequenz vorbereitet. Beginnt nun aber die Phrase mit einem tieferen Ton, ist natürlich die Voreinstellung nicht optimal, und demzufolge auch die Qualität der zuerst entstehenden Schwingung nicht. Gewissermaßen wird dadurch das falsche Ziel angesteuert. Aus funktionaler Sicht ist es empfehlenswert, über die Tonvorstellung den ersten Ton der Phrase anzusteuern und die weitere Tonhöhenregulation den Stimmlippen zu überlassen. Sie sind dafür von Natur aus vorbereitet. Nötig ist dafür nur eine sängerische Einatmung und Mundöffnung und die mentale Vorstellung von dieser Tonhöhe. Es ist auch möglich, sie am Instrument anzugeben, denn das löst im Gehirn den gleichen Effekt aus, wie wenn man sie sich vorstellt. Vorsingen kann problematisch sein, denn die Chormitglieder könnten dann die persönliche Singweise der vorsingenden Person unterbewusst in ihre individuelle Voreinstellung übernehmen. Das technische Können ist im Chor aber meistens sehr unterschiedlich verteilt und weicht außerdem oft mehr oder weniger stark von den sängerischen Fähigkeiten der Chorleitenden ab. Inwieweit die Einzelnen umsetzen können, was sie hören, und ob dabei Missverständnisse entstehen, weil das Gehörte nicht eingeordnet werden kann, bleibt aber verborgen.
Wenn Chorleitende vorsingen, ist es wichtig, dass die Art ihrer Stimmführung für die Chormitglieder auch körperlich nachvollziehbar und das Lernziel erkennbar ist. Es ist wichtig, dazu Erklärungen zu liefern, wie und warum eine Bewegung förderlich ist. So können damit für das Singen günstige Prozesse angestoßen werden. Daher sollte auch möglichst nicht oktavversetzt vorgesungen werden, sondern in der Lage, in der die entsprechende Stimmgruppe nachsingt, soweit der individuelle Stimmumfang das erlaubt. Für Chorleiter bedeutet das, Frauenstimmen und sogar Kindern nach Möglichkeit in der Kopfstimme vorzusingen. Die Stimmfunktion bei erwachsenen Menschen beider Geschlechter läuft ja nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten ab, obwohl der Tonumfang sich um etwa eine Oktave unterscheidet. Und auch Kinder singen vor allem im dehnungsdominanten Register. Ihre Übergangslage liegt zwar je nach Alter um bis zu einer Quart höher als die von erwachsenen Frauen, aber auch sie haben die Möglichkeit, zwischen Kopf- und Bruststimme zu wählen.
UNTERDRUCK UND ÜBERDRUCK IN DER AUFFÜHRUNGSSITUATION
Bei Aufführungen kann es die Konzentration auf die Musik stören, wenn sich der Chor mehrmals setzt und aufsteht. Allerdings stellt sich die Frage, ob ein möglichst unauffälliges Erscheinungsbild der Ausführenden für den Musikgenuss wichtiger ist oder ein guter Klang. Im Orchester können alle ihre Instrumente individuell absetzen, wann immer sie das brauchen. Dadurch erholt sich die Muskulatur, und man kann danach wieder optimal musizieren. Beim Singen wäre etwas Entsprechendes aber sogar elementar notwendig, weil da ja der ganze Körper das Instrument ist. Denn die Aufrichtungsmuskeln sind in zweiter Linie auch Atemmuskeln. Wenn sie ermüden, kann keine vollständige Einatmung mehr erfolgen, und es wird kein Gesangsreflex mehr ausgelöst. Das Halten von schweren Noten verengt zusätzlich den Brustkorb. Auch auf emotionaler Ebene kann damit eine „belastende“ Situation entstehen. „Befreites“ Singen, gesunde Klangerzeugung wird so unmöglich. Die Bereitstellung von Notenpulten wäre da eine echte Erleichterung. Obwohl die Instrumente durch die körperliche Position der Spielenden ja keinen Schaden nehmen, ist das beim Instrumentenspiel selbstverständlich. Zumindest sollten die Sängerinnen und Sänger rechts und links genug Platz haben, um beim Notenhalten die Ellbogen zu heben, so dass sich die Rippen für die sängerische Einatmung entfächern können. Stehen die Chormitglieder dicht gedrängt und müssen die Noten selbst halten, macht sich das im Klang bemerkbar: Er wird hart, unflexibel und verliert an Tragfähigkeit, weil der hohe Druck unter den schwingenden Stimmlippen den Vokaltrakt verengt. Dann wechselt der Körper von der Unterdruckfunktion in die Überdruckfunktion. Anstelle von Wohlgefühl wird akustisch unwillentlich Aggressivität transportiert. Natürlich hat das Auswirkungen auf die Zuhörerschaft und auch auf die Leiterin, den Leiter selbst. Das könnte ein Grund für die Annahme sein, lautes Singen sei eher ungesund. Es stimmt, dass durch Überdruck erzeugte laute Töne die Stimme strapazieren und für die Zuhörenden unangenehm sind. Trotzdem ist es keine gute Lösung, wenn der Chor überwiegend im Piano singt, um „die Stimme zu schonen“. Denn bei leiser Dynamik muss der Luftfluss durch die Stimmfalte ja noch feiner dosiert werden. Die Einatmungsmuskulatur braucht dafür noch mehr Kraft. Obendrein wird die direkte Stimmmuskulatur durch lautere Dynamik viel effektiver trainiert. Eine größere, funktional durchdachte Belastung bringt einen besseren Trainingserfolg, genau wie bei jedem anderen Muskeltraining auch. Die Fehlannahme, dass leises Singen für die Stimme schonender wäre, kann infolge dieser Zusammenhänge also immer weiter in das Singen mit Überdruck führen. Die Muskulatur von Stimme und Atemapparat ist ohne funktional richtiges Training irgendwann nicht mehr fähig, genügend Kraft für gesundes Singen aufzubringen. Die Muskeln müssen sinnvoll trainiert werden, um die sängerische Klangerzeugung dauerhaft leisten zu können.
Auch der überwiegende Fokus auf Textdeutlichkeit birgt ein Risiko im Umgang mit der Singstimme: Durch „Konsonantenspucken“ kippt leicht die Balance zwischen der dominanten Unterdruckfunktion beim Singen und dem rezessiven Überdruck für die Bildung der Konsonanten. Die Wirkung ist ähnlich kontraproduktiv und störend, wie wenn man beim Skifahren beim Stockeinsatz im Schnee stecken bleibt und damit den Schwung ausbremst, statt ihn zu steigern. Bei der Arbeit mit Orchester fällt das besonders ins Gewicht: Die Geräusche beim instrumentalen Toneinsatz kollidieren mit den Konsonanten des Textes. Die hinteren Reihen im Orchester hören den Chor aber deutlich und wählen ihre Dynamik danach. Werden vom Chor dann mehr Konsonanten für die Textverständlichkeit gefordert, entsteht auch mehr Überdruck. Der Klang wird lauter und härter, die entstehenden Frequenzen tragen aber nicht weit. So hört man sie im Orchester viel besser als am Dirigentenpult. In der Folge wird auch lauter gespielt. Das beeinträchtigt aber aufs Neue die Verständlichkeit. So entsteht ein Teufelskreis, dessen Endergebnis ein forcierter und undifferenzierter Chorklang ohne klar erkennbare Vokalfarben ist.
Wenn die Orchesterdynamik jedoch der des Chores angepasst und der Konsonant vor dem Tonbeginn artikuliert, der Vokal danach aber „auf Schlag“ gesungen wird, schließen Textverständlichkeit und gesunde Stimmbehandlung einander nicht aus.
Die Forderungen, „aussingen“ zu dürfen, ohne der Textdeutlichkeit erste Priorität einräumen zu müssen, genug Platz auf der Bühne zu haben und keine zu schweren Noten halten zu müssen, entspringen also eigentlich einem guten Gespür für einen gesunden Umgang mit den eigenen sängerischen Ressourcen. Auch der Wunsch, sich immer wieder setzen und zur Entspannung der Rückenmuskulatur dabei vielleicht sogar anlehnen zu können, gehört dazu. All das sind funktionale Notwendigkeiten, die den Ausführenden, in der Folge den Zuhörenden, und somit der Musik dienen.
WIE STEHT MAN BEIM SINGEN?
Um gesunde, schöne und farbenreiche Klänge zu erzeugen, ist eine gute Balance von Stabilität und Flexibilität im Körper nötig. Denn die Atemmuskeln sind mit Ausnahme des Zwerchfells alle auch Körperaufrichtungsmuskeln. Wenn sie das „Instrument“ Körper in Form halten, kann die Tonerzeugung ungestört erfolgen.
Die Füße sollen ungefähr einen Fußbreit auseinander und leicht nach außen gedreht senkrecht unter den Hüftgelenken stehen, also näher zusammen, als mit „hüftbreit“ oft assoziiert wird. Das ist wichtig für die Statik. Das Körpergewicht ist gleichmäßig über die Fußriste verteilt: Die äußeren Fersen Tragen das gleiche Gewicht wie die großen Zehen. Die Knie sind gestreckt, aber die Kniescheiben entspannt nach unten losgelassen. Das untere Becken kippt leicht nach vorne. Die Leistenmuskulatur ist gedehnt, die untersten Zentimeter der Bauchmuskeln durch die mäßige Kontraktion des Beckenbodens dadurch aber etwas angespannt, auf einer Skala von 1-10 eine Kontraktionsstärke bei etwa 3. Der Oberbauch ist infolge der Rippenhebung bei der Einatmung in die Länge und Breite gedehnt und im Bereich des Sonnengeflechts darum sogar leicht nach innen gezogen. Die Rippen sind seitlich erweitert, die darauf aufliegenden Schulterblätter dadurch leicht nach außen gedreht. Das heißt, dass die äußeren Spitzen der Schulterblätter etwas nach oben steigen. Wird das verhindert, um „die Schultern nicht zu heben“, ist die für gesunde Phonation notwendige, tiefe Einatmung nicht möglich. Wenn Noten gehalten werden müssen, sollte genug Platz vorhanden sein, um die Ellbogen rechts und links mindestens im 45°-Winkel vom Körper abzuheben. Das unterstützt die Weitung der Rippen. Der Hals ist lang und gedehnt, die obere Krümmung zeigt etwas nach hinten, wie beim „Blick in den zweiten Rang“. Die Kau- und Mimikmuskulatur ist entspannt oder gedehnt.
Auf all das kann beim Singen im Sitzen auch geachtet werden. Die Beckenkippung ist im Sitzen sogar besser herstellbar. Es unterstützt die Atmung in den hinteren Teil der Lunge, sich anzulehnen, weil der Hauptteil der Lunge im Rücken liegt. Auch auf die Abflachung der Lordose, das „Hohlkreuz“, wirkt sich Anlehnen günstig aus. Dagegen verstärkt das „Sitzen an der Stuhlkante“ die Hochatmung und den Überdruck.
ZU HOCH / ZU TIEF
Die Intonation entsteht, wie auch bei allen Saiteninstrumenten, am Grundton. Ohne Grundtonwahrnehmung kann sie daher nicht geregelt werden. Für das Verstehen von Sprache nutzen wir aber hauptsächlich den zweiten Vokalformanten. Beim Sprechen ist der erste nur ansatzweise ausgebildet. Das erschwert das Hören tiefer Frequenzen im Klang erheblich. Es erfordert viel Übung, sie zuverlässig zu erkennen. Beim gesungenen Ton ist aber der erste Formant, der wie der Grundton im Kehlkopf entsteht, maßgebend für die Intonationsregelung. Unabhängig vom Grundton ist die Intonation nur über Veränderung der Vokaltraktform regelbar. Für die Qualität der Klangverstärkung ist aber eine optimale Resonanz im Klangrohr ausschlaggebend. (Zum Vergleich: Zur Regelung der Intonation von Blechblasinstrumenten wird der Resonanzraum durch „Stopfen“ verformt. Die Frequenz bleibt gleich, weil sie am Mundstück erzeugt wird aber der Klang wird verschlechtert.) Beim üblichen Proben von Chorstücken auf „nü“ oder ähnlichen verengenden Silben zur Verbesserung der Intonation wird der Kehlkopf hochgezogen. So bildet sich der untere Formant kaum, was das Hören des oberen erleichtert. Bei Kinderstimmen mit von Natur aus wenig tiefen Klanganteilen kann diese Vorgehensweise sinnvoll sein, bei Erwachsenen nützt sie für die endgültige Intonation mit geöffnetem Vokaltrakt und vollständiger Schwingung nichts. Man trainiert bei ihnen so nur eine ungesunde Klangerzeugung, die auf die Dauer der Intonation eher schadet.
Will man durch die Erhöhung des Luftdrucks den Ton erhöhen, ihn „höher schieben“, was bei manchen Blasinstrumenten möglich ist, versetzt man zu viel Muskelmasse in Schwingung. Dann rutscht die Intonation weiter nach unten. Dadurch entsteht oft ein stimmschädigender und für alle frustrierender Teufelskreis: Durch den Versuch, höher zu singen, wird der Klang tiefer und lauter. Oder umgekehrt: Klingt der Ton zu hoch, und man versucht, ihn durch Verringerung von Luftdruck und Körpertonus zu „entspannen“, kollabiert die Einatmungstendenz. Sie ist es aber, die den Vokaltrakt offen hält. Er verengt sich, die Zunge rutscht nach hinten, und die Rückkopplung des Klanges auf die Stimmlippen wird unterbrochen. Dann ist die Grundtonfrequenz von außen nicht mehr gut hörbar. Die tiefen Klanganteile fehlen, und das Klangergebnis ist zu hoch, hell und „scharf“. Vor allem in der Sopranlage tritt dieses Phänomen auf: Der Klang wirkt dann isoliert und „körperlos“. Er ähnelt etwas einem vibratolosen Pfeifton. So wird jeweils das Gegenteil des angestrebten Ergebnisses erreicht.
Allgemein kann gesagt werden, dass der Eindruck von „zu tief“ bei zu wenig hoher und der von „zu hoch“ bei zu wenig tiefer Schwingung im außen hörbaren Klang entsteht. Man singt also nicht wirklich zu hoch oder zu tief, sondern das ist nur der äußere Eindruck. Die Singenden selbst hören sich richtig. Dieser Missstand ist nur durch Optimierung der Stimmtechnik in den Griff zu bekommen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Unterschied zwischen Frauen- bzw. Kinderstimmen und Männerstimmen: Je tiefer der Grundton ist, desto mehr Teiltöne können darüber im Resonator entstehen, und desto besser mischt sich der Grundton mit den Obertönen. Je höher der Ton und je kürzer der Resonanzraum ist, desto weniger Obertöne können darin entstehen, und desto schlechter mischt sich dann der Gesamtklang. Beim Singen von hohen Tönen fallen darum Ungenauigkeiten der Grundtonfrequenz mehr auf, auch wenn es sich nur um wenige Schwebungen handelt. Daraus ergeben sich in der Höhe mehr Intonationsprobleme als in der Tiefe. Dieses Phänomen ist auch bei Instrumenten anzutreffen: Die Intonationsregelung bei einer Geige ist viel subtiler als bei einem Kontrabass.
Außerdem liegen die oberen Vokalformanten von einigen Sprachvokalen unter den gesungenen Frequenzen hoher Töne. In dieser Lage ist für genaue Intonation also eine gezielte Veränderung der Vokalisation notwendig, die in der Sprachgewohnheit nicht vorkommt. Müssen in hoher Lage Texte gesungen werden, ist es aus diesem Grund für hohe, erwachsene Stimmen viel schwerer als für tiefe, so optimal zu intonieren, dass der Ton für die Zuhörenden weder zu hoch noch zu tief erscheint.
Gabriele Weinfurter
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